Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Albert Speer bei der Entlassung aus dem Gefängnis, 1966. Foto: Salzgeber
+
Albert Speer bei der Entlassung aus dem Gefängnis, 1966.

Kino

Dokumentarfilm über Albert Speer: Architektur in Weiß

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

Vanessa Lapas verstörender Dokumentarfilm „Speer Goes to Hollywood“ über ein wenig bekanntes Filmprojekt des NS-Kriegsverbechers

Es ist einer der größten Bestseller zum Nationalsozialismus, mehr als drei Millionen Mal gingen Albert Speers „Erinnerungen“ über den Ladentisch. Der Autor, als NS-Rüstungsminister für das Schicksal von Millionen von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen verantwortlich, ließ die beschriebenen Seiten während seiner 20-jährigen Haft aus der Zelle schmuggeln – und verdiente später daran Millionen.

In ihrem Dokumentarfilm „Speer Goes to Hollywood“ führt die israelische Regisseurin Vanessa Lapa in die Geistes- und Lebenswelt des wohlsituierten Seniors. Die Beklemmung, die aus Speers später Erfolgsgeschichte erwächst, überdauert die 97 Minuten Laufzeit um ein Vielfaches.

Ausgangspunkt und dramaturgisches Fundament sind vierundvierzig Stunden Audiokassetten aus den Jahren 1971/72, die der damals 26-jährige Drehbuchautor Andrew Birkin zur Verfügung stellte. Später bekannt als Autor aufwendiger Literaturverfilmungen wie „Der Name der Rose“ und „Das Parfüm“ war er damals Assistent von Stanley Kubrick. Nachdem das amerikanische Paramount-Studio die Filmrechte erworben hatte, lieferte er die gewünschte Adaption. Auch wenn noch nicht geklärt war, wer bei dem schließlich abgesagten Filmprojekt Regie führen sollte, hatte er doch bereits einen begeisterten Leser: Albert Speer.

Stets in bester Laune

Um das Werk Szene für Szene mit Birkin durchzusprechen, lud er ihn in seine Heidelberger Villa ein. In den Dialogen, die leider wegen angeblich schlechter Audioqualität von Schauspielern nachgesprochen wurden, zeigt er sich stets in bester Laune. Besonders erfreut ihn, dass es ein Spielfilm sein würde, denn da könnte er schließlich hinterher immer sagen, es sei ja nur Fiktion. „Bei einem Dokumentarfilm wäre das nicht so einfach“. Selbst die von ihm stets bestrittene Anwesenheit bei Himmlers Posener Reden zur Judenvernichtung wäre dann als Teil der Inszenierung vorstellbar.

Immer wieder unterbricht die Filmemacherin das Gespräch mit Dokumentarbildern aus mehr als 50 Archiven. Aus neu digitalisierten Originalaufnahmen von den Nürnberger Prozessen destilliert sie glasklare Aufnahmen des geschickten Selbstverteidigers. Es sind Bilder des Grauens: Bilddokumente von gefolterten Zwangsarbeitern der Krupp-Werke, die Speer mehrfach besuchte, das Bild eines Mannes, den man zwang, sich selbst aufzuhängen.

Diese Bilder kontrastieren mit Birkins devot erscheinender Befragung des ehemaligen Ministers zwei Jahrzehnte später. Einmal schlägt er Speer vor, die Zahlen der ermordeten Zwangsarbeitsopfer kleiner zu rechnen, indem man sie über Monate verteilte. Ein anderes Mal beklagt er sich über Paramounts „jüdische Brigaden“ die eine Weißwaschung von Speers Taten fürchteten. Man fragt sich, wie Birkin derartige Aussagen freigeben konnte. Tatsächlich meldete er sich bereits am 13. März 2020 in einem Leserbrief der Internetseite World Socialist Web Site zu Wort. Die Regisseurin habe „Zitate, die Speer anderswo gesagt hat, aber nicht mir, eingefügt und Antworten, die ich nicht gegeben habe. Viele dieser Zitate sind unwichtig, aber wenn man Speers antisemitische Bemerkungen hört, wirft das ein schlechtes Licht auf mich, wenn ich ihm da nicht widerspreche.“

Carol Reed warnt

Auch erwecke der Film fälschlich den Eindruck, der legendäre britische Filmemacher Carol Reed sei als Regisseur in der Diskussion gewesen, da auch dessen Gespräche mit Birkin Verwendung finden. Darin warnt der Regisseur von „Der dritte Mann“ eindringlich vor einer Verklärung. Tatsächlich habe Birkin seinen Cousin Reed rein privat um Rat gefragt.

Diese Probleme ändern nichts an den entscheidenden Qualitäten des Films, der Entlarvung von Speers lügenhafter Selbstdarstellung. Doch es wäre leicht gewesen, sie zu vermeiden. Gern hätte man wenigstens einige Proben der Originalaufnahmen gehört. Und wichtig wäre auch gewesen, die Umstände des Produktionsstopps zu erfahren. Costa-Gavras, der als Regisseur ausstieg, könnte sicher einiges dazu berichten. Laut Birkin scheiterte das Projekt schließlich an Speers Verleger. Wolf Siedler: Er habe sich geweigert, die Drehbuchoption zu erneuern, solange Szenen im Film geblieben wären, die Speer als Besucher des Lagers Mauthausen und Zuhörer bei Himmlers Posener Reden gezeigt hätten. Der selbst hätte sich damit wohl arrangieren können – schließlich hätte Hitlers ehemaliger Star-Architekt stets auf die Freiheit der Filmkunst verweisen können.

Speer Goes to Hollywood. Dokumentarfilm. Israel 2020. 96 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare