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Dings und Dings

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Gibt es noch einen Unterschied zwischen „online“ und „offline“? Oder sind wir nicht längst alles gleichzeitig?

Wenn ich in einem Vortrag etwas über „online“ oder „offline“ sage, meldet sich hinterher mit großer Wahrscheinlichkeit jemand zu Wort, um zu sagen, dass diese Einteilung der Welt doch überholt ist oder überhaupt nie sinnvoll war. Meistens ist diese Person halb so alt wie ich, und ich fühle mich dadurch gleich noch mal doppelt so alt, also insgesamt knapp hundert. „Das sehe ich im Prinzip genauso“, sage ich dann beklommen, „aber in diesem speziellen Fall brauchte ich halt irgendein Wort, um den Unterschied zu beschreiben, mir ist kein besseres eingefallen …“ Und von diesen speziellen Fällen gibt es viele.

Der Soziologe Nathan Jurgenson hat in seinem 2019 veröffentlichten Buch „The Social Photo“ die Probleme der Online-offline-Diskussion beschrieben: „Es gab und gibt kein Offline.“ Der „Offline“-Zustand sei immer ein Phantom gewesen. Man begegne häufig dem Missverständnis, dass es sich um ein Nullsummenspiel handle und mehr online verbrachte Zeit bedeute, dass wir weniger Zeit offline verbrächten. In Wirklichkeit seien Online und Offline in unserem Alltag untrennbar ineinander verstrickt, und auch die Unterscheidung zwischen Netz und „real life“ unbrauchbar: „Das Web hat alles mit dem echten Leben zu tun; es enthält echte Menschen mit echten Körpern, echter Geschichte, echter Politik. Wir leben in einer gemischten augmented reality, in der sich Materialität und Information, Körperlichkeit und Digitalität, Körper und Technologie, Atome und Bits, Offline und Online überschneiden.“ Trotzdem enthält der betreffende Abschnitt in Jurgensons Buch ziemlich oft die Begriffe online und offline, connected und disconnected.

Im Alltag kommen immer noch viele Situationen vor, in denen man – zumindest in Deutschland – eindeutig offline ist: In Zügen unterhalb der ICE-Klasse gibt es meistens kein WLAN und auf vielen Strecken auch keinen Handyempfang. In ländlichen Regionen haben T-Mobile-Kunden manchmal Netz und Kunden der anderen Anbieter meistens keines. Veranstaltungsorte liegen im Inneren mobilfunkdichter Betonbunker, und das Organisationsteam kennt das WLAN-Passwort nicht oder darf es nur an die Technik herausgeben, weil es „nicht für alle reicht“. Wie bei einem Stromausfall denke ich in solchen Situationen: „Egal, dann mach ich halt … nein, dafür bräuchte ich ja Netz. Na gut, dann eben … ach, das geht ja auch nicht.“ Am Ende lese ich meistens ein Buch. Allerdings auf dem Handy, woran man eine weitere Komplikation erkennen kann: Was ich als Offlinetätigkeit bezeichnen würde, liegt aus der Sicht anderer mittendrin im Onlinegelände.

Und übrigens auch umgekehrt: 2017 erklärte mir in der Schweiz eine Medienwissenschaftsstudentin, sie unterrichte an einer Kantonsschule, und bei ihren 18-jährigen Schülerinnen und Schülern gelte es als uncool, online zu sein. Ich musste nachfragen, weil ich nicht glaubte, dass 18-Jährige damit ein netzabstinentes Leben beschreiben. Das war auch wirklich nicht gemeint. „Online sein“ bedeutete hier, öffentlich sichtbare Dinge im Netz zu machen.

Auch in Situationen und Gegenden mit grundsätzlich vorhandener Netzversorgung braucht man gelegentlich Begriffe, um beispielsweise einen Verein, der mit seinen Mitgliedern ausschließlich auf Papier und bei Versammlungen kommuniziert, von einer Organisation zu unterscheiden, deren gesamte Kommunikation im Netz stattfindet. Zwar verschwindet die erste Variante allmählich, aber sie verschwindet langsamer als der Wunsch, darüber zu reden, welche Aufgaben auch in der Regionalbahn, bei Stromausfall oder durch veränderungsunwillige Teammitglieder erledigt werden können.

Ich würde sehr gern schon mal die Zukunft einleiten und mich von den albern nach Kabeln und Modemeinwahl klingenden Begriffen lösen. Ich weiß nur nicht, wie diese Zukunft aussehen soll. Gar nicht mehr darüber reden und schreiben mit der Begründung, nicht nur die Begriffe, sondern die gesamte Fragestellung sei überholt, kommt mir zu einfach vor. Schließlich wird auch über den byzantinischen Bilderstreit noch geredet und geschrieben. Lässt sich etwas anfangen mit Analogien zu anderen Dingen, von denen unser Alltag gründlich durchdrungen ist? Wasser? Hunde? Staub? Staub ist allgegenwärtig und wird – außerhalb von Astronomie und Staubforschung – in Beschreibungen nur dann erwähnt, wenn der beschriebene Ort wirklich ungewöhnlich staubig ist. Sobald ein internetfreier Raum so selten wird wie ein staubfreier Raum, löst sich das Problem also vielleicht von allein.

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