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Gespräch mit Rolf Hosfeld

Diktatur mit Eigensinn

20 Jahre nach dem Ende der DDR liest sich sein Buch "Die Geschichte eines anderen Deutschlands" angenehm sachlich. Hosfeld über den vergeblichen Versuch, in der DDR das bessere Deutschland aufzubauen.

20 Jahre nach dem Ende der DDR liest sich Ihr Buch angenehm sachlich und es ist hochinformativ. Interessant sind vor allem die vielen Fallbeispiele, die Sie gefunden haben. Wie lautet Ihr Fazit: War die DDR eine kommode Diktatur? Oder ein brutales Unterdrückungssystem?Sie war ein System, das jedem, der sich nicht in die offizielle Parteiideologie einfügen wollte, jede Chance zu einem selbstbestimmten Leben genommen hat. In den fünfziger Jahren war sie radikaler und brutaler als später. Allerdings vermehrte sich die Staatssicherheit krebsartig in der Honecker-Zeit. In keinem Land des Ostblocks gab es 1989 im Verhältnis zur Bevölkerung so viele Geheimdienstmitarbeiter wie in der DDR. Trotzdem ist die Diktatur auch an dem nachlassenden Glauben ihrer Träger an sich selbst und die eigene Mission zugrunde gegangen - ein Aspekt, dem man bisher viel zu wenig berücksichtigt hat.

Hans-Ulrich Wehler hat im letzten Band seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" einen aggressiven Ton gegenüber der DDR angeschlagen. Von "Okkupationskommunismus" und sowjetischer "Satrapie" ist die Rede. Widerspruch?Im Grundsatz nein. Bei Wehler gewinnt man allerdings den Eindruck, die DDR hätte überhaupt kein Eigenleben gehabt. Aber die Okkupation war das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs und der systembedingten Unfähigkeit der Alliierten, sich auf ein gemeinsames Deutschlandmodell verständigen zu können. Es dauerte Jahre, bis Stalin und seine Nachfolger sich mit dem unbefriedigenden Ergebnis eines deutschen Halbstaats abfinden mochten. Ein neutrales, von der Sowjetunion abhängiges Gesamtdeutschland wäre ihnen lieber gewesen.

Viele Überlebende des Krieges wollten ein antifaschistisches Deutschland und sahen - wie Bertolt Brecht oder Christa Wolf - in der DDR das bessere Deutschland. Als der Unterdrückungsmotor Stasi anlief, die Aufrüstung begann und 1953 der Arbeiteraufstand blutig niedergeschlagen wurde, setzte die große Ernüchterung ein. Hätte die DDR das bessere Deutschland werden können?Die Chance hat nie bestanden, die DDR war schließlich unbestreitbar eine Parteidiktatur, die sich auf die Stasi und die sowjetische Macht stützte. Man darf aber nicht glauben, dass die DDR eine einfache Kopie des Sowjetsystems war. Sie hatte durchaus ihre Eigensinnigkeiten.Zum Beispiel?Anfangs machte Ulbricht im Teilstaat alles, was die Sowjets wollten. In den zweiten Hälfte der fünfziger Jahre erlaubte er sich einen Flirt mit dem maoistischen Kommunismus Chinas, und in den sechziger Jahren bemühte er sich, die DDR als Vorbildmodell für den ganzen Ostblock auszubauen. Keineswegs erfolglos und durchaus in Aufbruchsstimmung, besonders unter Intellektuellen. Zeitweilig sympathisierte Ulbricht sogar mit Alexander Dubcek in der Tschechoslowakei. Doch als dieser radikal für demokratische Reformen eintrat, wurde er sein entschiedenster Gegner. Auch in der Westpolitik war Ulbricht nicht nur der Blockierer. Er wollte ein von Moskau weitgehend unabhängiges Verhältnis zu Bonn und in Grenzen eine marktwirtschaftliche Korrektur der unflexiblen Planwirtschaft. Ohne allerdings zu berücksichtigen, in welche Defensivposition er damit den Sozialismus bringen würde. Honecker hat das dann mit einer Sozialpolitik der ungedeckten Schecks wieder rückgängig gemacht. Und 1972 die restlichen Privatbetriebe endgültig verstaatlicht - wobei die Initiative von der Ost-CDU ausging, die bei diesem angeblichen Schritt des allmählichen Übergangs zum Kommunismus eine unrühmliche Rolle spielte.

Unter Honecker ging es dann nur noch bergab?Spätestens seit Anfang der achtziger Jahre war Eingeweihten klar, dass Honeckers Kurs in ein Desaster führte. Auch Franz-Josef Strauß wusste das, als er Honecker 1983 zum Milliardenkredit verhalf. Der Umschwung in Moskau durch Gorbatschow kam gerade noch rechtzeitig, um das Schlimmste zu verhindern.

Welche Rolle hatten bei der Wende die ostdeutschen Bürgerrechtler, die 1989 eine bessere DDR wollten? Wehler verspottet das als "hochideologisierte ahnungslose Naivität". Was es ja auch war. Vermutlich war der Vertrauensverlust in die Zukunftsfähigkeit des Sozialismus damals unter vielen SED-Mitgliedern größer als unter manchen Bürgerrechtlern. Hier muss man allerdings die DDR-Sozialdemokraten um Markus Meckel ausdrücklich ausnehmen. Die traten schon sehr früh für Demokratie und soziale Marktwirtschaft ein. Aber es waren die Bürgerrechtler, von denen die demokratische Revolution des Herbstes 1989 ausging. Das ist ihr Vermächtnis.

Interview: Roland Mischke

Rolf Hosfeld: Was war die DDR?

Die Geschichte eines

anderen Deutschlands. Kiepenheuer & Witsch,Köln 2008, 302 S., 19,90 Euro

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