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Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofes muss Google zukünftig auf Beschwerden bezüglich seiner Autovervollständigung reagieren.

Google-Autovervollständigung

Digitaler Populismus

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Google muss Suchvorschläge, die Persönlichkeitsrechte verletzen, auf Aufforderung unterbinden - so will es der Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Vom Nutzen und Nachteil der Autovervollständigung bei der Google-Suche.

Geduld und Ausdauer sind im hypernervösen Internet nicht unbedingt eine Tugend. Jeder Seitenbetreiber, der mit seinem Angebot möglichst viele Besucher anlocken und auch halten will, weil er mit diesem sogenannten Traffic sein Geld verdient, wird auf eine leichte Bedienbarkeit Wert legen und für gute Laune beim Nutzer sorgen. Er wird natürlich auch interessante, exklusive oder populäre Inhalte anbieten, vor allem aber wird er darauf achten, dass Nervtöter wie zum Beispiel langsamer Seitenaufbau und umständliche Menüfolgen nicht die Nutzer abschrecken.

Auch die Autovervollständigung bei der Google-Suche soll den Umgang mit dem Internet in dem beschriebenen Sinne erleichtern. Wer hier das Wort „geld“ eingibt, dem werden „geldgeschenk“, „geld verdienen“ oder „geldanlage“ als Suchbegriffe vorgeschlagen, Wortkombinationen, die sich im Gesamtaufkommen aller Suchanfragen als die populärsten herausgestellt haben. Das ist eine Frage der Statistik und rechnet damit, dem Nutzer dienlich zu sein, ihn vielleicht auch daran zu gewöhnen und davon abhängig zu machen, in jedem Fall aber seine Bedürfnissen als Durchschnittswesen zu befriedigen.

Alles kommt hier auf den frustrationsfreien Umgang mit den Inhalten an – alles muss hier schnell und bequem gehen, weil die Nutzer sonst die Lust verlieren. Allerdings wird dabei auch sehr schnell das Persönlichkeitsrecht berührt.

Klage wegen Verleumdung und übler Nachrede

Genau darum ging es jetzt bei der Entscheidung des Bundesgerichtshofs: Ein Firmengründer hatte Google verklagt, weil die Suchmaschine seinen Namen automatisch um die Begriffe „Scientology“ und „Betrug“ ergänzte. Das erfüllt den Tatbestand der üblen Nachrede und Verleumdung, weshalb das Gericht den Internetkonzern aufforderte, die Autovervollständigung anzupassen. Eine gute Entscheidung, denn nun wird Google künftig gehalten sein, auf Beschwerden zu reagieren anstatt sich wie bisher darauf hinauszureden, man habe es hier mit einen unveränderlichen Automatismus zu tun.

Doch nichts ist bei Google unveränderbar. Vielmehr bekommen wir es mit einem interessanten Zwiespalt zu tun. Einerseits erklären die Amerikaner, die Suchvorschläge seien „das algorithmisch erzeugte Resultat mehrerer objektiver Faktoren, inklusive der Popularität der eingegebenen Suchbegriffe“, und damit so unerbittlich wie ein Gottesurteil oder, besser noch, so demokratisch, wie es nun einmal Mehrheitsentscheidungen sind. Tatsächlich ist hier die Geschäftsgrundlage von Google berührt, insofern man in dem populären wie populistischen Massenmedium des Internets vor allem Geld verdienen will und deshalb anbietet, was Klicks generiert und also Quote macht.

Damit ist auch schon das große Andererseits aufgerufen. Denn zum Geldverdienen gehört ebenfalls, die eigene Kundschaft nicht zu verprellen. Im Falle der Softwarepiraterie etwa veröffentlichte der Konzern am 2. Dezember 2010 eine Erklärung, wonach bei der Autovervollständigung alle jene „Begriffe vermieden werden, die mit Piraterie in Verbindung gebracht werden“. Hier ging es um urheberrechtlich relevante Fragen und selbstverständlich auch das Geld solcher Software-Konzerne wie Microsoft oder Adobe. Google wollte nicht länger im Zusammenhang von Urheberrechtsverletzungen stehen und deshalb möglicherweise Werbekunden verlieren – und passte sich unversehens an.

Das Urteil könnte Googles Bigotterie beenden

Mit dem Karlsruher Urteil findet nun die in seinem Geschäftsmodell und nicht so sehr in einem streng geheimen, geradezu mythischen Such-Algorithmus begründete Bigotterie von Google ein Ende. Wir dürfen also erwarten, dass persönlichkeitsrechtliche Belange endlich genauso gewissenhaft und entgegenkommend behandelt werden wie eigentums- und urheberrechtliche Sachverhalte. Mit anderen Worten: Bislang verdiente der Konzern auch mit der systematischen Verletzung des Persönlichkeitsrechts sein Geld, künftig ist dieser rechtsfreie Raum zumindest der Idee nach eingehegt.

Überdies sollte noch einmal ganz grundsätzlich daran erinnert werden, wie schimärenhaft die von Google reklamierte Objektivität der Statistiken ist. Denn nicht nur lässt sich die Autovervollständigung anpassen und wurde immer schon angepasst, sondern ist jederzeit auch von Dritten manipulierbar: Seitenbetreiber können ihre Seiten in Google-verträglicher Form optimieren. So werden sie leichter gefunden, häufiger besucht und führen schließlich die Statistik an.

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