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Digitaler Aktivismus bleibt eines der zentralen Themen der re:publica - auch 2016. Markus Beckedahl, Gründer von netzpolitik.org, gibt am ersten Konferenztag einen Rück- und Ausblick auf netzpolitische Debatten.

re:publica

Das Digitale ist politisch

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Zum zehnten Mal treffen sich ab heute Tausende zur re:publica in Berlin. Die Veranstaltung hat sich vom Bloggertreffen zur größten Internetkonferenz Europas gewandelt. Zur rpTEN werfen wir einen persönlichen Blick auf die re:publica.

Twitter? Kannte (fast) kein Mensch. Von einem sozialen Netzwerk aus den USA namens Facebook hatte man schon mal gehört, in Deutschland war es bislang aber nicht angekommen. Und das iPhone war noch nicht mal auf dem Markt, als wir - 700 Bloggerinnen und Blogger - im Jahr 2007 zur ersten Internetkonferenz „re:publica“ in Berlin zusammenkamen. Um trotzdem in Echtzeit miteinander elektronisch zu kommunizieren, mussten wir auf SMS zurückgreifen. Was blieb uns übrig? Wir hatten ja nichts!

Ganz so stimmt das natürlich nicht. Denn wir hatten etwas viel Besseres als Facebook – wir hatten Blogs. Die meisten, die in diesen Apriltagen der Einladung von Tanja und Johnny Haeusler (spreeblick.com) und Markus Beckedahl (netzpolitik.org) in die Berliner Kalkscheune gefolgt waren, schrieben schon seit Jahren das Internet voll, viele kannten sich schon lange virtuell. Kein Wunder, dass es sich wie ein Klassentreffen anfühlte.

„2006 hatten sich deutsche Blogs so weit etabliert, dass sie nicht nur selbst in die öffentliche Wahrnehmung vorgedrungen waren, sondern auch eigene Themen an deren Oberfläche spülten“, erinnern sich die Initiatoren später. „Es war an der Zeit, die so genannte Blogosphäre aus ihrer virtuellen in die physische Welt zu locken, und so entstand bei einem gemeinsamen Bier die Idee zu einem Blogger-Treffen – und bei einem zweiten sein Name: re:publica.“

Aus 700 wurden 7000 (und in diesem Jahr wohl noch einmal deutlich mehr), die im Frühjahr nach Berlin strömen und drei Tage lang über das reden, was „öffentliche Sache“ (res publica) ist: Netzpolitik, Medienwandel, soziale Netzwerke, digitalen Aktivismus, Foodblogs und YouTuber, technische Innovation und Netzkultur, Urheberrechte, Überwachung und Privatsphäre.

Einer der erinnerungswürdigsten Vorträge der re:publica 2010 war der Auftritt von Jeff Jarvis. Der Journalist und Autor aus den USA machte sich daran, den Konferenzteilnehmern im Berliner Friedrichstadtpalast, auf der größten Theaterbühne der Welt, das „deutsche Paradoxon“ zu erklären. 2010 – die Debatte um Google Street View und Privatsphäre war in Deutschland gerade in vollem Gang – sehe er „die ständige Diskussion über Privatsphäre“, erzählte Jarvis und fuhr fort: „Und dann ging ich in eine deutsche Sauna“. Aus seinen Erlebnissen schlussfolgerte er: „Den Deutschen ist ihre Privatsphäre sehr wichtig – außer es geht um ihre Geschlechtsteile“ und hatte die Lacher der Zuhörer auf seiner Seite.

Jarvis selbst sind nicht einmal seine Geschlechtsteile zu privat, um darüber zu bloggen, wie er kurz darauf zeigte. In seinem Blog hatte er darüber geschrieben, dass er Prostatakrebs habe. „Es gibt nichts Privateres als die eigenen Gesundheitsdaten“, stellte er fest und erklärte dem erstaunten Publikum, warum er mit dem intimen Thema so offen umgeht: „Ich habe viel zurück bekommen“. Unterstützung, Links zu weiterführenden Informationen und Verbindungen, die ihm bei der Entscheidung zu einer Operation geholfen hätten, zählte Jarvis auf. Nur durch seinen Blogeintrag habe er erfahren, dass ein Freund dieselbe Operation zehn Jahre zuvor hatte durchführen lassen. „Keine Arztpraxis hätte mir so detailliert beschreiben können, was mir bevorstand“, so Jarvis. „Wir müssen Öffentlichkeit zum Standard machen“, schloss er daraus. So könne man von der Weisheit der Masse profitieren und Transparenz herstellen. Transparenz, die Jarvis in seinem eigenen Blog bis heute großschreibt: Er gibt dort nicht nur an, welche Firmen er berät oder beraten hat, sondern auch, welche Aktien er besitzt und wem er bei US-Präsidentschaftswahlen seine Stimme gibt.

Die stärksten re:publica-Momente sind jene, die ein bisschen wehtun. Netz-Pessimisten, die uns Digital Natives herauszwingen aus der eigenen Komfortzone, haben ihren festen Platz im Programm, oft eröffnen sie sogar die Konferenz. 2012 übernahm Eben Moglen diesen Part. Der Professor für Recht und Rechtsgeschichte an der Columbia Law School in New York (der mit MIshi Choudhary, Gründerin des Software Freedom Law Center, auch 2016 die Keynote hält) erinnerte daran, dass die Freiheit uns nicht in den Schoß gefallen ist, dass Menschen überall auf dem Planeten bis heute ihr Leben riskieren, um Bücher, Wissen, freie Gedanken gegen den Widerstand von Despoten zu verbreiten. Und wir? Unsere Träume, Ängste, Sehnsüchte landen im Suchschlitz von Google. „Wir werfen sie dort hinein, und die essen sie auf und sagen uns dann, wer wir sind.“

Nicht Verzicht forderte er, sondern Verteidigung, nicht Rückzug ins Private, sondern öffentliches Streiten – für freie Medien, freien Zugang zum Netz, für Netzwerke, deren Nutzer nicht Sklaven sind, sondern Kontrolleure. Selbstbestimmung, Anonymität, Freiheit: „Wir hatten fast alles. Wir gaben es aus der Hand, nur weil Mr. Zuckerberg uns darum gebeten hat.“ Wir seien aber auch die Generation, die es in der Hand habe, die Entwicklung zu stoppen, meinte Moglen – weil wir die letzte Generation seien, die beides kennt: Das Leben vor und nach dem Fall der Anonymität.

Einige Jahre später, auf der re:publica 2015, stand Alexander Gerst auf der größten Bühne der Konferenz, die mittlerweile in die Berliner Station umgezogen war. Der Astronaut, der zuvor ein halbes Jahr an Bord der ISS verbracht hatte, brachte dem Publikum eine ungewöhnliche Perspektive auf die Welt mit: Den Blick von oben. „Alles sieht anders aus, als man es gewohnt ist“, erklärte Gerst den Zuschauern. Grenzen sehe man keine, dafür stehe alles auf dem Kopf.

Manchmal könne die Raumfahrt durch die neue Perspektive Dinge erklären, die man auf der Erde nicht verstehe, erzählte Gerst und berichtete, dass er und seine Astronauten-Kollegen von Bord der ISS Bomben und Raketen über Gaza hätten fliegen sehen. „Uns kam der Gedanke, wenn es wirklich intelligentes Leben im Weltall gibt, ist das das Erste, was sie von der Erde sehen“, meinte der Astronaut nachdenklich. Den jungen Zuschauern im Publikum rief er zu: „Wenn ihr einen Traum habt, dann lasst ihn euch von niemandem ausreden. Probiert es einfach!“ Im Übrigen brauche die Raumfahrt auch Frauen – „die sind genauso gute Astronauten wie Männer“, erklärte Gerst unter dem Applaus der Zuschauer, die eine ausgewogenes Geschlechterverhältnis aufweisen, wie die Macher der Konferenz immer wieder betonen: Rund 44 Prozent der Gäste auf der re:publica sind weiblich – das gibt es bei Veranstaltungen mit vergleichbarer Ausrichtung kaum.

Überhaupt ist das Publikum sehr bunt gemischt: Im Jahr 2015 war der jüngste Vortragende nach Angaben der Veranstalter 11 Jahre alt, der älteste war 89. Teilnehmer und Vortragende aus allen Kontinenten treffen sich in Berlin, wo die Veranstalter auch an Barrierefreiheit und Inklusion denken: Für die größte Bühne gibt es eine schriftliche Übersetzung, außerdem sind die Säle rollstuhlgerecht.

Im Jubiläumsjahr 2016 werden bis zu 8000 Besucher in der Berliner Station, einem ehemaligen Postbahnhof, erwartet. „2007 hätten wir nicht gedacht, dass die re:publica einmal zehn wird und auf insgesamt 17 Bühnen mehrere hundert Stunden Programm bietet“, sagt der Geschäftsführer der re:publica, Andreas Gebhard. „Diese Entwicklung freut mich und zeigt die Relevanz unserer Themen für die digitale Gesellschaft“.

Besucher sind auf der re:publica auch Macher: Viele werden selbst auf der Bühne stehen – die Grenzen zwischen Publikum und Vortragenden sind fließend, genau wie die Themen der Veranstaltung bunt gemischt sind. Im Jubiläumsjahr liegt ein Fokus auf „Virtueller Realität“. Neben den stets wiederkehrenden netzpolitischen Themen wird es auch um die Musikindustrie, Kunst und Theater, den deutschen TV-Markt und Hollywood, Bibliotheken und Amateurfunk gehen.

Die geplante Karaoke-Party knüpft an das kollektive Singen von „Bohemian Rhapsody“ an, mit dem seit 2010 jede re:publica endet. Weil eine Schaltung zum damaligen Twitter-Chef Biz Stone nicht klappte, stimmte die ganze Klasse inbrünstig den Queen-Song an. Seither gehört er zur re:publica wie die Stofftasche, die jeder am ersten Tag erhält.

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