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Woodrow Wilson prangt auf einer Postkarte.Das 14-Punkte-Programm für eine Weltfriedensordnung des einstigen US-Präsidenten weckte Hoffnungen.

Essay

Diese Sehnsucht nach Einfachheit

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Der deutsche Glücksfall der Revolution von 1918/1919 und das Bedürfnis nach überschaubaren Weltordnungen.

In seinem großartigen Buch „Aus den Ruinen des Empires: Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“ (S. Fischer Verlag) erzählt der indische Autor Pankaj Mishra von einem in China in Armut lebenden koreanischen Emigranten, genannt „General Pak“, der sich Ende 1918 aufmachte, um auf der Pariser Friedenskonferenz für die Freiheit Koreas zu plädieren. Sein Heimatland war seit 1910 eine japanische Kolonie. Pak hatte kein Geld. Also ging er zu Fuß. Auf den Gleisen der transsibirischen Eisenbahn.

Das ist wohl eine Legende. Sie verdeutlicht, welche Hoffnungen das am 8. Januar 1918 vom US-Präsidenten Woodrow Wilson verkündete 14-Punkte-Programm für eine Weltfriedensordnung weckte. Überall auf der Welt. Der Artikel 5 wurde in den Kolonien nicht nur der europäischen Großmächte – das zeigt General Pak – als Weckruf verstanden. Darin hieß es, dass beim Ausgleich der Kolonialansprüche der verschiedenen Staaten „die Interessen der betreffenden Bevölkerungen ebenso ins Gewicht fallen“ wie die der Kolonialherren.

In Deutschland war Wilsons Ruf ebenfalls gehört worden. Der Sturz des Kaisers war wohl auch mit Blick auf die USA bewerkstelligt worden. Wilson hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er sich eine Nachkriegswelt freier Nationen mit demokratisch gewählten Regierungen vorstellte. Eine deutsche Republik, so rechnete man sich aus, würde von den USA deutlich entgegenkommender behandelt werden als das Kaiserreich.

Der Erste Weltkrieg war von Anfang an auch ein Kolonialkrieg. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Gattin war das Werk von Gavrilo Princip, eines Mitglieds der Bewegung „Junges Bosnien“, die die „revolutionäre Befreiung Bosnien-Herzegowinas von der österreichisch-ungarischen Besatzung“ betrieb. Am Ende des Ersten Weltkriegs waren das Zarenreich, das deutsche Kaiserreich, die Habsburger Monarchie und kurz darauf auch das Osmanische Reich zusammengebrochen. Sie alle wurden zerschlagen und meist durch Republiken ersetzt. Der Erste Weltkrieg, der umgeschlagen war in einen Krieg der Kolonialherren gegeneinander, hatte sie am Ende alle miteinander – Mittelmächte und Entente – geschwächt. Es gab nur einen wirklichen Sieger: die USA. 

Wer die deutsche Revolution als Resultat deutscher Geschichte sieht, versteht sie nicht. In „Die größte alle Revolutionen – November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit“ (Siedler Verlag), einem Buch, das nicht genug empfohlen werden kann, schreibt Robert Gerwarth: „Die Novemberrevolution muss als Teil einer Epoche begriffen werden, die 1917 in Petrograd begann und erst 1923 endete, als sich aus dem anatolischen Kern des Osmanischen Reiches ein republikanischer türkischer Nationalstaat formte. Allein zwischen 1917 und 1920 kam es in Europa zu 27 gewaltsamen Machtwechseln ... Zwischen 1918 und 1923 starben bei bewaffneten Konflikten im Nachkriegseuropa über vier Millionen Menschen – mehr als die Weltkriegstoten Großbritanniens, Frankreichs und der Vereinigten Staaten zusammengenommen.“

Denkt man daran, dass das älteste und größte Kaiserreich der Welt – China – bereits 1911 Republik geworden war, dann könnte man den Ersten Weltkrieg als einen beschleunigenden Faktor in einem umfassenderen Prozess der Republikanisierung der Welt betrachten. Der Sturz des chinesischen Kaiserreichs war erheblich dadurch gefördert worden, dass es sich als unfähig zeigte, Chinas Souveränität zu verteidigen.

So gesehen ging es nicht um den Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus, wie viele Zeitgenossen und viele Historiker des 20. Jahrhunderts annahmen. Und die deutsche Revolution von 1918/1919 blieb, so betrachtet, nicht auf halbem Wege stehen. Die Sozialdemokratie unter Friedrich Ebert „verriet“ damals auch nicht die Arbeiterbewegung, sondern rettete sie. In einem Sowjetdeutschland hätte es keine freien Gewerkschaften mehr gegeben. Abgesehen davon, dass es ein Sowjetdeutschland niemals gegeben hätte, sondern nur einen Bürgerkrieg mehr im Nachkriegseuropa. Mit womöglich einem deutschen Mussolini als Sieger.

Die Weimarer Republik ging nicht an ihren Geburtswehen, sie ging auch nicht an Versailles zugrunde. Sie wurde gejagt von rechts und von links. Am Ende brach ihr wohl die Weltwirtschaftskrise das Genick. Und die Bereitschaft der äußersten Reaktion, diese Phase der Schwäche auszunutzen. Die Weimarer Republik hielt länger als so manches anderes Zerfallsprodukt der Nachkriegszeit. Sie war stabiler als die meisten Nachbarstaaten.

Der Begriff „Weimarer Republik“, der heute so selbstverständlich gebraucht wird, diente der Diffamierung. Das Kaiserreich hatte eine Millionenstadt als Zentrum gehabt. Die Republik sollte demgegenüber eine hoffentlich bald überholte Provinzposse sein. 

Es geht um Teilhabe, um Selbst- und Mitbestimmung. Für Woodrow Wilson war es die Auseinandersetzung zwischen auf freie Märkte setzenden Demokratien und auf Abschottung und Monopole setzenden alteuropäischen Großmächten. Schon bald wuchs die Zahl derjenigen, die sich in einem Endkampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus sahen. Dieser Blick auf die Welt bestimmt viele Konflikte bis heute. Wilson wurde als blauäugiger Idealist verschrien, dessen Völkerbund-Idee jedem zeigte, dass er keine Ahnung davon hatte, wie Weltpolitik funktioniert. 

Das widerlegt allerdings nicht die Einsicht, dass eine Weltpolitik, die alles dem freien Spiel derer überlässt, die ihre Länder wieder möglichst groß machen möchten, unweigerlich in Kriege münden wird. Es stimmt: Das Ideal allein genügt nicht. Auf den Weg, auf die Wege zu seiner Verwirklichung kommt es an. Das 20. Jahrhundert war ein Labor, in dem an den lebendigen Leibern von Millionen Menschen Utopien ausprobiert wurden. Mit bisher unbekannten Größenordnungen von Opfern. Fast überall auf der Welt. Wir wissen nicht, ob das die Vorgeschichte unserer heutigen Welt war oder ob wir uns nicht doch vielleicht noch immer mitten in einer mörderischen Kette von Gesellschaftsexperimenten befinden.

Die Entscheidung darüber liegt nicht bei uns. Wie viel Demokratie in einem Land möglich ist, hängt an immer mehr Faktoren. Unser Leben, unsere Lebensweise wird immer abhängiger von uns immer ferner stehenden Strukturen. Es entsteht eine neue Unübersichtlichkeit. Wir fühlen uns unbehaglich, sehnen uns zurück nach Heimat und Übersicht.

Es spricht wenig dafür, dass wir sie uns zurückholen können. Wir befinden uns mit immer mehr Volkswirtschaften in Verhältnissen wechselseitiger Abhängigkeit. Solche Beziehungen sind schwer auszutarieren. China und Indien stellen mehr als 36 Prozent der Weltbevölkerung. Sie klinken sich immer mehr ein in Weltwirtschaft und Weltpolitik. Wenig spricht dafür, dass dieser Prozess glatt und friedlich verlaufen wird. Wir sind wohl in einer weiteren Spirale jener Entwicklung, die immer wieder neu die Frage aufwirft nach der Beteiligung von immer mehr Menschen an immer mehr, immer komplizierter miteinander verbundenen Entscheidungsprozessen.

1945 half in Deutschland die Teilung des Landes. Die Systemkonkurrenz schuf Überblick. Wer sich auf die eine Seite schlug oder geschlagen wurde, wusste, was ihn erwartete. Das ist heute anders. Die Welt ist nicht in zwei Lager geteilt, und es ist kein Mechanismus zu sehen, mit dem sich so ein Zustand herstellen ließe. Wie sehr wir aber an ihm hängen, kann man derzeit gut daran erkennen, dass in vielen Ländern Wahlkämpfe mit Polarisierung und Lagermentalitäten geführt und gewonnen werden. So soll wenigstens daheim alles kontrollierbar erscheinen. 

Das Labor des 20. Jahrhunderts mündete in eine Risikogesellschaft. Die sollte sich, so die Utopie, bewusst sein, dass es keine Risikofreiheit gibt, dass die einzig erreichbare Freiheit die zum Risiko ist. Darum aber erschien die Abwägung der Möglichkeiten, das Austarieren der Alternativen als die eigentliche Arbeit der Politik. Davon haben wir uns wieder entfernt. Wir haben nicht mehr unsere Freude am Zusammenspiel immer komplexerer Strukturen, sondern warten auf den, der den gordischen Knoten mit einem Streich zerschlägt. 

Das war die Sehnsucht, die halb Mitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg in die Arme immer neuer Diktatoren und Militärs trieb. Die Geschwindigkeit der Wechsel raubte den Zeitgenossen den Atem. Als Franz Kafka im Oktober 1918 an der Spanischen Grippe erkrankte, war er k. u. k. Untertan. Als er genesen war, war er Bürger des neuen Staates Tschechoslowakei. Adolf Hitler, in den letzten Kriegswochen verwundet, kam am 12. November 1918 in einem Militärkrankenhaus in Pasewalk wieder zu Bewusstsein. Hitlers Heimatland Österreich-Ungarn existierte nicht mehr. Wie überschaubar wirkt, angesichts 1918, unsere Gegenwart.

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