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Am Anfang ist alles noch romantisch. Asli (Canan Kir, vorne) lernt Saeed (Roger Azar) kennen und verliebt sicht. Doch was passiert, als Asli eine grauenvolle Seite an Saeed entdeckt?
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Am Anfang ist alles noch romantisch. Asli (Canan Kir, vorne) lernt Saeed (Roger Azar) kennen und verliebt sicht. Doch was passiert, als Asli eine grauenvolle Seite an Saeed entdeckt?

Kino

„Die Welt wird eine andere sein“: Regisseurin Anne Zohra Berrached über ihren neuen Film

  • VonChristina Bylow
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Der Film „Die Welt wird eine andere sein“ handelt von der großen Liebe - und von dem radikalen Terror, der sie trennt. Regisseurin Anne Zohra Berrached über weibliche Emotionalität, Verdrängung von Problemen und die Frage nach der Schuld

Frau Berrached, alle Ihre Filme stellen Frauen ins Zentrum. Auch Ihr jüngster Film „Die Welt wird eine andere sein“ wird aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt. Was macht Frauen für Sie als Regisseurin so interessant?

Ich glaube, es hat damit zu tun, dass ich selbst eine Frau bin. Und ich gebe zu, dass dass es mir leichter fällt, mit Schauspielerinnen zu arbeiten, als mit Schauspielern. Ich verstehe die Schauspielerinnen besser. Mit Männern ecke ich mehr an. Vielleicht weil einige Männer tief innen doch immer noch ein Problem haben, sich etwas von einer Frau sagen zu lassen? Aber die Rollenverteilung zwischen Regie und Schauspieler ist nun mal so, dass der Regisseur oder die Regisseurin eine Idee davon hat, wohin es gehen soll. Ich lasse viel Freiraum, aber ich gebe schon die Richtung vor. Es gibt aber noch einen anderen Grund für die weibliche Perspektive in meinen Filmen: In unserer Gesellschaft dürfen Frauen noch immer viel emotionaler sein. Ihnen werden Gefühle erlaubt, die Männern noch immer nicht in diesem Maße zugestanden werden. Als Regisseurin nutze ich die Emotionalität eines Menschen, seinen Zugang zu seinen Gefühlen. Mit einer weiblichen Hauptfigur kann ich sehr weit gehen. Ein Mann hat gelernt, seine Gefühle viel mehr zurückzuhalten. Natürlich ändert sich das seit einiger Zeit, aber die Unterschiede sind immer noch spürbar.

Nun handelt Ihr Film von einer jungen Frau, die wegen ihrer starken Gefühle auf gefährliches Terrain gerät. Wir befinden uns in einer deutschen Stadt in den späten 1990er Jahren. Die Frau liebt einen Mann, der sich immer mehr von ihr entfernt. Vielleicht plant er die Anschläge vom 11. September?

Ich wollte eine universelle Liebesgeschichte erzählen, eine, die ganz klassisch beginnt, mit der Ausgangsituation „girl meets boy“. Asli und Saeed, so heißen die beiden, gespielt von Canan Kir und Roger Azar, sind 21 Jahre alt, als sie sich kennenlernen. Saeed ist 26, als er die Tat begeht. Das Paar hat etwas Naives, Kindliches. Ich unterteile den Film in fünf Kapitel, jedes hat seine eigene Atmosphäre, seine eigenen Farben. Das erste ist leicht und hell, wie die Zeit der ersten Verliebtheit.

Kommen wir trotzdem einmal auf den 11. September. Wo haben Sie diesen Tag erlebt?

In einer Neubauwohnung in Erfurt, ich war damals 19 und im letzten Gymnasialjahr. Ich war aus der Schule nach Hause gekommen und habe den Fernseher eingeschaltet, was ich eigentlich nur tat, wenn meine Mutter nicht da war, weil sie das nicht mochte. Ich sah die Türme einstürzen und dachte, das ist Science-Fiction. Ich hielt es nicht für möglich, dass sich jemand ausdenken kann, mit Flugzeugen in diese Türme hineinzufliegen. Der 11. September war ein Urknall. Damit waren die späten Neunziger Jahre, eine Ära des Optimismus, endgültig beendet. Damit begann in meiner Wahrnehmung der islamistische Terror. Von da an sah der Westen mit anderen Augen auf die islamische Welt. Dabei unterschieden viele nicht mehr zwischen Muslimen und Terroristen. Die damals weit verbreitete Meinung, der Islam selbst stachle zur Gewalt an, halte ich für falsch. Mein Film erklärt nicht, warum sich jemand radikalisiert und zum Terroristen wird. Es gibt vielleicht Hinweise, aber die kann jeder selbst herauslesen. Interessant ist übrigens, dass der Film bisher nicht in die USA verkauft wurde, ja, dass er da nicht einmal auf ein Festival eingeladen wurde.

Warum, glauben Sie, will man den Film in den USA nicht haben?

Er rührt an eine Wunde, an ein Trauma. Nach Corona will man keinen Film zu diesem Thema, das macht zu viel Aufruhr. Man will nicht an die eigene Verletzlichkeit erinnert werden. Der Film zeigt den späteren Attentäter als Menschen. Ich wollte kein Verständnis für ihn wecken, aber ich zeige ihn menschlich, man kann ihn sogar mögen. Er ist keiner, der irgendwo aus der Wüste angeritten kam und Terrorakte verübt.

Sie konzentrieren sich auf das innere Drama der jungen Frau, die diesen Mann liebt. Ihr Film stellt die Frage nach einer Mitschuld.

Es ist die Frage, die sie sich selbst am Ende stellen muss. Hätte sie etwas tun können, hat sie ihn nicht genug gefragt, hat sie bewusst verdrängt, warum hat sie ihn nicht verlassen?

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen – unabhängig vom Film, der keine letzte Antwort gibt?

Sie trägt eine Mitschuld, aber sie ist nicht verantwortlich für die Tat. Es ist ein „Dazwischen“. Es war ihr immer mal wieder bewusst, dass er etwas Schreckliches plant, aber sie hat das zur Seite geschoben. Im juristischen Sinne ist sie nicht schuldig. Sie hat ihm nicht aktiv geholfen.

Hat das Schweigen der Frau auch damit zu tun, dass ihr Gefährte sehr manipulativ vorgeht?

Auf jeden Fall, aber sie ist auch manipulierbar. Sie ist verliebt. Da ist man das. Ich könnte mir vorstellen, dass es dem Publikum ähnlich gehen könnte, ja, ich wünsche mir das sogar, denn dieser junge Mann ist ja zu Beginn durchaus liebenswert. Aber er hatte eine andere Seite und die war grauenvoll. Das kann nicht entschuldigt werden und das tut mein Film auch nicht. Dieser Mann war jemand, der mit uns in Europa lebte. Der seine Liebe hatte, seine Freunde. Wann und wie er sich radikalisiert, bleibt unklar. Er hat sehr viele unterschiedliche Gesichter. Wie ein Chamäleon, das sich permanent an den jeweiligen Hintergrund anpasst, tritt er anders auf, spricht er anders. Ich habe in der Inszenierung der Figur Saeed auch an einen Suchtkranken gedacht, der versucht, von einer Droge loszukommen und es doch nicht schafft. Seine Frau, Asli, verhält sich wie eine Co-Abhängige.

Ihre Abhängigkeit gegenüber ihrem Gefährten steht in starkem Widerspruch zu den beruflichen Ambitionen, die sie hat. Wie viele junge Frauen aus türkischen Familien, die nach Deutschland gekommen sind, studiert sie. Sie will Ärztin werden. Wie sehen Sie diesen Zwiespalt?

Ich wollte eine Figur erschaffen, die intelligent ist, aber ich zeige auch, welche Rolle ihr Background spielt. Sie hat sich einerseits gegenüber der Mutter durchgesetzt, die nicht wollte, dass sie studiert. Die lieber wollte, dass sie heiratet, Kinder bekommt und traditionell lebt. In dieser Hinsicht ist Asli emanzipiert, in Hinsicht der Liebe ist sie es nicht. Sie will ihre Liebe erhalten, kämpft für sie. Einerseits steckt sie in den Erwartungen fest, andererseits hat sie sich davon gelöst. Das erklärt vielleicht auch, warum sie nicht oder zu spät, handelt. Manchen Kritikern geht das auf den Keks. Asli entspricht nicht der herkömmlichen Vorstellung, eine Hauptfigur müsse immer eine aktive Figur sein, die die Filmhandlung vorantreibt. Aber genau das, ihre Passivität, ist das Thema meines Films.

Zur Person

Anne Zohra Berrached (39) wurde in Erfurt geboren. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater stammt aus Algerien. Sie studierte zunächst Sozialpädagogik und arbeitete nach ihrem Diplom zwei Jahre als Theaterpädagogin in London, bevor sie als Regieassistentin in verschiedenen Theatern in Berlin beschäftigt war. Von 2009 an studierte sie Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg.

Schon ihr erster Kinospielfilm „Zwei Mütter“ wurde auf der Berlinale erstaufgeführt. Ihr zweiter Spielfilm „24 Wochen“, in dem sie eine Frau im Konflikt um eine Spätabtreibung zeigte, wurde von der Deutschen Filmakademie mit der silbernen Lola in der Kategorie „Bester Spielfilm“ ausgezeichnet.

Ihr neuer Film „Die Welt wird eine andere sein“ kommt am 12. August in die Kinos. Bild: picture alliance /Eventpress

Sie erzählen diese Liebesgeschichte sehr körperlich. Immer mehr verweigert sich Saeed dem Begehren seiner Gefährtin. Manche Psychoanalytiker sehen in der unterdrückten Sexualität solcher Männer einen Schlüssel für deren Gewaltbereitschaft. Was meinen Sie?

Beim Schreiben des Drehbuchs hat mich das beschäftigt. Die Sexualität spielt eine große Rolle. Sie ist auch Teil der Manipulation, in der sich Asli befindet. Sie will ihre Liebe unbedingt erhalten und unterdrückt ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse, weil sie Angst hat, dass er sich sonst entzieht. Das ist nicht so ungewöhnlich. Ich glaube, das kennen wir alle. Man darf auch nicht vergessen: Sie ist eine sehr junge Frau, und es ist die erste große Liebe, die sie erlebt.

Sie haben viel recherchiert. Zu welchen Quellen hatten Sie Zugang? Haben Sie Frauen von Attentätern getroffen?

Es ist schwierig für mich, darüber zu sprechen. Eine der Frauen, die mit einem der Attentäter zusammen war, hat eine neue Identität. Ich hatte die gesamten Polizeiakten über dieses Paar, dazu gehören auch Briefe, Fotos und die E-Mails, die sie einander geschrieben haben. Aus der Art, wie sie sich austauschten, konnten die Drehbuchautorin und ich die Charaktere lesen.

Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

Die Verdrängung. Mein Film handelt von einer Frau, die verdrängt. Ob sie das bewusst oder unbewusst tut, bleibt offen. Ich habe versucht anzudeuten, woher diese Verdrängung kommt. Sie hat mit der dominanten Mutter zu tun, gegen die sie sich nicht durchsetzen kann. Aber auch mit der Kultur, aus der ihre Eltern kommen. Ich kenne es von meinem algerischen Vater. Unangenehmes wird in der arabischen und in der türkischen Kultur oft nicht ausgesprochen, um die persönlichen Beziehungen nicht zu belasten. Es gilt als unhöflich. Unter Deutschen ist das nicht so verbreitet, da werden Probleme angesprochen, manchmal auch sehr direkt.

Sie sind als Kind eines algerischen Vaters und einer deutschen Mutter in der DDR aufgewachsen. Hatten Sie das Gefühl, nicht so richtig dazuzugehören?

Ich war sechs, als mein Vater die Familie verließ. Entstanden ist dann eine Art Patchworkfamilie. Meine Mutter war Berufsschullehrerin, mein Vater hatte eine Kneipe in Erfurt, wir waren immer in Kontakt. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Durch ihn bin ich in zwei Kulturen großgeworden. Vieles ist auch in meinen Film eingeflossen, etwa das Ritual, wertvolle Geschenke mitzubringen, wenn man von einer Reise zurückkommt. Das gemeinschaftliche Erleben, zusammen eine gute Zeit zu haben, ist in der arabischen Kultur sehr wichtig. Der Zusammenhalt hat einen hohen Stellenwert. Gefühle werden laut, unmittelbar und direkt ausgelebt, und das habe ich wohl von meinem Vater geerbt. Arabisch spreche ich nicht, und ich bin evangelisch getauft. Die Religion hat aber keine Rolle gespielt in meiner Familie. Aber getauft zu sein, war schon ungewöhnlich in der DDR.

Sie waren sieben, als die Mauer fiel …

Und den Systemwechsel habe ich bewusst erlebt. Es gibt nicht so viele Menschen, die von sich sagen können, dass sie in zwei Staatssystemen groß geworden sind. Ich glaube, deshalb konnte ich auch die Hauptfiguren meines Films verstehen, die sich nie so ganz in Deutschland zu Hause fühlen.

Geht Ihnen das auch so?

Nein. Ich bin in Deutschland zu Hause, aber als Kind habe ich mich oft sehr fremd gefühlt. Ich wurde gehänselt, hatte noch etwas dunklere Haut als heute, sah also irgendwie noch arabischer aus und wollte immer nur blond sein – wie meine Barbies. Kinder wollen nicht anders sein, als die anderen. Später hat sich das gewandelt. Ich bin stolz auf meine interkulturelle Herkunft.

Sie haben den Film zum Teil im Libanon gedreht. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Der Libanon ist mir nahegekommen und auch die Menschen dort. Es war mir sehr wichtig, an Originalschauplätzen zu drehen, auch die Szenen in Miami Beach sind dort gedreht. Roger Azar haben wir bei einem Casting im Libanon entdeckt. Er kommt aus einer christlichen Familie, war aber eine Zeit lang auf einer muslimischen Schule. Mir ist das im Libanon aufgefallen: Jeder gehört dort zu einer Religion, das spielt eine viel größere Rolle als hier. Wir haben versucht, das Beirut der 90er Jahre zu zeigen, mit den Relikten des Bürgerkriegs, den Panzern und Ruinen. Die Reichen wohnen nicht im Moloch Beirut, sie haben riesige Villen in den Bergen, weit außerhalb der Stadt. Vor einem Jahr wurden große Teile der Stadt durch die verheerende Explosion im Hafen wieder zerstört, viele Menschen starben, noch mehr wurden schwer verletzt. Das war eine hausgemachte Katastrophe, durch Nachlässigkeit und Verantwortungslosigkeit verursacht. Auch durch ein absichtsvolles Weggucken. Da sind wir wieder beim Thema: Was man nicht sehen will, das sieht man nicht.

Interview: Christina Bylow

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