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Die Latrine von Giordano Bruno

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Von: Michael Hesse

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Giordano-Bruno-Denkmal in Rom.
Giordano-Bruno-Denkmal in Rom. © ANDREAS SOLARO/afp

Unsere Rubrik „Dinge des Ungehorsams“ nimmt heute die Latrine in den Blick, die dem Philosophen Giordano Bruno Ärger brachte, aber auch zum Symbol seiner Respektlosigkeit gegenüber der Unvernunft wurde.

Die Wissenschaft ist ein im Vergleich zur Lebenswelt ganz eigenes Geschäft. Und sie ist für Menschen vielleicht die einzige Sphäre, in der sie Weitsicht unter Beweis stellen können, ohne dass das Eintreffen der Annahmen auf Zufall beruht. Sagen wir es konkreter: Eintreffende Aussagen über zukünftige politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Entwicklungen beruhen auf dem Zufall; Aussagen über wissenschaftliche Dinge können aus zureichenden Gründen zutreffen. Giordano Bruno war ein Mensch, den eine wissenschaftliche Weitsicht zierte, während seine Zeitgenossen blind dem überholten Credo der Kirche folgten.

Der in Nola geborene Bruno vertrat eine absolut moderne Auffassung über das Universum. Es könnte, davon war er durch die Lektüre der Schriften des Nikolaus Kopernikus überzeugt, kein Zentrum haben. Die Sterne waren seiner Auffassung nach nichts anderes als ferne Sonnen, die Planeten an sich banden, die wie in unserem Sonnensystem um die Mitte kreisten. Und auf diesen Planeten könne es durchaus wie auf der Erde Leben geben. Das All war unendlich und vor allem rein materiell. Für das von den Christen postulierte Jenseits blieb da kein Platz. Alles Dinge, die die Kirche nicht hören wollte.

Aber um zum Punkt, genauer zum Gegenstand des zivilen Ungehorsams zu kommen: Die Latrine brachte dem Philosophen Giordano Bruno jede Menge Ärger ein und wurde zum Symbol seines zivilen Ungehorsams gegenüber einer Gesellschaft, welche die Augen vor der Wirklichkeit verschließen wollte. Eines Tages nämlich erfasste unseren im Jahre 1548 geborenen Philosophen (er war auch Astronom, Theologe, Priester und Dichter) ein fast schon biblischer Zorn, so dass er die Schriften des Kirchenvaters Hieronymus in die Latrine warf. Das Allerheiligste landete auf dem Allereiligsten. Bruno hatte die Papiere auf der Flucht aus dem Kloster in den Orkus geworfen. Fliehen musste er, da er alle Heiligenbilder aus seiner Zelle im Kloster entfernt und sich beharrlich der Marienverehrung verweigert hatte. Als er Zuflucht in Rom suchte, um sich dem Papst zu Füßen zu werfen, half auch das nichts. Denn die Papierentsorgung in die Latrine hatte da schon in der Ewigen Stadt die Runde gemacht.

Es blieb dem der Ketzerei bezichtigten Bruno nichts anderes übrig, als erneut die Füße in die Hand zu nehmen und nun auch aus Rom zu fliehen. Es ging quer durch Italien und halb Europa. „Auf der Flucht“ wäre nicht nur für Dr. Kimble, sondern auch für ihn ein angemessener Titel. Es folgten Stationen in Paris, Prag, in Genf, in Tübingen oder Wittenberg und Frankfurt. Er ging freiwillig nach Italien zurück.

Brunos Reise endete im Jahr 1600 letztendlich auf dem Scheiterhaufen. Man wollte solche Menschen, die allzu wachen Auges durch die Welt gingen, lieber brennen sehen, als auf sie zu hören. Sein Ende fand er in Rom.

In loser Folge stellen wir Gegenstände vor, die für zivilen Ungehorsam stehen.

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