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London Grammar: Hannah Reid, Dan Rothman (stehend) und Dot Major. Foto:Ministry of Sound
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London Grammar: Hannah Reid, Dan Rothman (stehend) und Dot Major.

UK-Indiepop

London Grammar „Californian Soil“: Die große Desillusion

  • Jakob Maurer
    VonJakob Maurer
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Mit dem dritten Album rückt das Indiepop-Trio London Grammar seine Sängerin und ihre Erfahrungen in der Branche ins Zentrum – und schlägt musikalisch eine neue Richtung ein.

Chicago, Philadelphia, New York, Boston, Washington – ein aufgeregtes Lächeln schleicht sich 2013 auf das Gesicht der Sängern Hannah Reid, als sie am Rande der ersten US-Tour ihrer Band London Grammar den weiteren Tourplan für Nordamerika aufzählt. Ein Video des Radiosenders KEXP aus Seattle, das auf Youtube zu sehen ist, hat diesen Moment schüchterner Vorfreude festgehalten.

Zuvor hat das Trio um Reid drei der sphärischen Popsongs seines ersten Albums „If You Wait“ live eingespielt und die Moderatorin sprachlos zurückgelassen: „Wow“, stammelte die Sprecherin, die vorher schon etliche solcher Live-Gastspiele begleitet hatte, „ich bin ein bisschen überwältigt, wollt ihr erstmal noch einen Song spielen, während ich meine Gedanken sortiere?“

Mehr als zwei Jahre hielt sich das Debütalbum danach in den britischen Albumcharts, erreichte auch in Deutschland Goldstatus. Und der Nachfolger „Truth Is a Beautiful Thing“ landete 2017 auf Platz eins der UK-Liste.

Hannah Reid mit der beeindruckenden Stimme

Seither hat auch Frontfrau Hannah Reid, die 31-jährige Britin mit der beeindruckenden Stimme voll durchdringender Klarheit, ihre Gedanken sortiert. Von der einstigen Vorfreude auf ein verheißungsvolles Land ist nur wenig geblieben.

Das ist der erste Eindruck, den das jetzt wegen Corona mit einem Jahr Verspätung erschienene Album „Californian Soil“ vermittelt: „I left my soul on Californian soil“ heißt es im titelgebenden Lied. Auf kalifornischem Boden habe ich meine Seele gelassen. Im zugehörigen Musikvideo liegt sie im Morgengrauen wie gestrandet auf Pazifiksand.

Mit unreinen Reimen alles sagen

Sie singt das wie eine ernüchterte Feststellung. So als wäre mit einem unreinen Reim schon alles gesagt. Doch gleichzeitig lässt Gitarrist Dan Rothman auf seinen Saiten ein Riff erklingen, das sich im Ohr festkrallt und so die Platte am Laufen hält. Der Dritte im Bunde, Multi-Instrumentalist Dot Major, steuert im Vergleich zu früheren Alben weniger klare Klavier- und Keyboardklänge bei, sondern ist mehr mit dem Synthie-Rumoren, einem treibenden Beat sowie viel kleinteiligem Percussions-Klappern, -Klimpern und -Rascheln beschäftigt.

Das album

London Grammar: Californian Soil. Ministry Of Sound/Universal Music.

Zu einem Konzeptalbum, einer durchgängigen Abrechnung mit den USA, wird „Californian Soil“ jedoch nicht. In „All My Love“ zeichnet Hannah Reid das Bild einer enttäuschten Liebesbeziehung, die in Trümmern liegt und voller Schatten ist – und könnte damit auch ihr Verhältnis zum Land meinen.

Im Refrain singt sie: „Oh ever since I was a child with you / I kept a place in my heart safe for you“. Das passt zu den Erinnerungen, die sie mit dem Online-Musikportal „minutenmusik“ geteilt hat: Als Kind habe sie die US-amerikanische Popkultur aufgesogen. Bei der ersten US-Tour 2013 war es „auf so viele Arten magisch, an diesem Ort zu sein, den ich so sehr idealisiert hatte.“ Aber die Armut, die sie bei ihren Reisen durch das Land erlebt habe, habe ihr jene Illusion genommen.

Diese Enttäuschung gipfelt im finalen Track „America“, der düster mit Grillenzirpen und Rothmans schrammeligen Akkordfolgen auf die bereits nach Wüste und Weite klingenden Gitarrenbendings am Ende von „All My Love“ antwortet, und direkt Bezug auf die US-Touren der Band nimmt: „But all of our time chasing America, though she never had a home for me. All of our time chasing a dream.“ Die ganze Zeit haben wir Amerika hinterhergejagt, obwohl sie keinen Platz für mich hatte. Weder in Chicago, Philadelphia, New York, Boston, Washington noch in Kalifornien.

Das Motiv des American Dream nutze sie, um Abschied zu nehmen, schreibt Reid in einer Songnotiz. Untrennbar damit verbunden scheinen ihre Erfahrungen im Musikgeschäft.

Eine Frau im männerdominierten Musikbusiness

Sie habe sich immer wieder mit Frauenfeindlichkeit in der männerdominierten Musikindustrie konfrontiert gesehen, schreibt sie weiter zum Album: „Du stellst dir vor, mit Erfolg wird alles gut. Dann blickst du hinter die Kulissen und fragst dich, warum habe ich hier nicht die Kontrolle? Hängt das in irgendeiner Weise damit zusammen, dass ich eine Frau bin?“

Doch um diese tiefgehenden Lieder herum ist „Californian Soil“ ein leichtes, an manchen Stellen doch auch seichtes Popalbum. Da ist Platz für eine packende Synthpop-Hymne wie „How Does It Feel“, oder den Ohrwurm „Lose Your Head“.

Insgesamt schlägt London Grammar mit dem neuen Album eine poppigere Richtung ein. Vor allem die erste Hälfte elektrisiert. Der zweiten geht bis auf „All My Love“ und „America“ jedoch ein wenig der Saft aus.

Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen will, hat am Sonntag um 20 Uhr deutscher Zeit eine besondere Chance: Dann bringt die Band „Californian Soil“ erstmals in voller Länge als Live-Show auf die Bühne. Das Konzert wird auf dem Youtube-Kanal der Band übertragen.

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