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Perikles an der Leiche seines Sohnes, der 430 v. Chr. an der Pest starb, ein Jahr vor seinem Vater. Stahlstich Carl von Rotteck, 1842.

Die Seuche in Athen

Die einen starben infolge mangelnder Pflege, andere trotz aufopfernder Fürsorge

Sommer 430 vor Christus: Auszug aus dem „Peloponnesischen Krieg“ von Thukydides.

Gleich zu Sommerbeginn … brach zum ersten Mal in Athen die Seuche aus; sie soll früher schon an vielen Orten, bei Lemnos und in anderen Gegenden, aufgetreten sein, aber nie wurde eine solche Pest, ein solches Massensterben berichtet. Denn auch die Ärzte konnten zunächst nicht helfen, da sie in Unkenntnis der Krankheitsursachen behandeln mussten, ja sie selbst starben am meisten, da sie am meisten mit ihr in Berührung kamen; und jede andere menschliche Kunst versagte. Wie viel sie auch in den Tempeln beteten, Orakelsprüche und dergleichen mehr anwendeten – alles war nutzlos; schließlich gaben sie es auf und fügten sich in ihr Unglück.

Die Seuche soll ihren Ausgang in Äthiopien oberhalb Ägyptens genommen haben, dann stieg sie nach Ägypten und Libyen hinab und in weite Gebiete des Großkönigs. In Athen fiel sie plötzlich ein, zuerst ergriff sie die Menschen im Piräus, weshalb es auch hieß, die Peloponnesier hätten Gift in die Brunnen geworfen – Quellwasser gab es nämlich dort noch nicht. Später kam sie dann in die obere Stadt, und nun starben noch viel mehr Menschen dahin. Es möge nun jeder, Arzt oder Laie, über sie seine Meinung sagen, woher sie wahrscheinlich ihren Ursprung genommen hat und welche Krankheitskeime die Kraft zu so tief greifenden Veränderungen bergen; ich will nur beschreiben, wie sie verlief; die Merkmale, bei deren Beachtung man die Krankheit bei einem neuerlichen Auftreten sicher erkennen könnte, wenn man schon etwas von ihr weiß, die will ich darstellen, der ich selbst krank war und selbst andere leiden sah.

Dieses Jahr war, wie allgemein festgestellt wurde, von anderen Krankheiten ganz besonders verschont. Hatte aber jemand schon vorher eine Krankheit, so ging sie in dieses Leiden über. Die anderen aber befiel ohne irgendeinen Grund, ganz plötzlich bei voller Gesundheit, zuerst starke Hitze im Kopf, Röte und Entzündung der Augen; und innen, Schlund und Zunge, war alles gleich blutigrot, der ausströmende Atem war sonderbar und übel riechend. Dann entwickelte sich daraus Niesen und Heiserkeit, und in kurzer Zeit stieg das Leiden unter starkem Husten in die Brust nieder. Wenn es sich auf den Magen warf, drehte es ihn um, und es kam zu allen möglichen Gallenentleerungen, für die die Ärzte Namen haben, und all das unter großen Schmerzen. Die meisten befiel leeres Würgen, das wiederum einen heftigen Krampf bewirkte, bei den einen nach dem Aufhören dieser Symptome, bei andern auch noch viel später. Wenn man von außen anfasste, war die Haut gar nicht besonders heiß, auch nicht bleich, sondern etwas gerötet, blutunterlaufen, mit kleinen Pusteln und Geschwüren übersät. Innen aber war die Fieberhitze so stark, dass man nicht einmal die Berührung ganz zarter Gewebe oder des feinsten Musselins ertrug und es überhaupt nur nackt aushielt; am liebsten hätte man sich in kaltes Wasser gestürzt – und viele Kranke, die unbeaufsichtigt waren, taten dies auch und stürzten sich in die Brunnen –, von unaufhörlichem Durst gepeinigt. Es war völlig gleichgültig, ob man viel oder wenig trank.

Man quälte sich in beständiger Unruhe und Schlaflosigkeit. Der Körper erschlaffte nicht, wie lange auch die Krankheit auf ihrem Höhepunkt stand, sondern widersetzte sich über Erwarten dem Verfall, sodass die meisten am siebenten oder neunten Tag, noch etwas bei Kräften, an der inneren Hitze starben; kamen sie aber davon, dann stieg das Leiden tiefer hinab in den Unterleib, starke Geschwüre traten dort auf, dazu kam noch heftiger Durchfall – und dann starben die meisten daran wegen Entkräftung. Denn das Übel durchlief den ganzen Körper, beginnend vom Kopf, wo es sich zuerst festsetzte, und hatte einer das Ärgste überstanden, so ließ doch der Anfall der Krankheit an den Gliedmaßen dauernde Spuren zurück. Sie warf sich nämlich auch auf die Schamteile, Finger und Zehen; viele kamen mit deren Verlust davon, manche mit dem der Augen. Andere konnten sich gleich beim ersten Aufstehen an nichts mehr erinnern und kannten sich und ihre Verwandten nicht mehr.

Diese Krankheitsart war furchtbarer, als Worte es beschreiben können; sie befiel jeden mit einer Gewalt, die über Menschennatur ging. Auch in Folgendem zeigte es sich deutlich, dass sie etwas anderes als die herkömmlichen Krankheiten war: Die Vögel und Tiere, die sonst von Leichen fressen, gingen entweder an die vielen Unbeerdigten überhaupt nicht heran oder verendeten, wenn sie davon fraßen. Der Beweis: ein deutliches Verschwinden solcher Vögel, das nun eintrat – man sah sie überhaupt nicht mehr, auch nicht in der Nähe einer Leiche; die Hunde zeigten (noch) deutlicher diese Wirkung, weil sie mit dem Menschen zusammenlebten.

So verlief die Krankheit in ihrer Gesamtform, wenn man von den vielen Sonderfällen absieht, wie sie der eine vielleicht im Unterschied zum andern im Einzelnen erlitt. Andere Krankheiten gab es daneben in jener Zeit nicht, und wenn, gingen sie schließlich in jene über.

Die einen starben infolge mangelnder Pflege, andere trotz aufopfernder Fürsorge. Man fand auch erwiesenermaßen kein einziges Heilmittel, dessen Anwendung sichere Hilfe versprochen hätte; was dem einen genützt hatte, schadete dem anderen. Was die körperliche Beschaffenheit an sich betrifft, der Starke unterschied sich bei dieser Krankheit in nichts vom Schwachen, alle raffte sie hinweg, auch die sich mit aller Sorgfalt pflegen ließen.

Zur Sache

Der griechische Historiograph und Militärstratege Thukydides (um 454 bis 399/396 vor Christus) beschreibt in seinem unvollendeten Werk „Der Peloponnesische Krieg“ die Dauerrivalität zwischen der Seemacht Athen und der Landmacht Sparta. Berühmt wurde dieses Werk wegen des Ansatzes einer nüchternen, genau recherchierten und detailreichen Darstellung der Ereignisse, darunter der Pest und ihren Folgen (s. FR v. 7. 2. 20).

Thukydides: Der Peloponnesische Krieg. Übers. & hrsg. von Helmut Vretska, Werner Rinner. Reclam. 867 Seiten, 18,80 Euro.

Das Furchtbarste an dem ganzen Übel aber war die Mutlosigkeit, sobald sich einer krank fühlte – denn sie überließen sich gleich der Verzweiflung, gaben sich vollends auf und leisteten keinen Widerstand –, und dass sich einer bei der Pflege des anderen ansteckte und alle wie das Vieh dahinstarben; und gerade das führte zu dem Massensterben. Denn entweder vermied man aus Angst, einander zu besuchen – dann kamen sie verlassen um, und viele Häuser starben ganz aus, weil kein Pfleger da war –, besuchten sie aber einander, holten sie sich den Tod, besonders die, die noch etwas auf Hilfsbereitschaft hielten. Aus Schamgefühl schonten sie sich nicht und kamen zu ihren Freunden, stumpften ja selbst die Verwandten gegen das Gewinsel der Sterbenden ab, überwältigt von der Größe des Leides.

Mehr Mitleid hatten doch noch die Geretteten mit den Sterbenden und Leidenden, weil sie alles bereits kannten und selbst nun in Sicherheit waren; denn zweimal befiel sie denselben nicht, zumindest nicht mit tödlichem Ausgang. Sie wurden glücklich gepriesen von den anderen und hegten auch selbst in der übergroßen Freude des Augenblicks für alle Zukunft die unbeschwerte Hoffnung, es könnte ihnen nie mehr eine andere Krankheit den Tod bringen.

Zu all ihrer Not brachte sie das Zusammenströmen der Leute vom Land in die Stadt in noch größere Bedrängnis, vor allem die Neuankömmlinge. Denn da nicht genug Häuser vorhanden waren und sie den Sommer in stickig-heißen Hütten zubringen mussten, starben sie in wüstem Durcheinander dahin: Tote und Sterbende lagen übereinander, halbtot wälzten sie sich auf den Straßen und bei allen Brunnen, in wildem Verlangen nach Wasser. Die Tempel, in denen sie hausten, lagen voller Leichen der dort Verstorbenen. Völlig überwältigt vom Leid und ratlos, was aus ihnen werden solle, kehrten sie sich nicht mehr an göttliches und menschliches Gebot. Alle Bräuche, an die sie sich früher bei Begräbnissen gehalten hatten, wurden in der allgemeinen Verwirrung erschüttert; jeder begrub, wie er konnte.

Viele kamen auf eine ganz schamlose Art der Bestattung aus Mangel an dem Nötigsten, da ihnen schon so viele vorher gestorben waren: Auf einen fremden Scheiterhaufen legten sie ihren Toten, bevor noch die, die ihn aufgeschichtet, dazukamen, und zündeten ihn an; andere warfen die Leiche, die sie trugen, auf eine schon brennende obendrauf und gingen fort.

Auch sonst war die Pest für Athen der Anfang der Sittenlosigkeit. Leichter erfrechte sich jetzt mancher zu Taten, an die er vorher nur im Geheimen gedacht hatte, da man den raschen Wandel sah zwischen den Reichen, die plötzlich starben, und den früher Besitzlosen, die nun mit einem Mal deren Hab und Gut besaßen. So hielten sie es für recht, das Angenehme möglichst rasch und lustvoll zu genießen, da ihnen ja Leben und Geld gleicherweise nur für den einen Tag gegeben seien. Sich im Voraus um ein edles Ziel abzumühen, war niemand bereit, erschien es ihm doch unsicher, ob er nicht, ehe er es erreicht, schon ums Leben gekommen sei. Genuss für den Augenblick und alles, was dem diente, das galt als schön und nützlich.

Weder Götterfurcht noch Menschensatzung hielt sie in Schranken; denn einerseits hielt man es für gleichgültig, ob man fromm sei oder nicht, da man alle ohne Unterschied dahinsterben sah, und andererseits glaubte niemand für seine Vergehen noch Gerichtsverhandlung und Strafe zu erleben, viel drohender schwebe das schon verhängte Schicksal über ihren Häuptern, und bevor es ganz über sie hereinbreche, sei es doch billig, sein Leben noch ein wenig zu genießen.

So litten die Athener ringsum bittere Not: Drinnen starben ihnen die Menschen, und draußen wurde ihr Land verwüstet. In dieser Bedrängnis erinnerten sie sich naturgemäß auch jenes Verses, der, wie die Älteren sagten, schon immer so gesungen wurde: „Kommen wird einst der dorische Krieg und mit ihm die Seuche.“ Die Menschen waren zwar geteilter Meinung; nicht „Seuche“ sei in dem Vers von den Alten gesagt worden, sondern „Hunger“. Es siegte aber unter diesen Umständen, wie nicht anders zu erwarten, die Ansicht, es habe „Seuche“ geheißen, denn die Menschen lenken ihre Erinnerung immer nach dem Erlebten. Ich glaube jedoch, falls ein anderer dorischer Krieg nach diesem ausbricht und dann etwa eine Hungersnot eintritt, so wird man es wahrscheinlich so singen.

Auch an das Orakel der Lakedaimonier erinnerten sich die, die es kannten, als auf ihre Frage, ob sie Krieg führen sollten, der Gott verkündete, den machtvoll Kämpfenden falle der Sieg anheim, er selbst werde mit eingreifen. Verglichen sie es, so entsprachen die Ereignisse ziemlich genau dem Orakel: Gleich nach dem Einfall der Peloponnesier brach die Seuche aus, drang aber nicht in den Peloponnes ein – ein bemerkenswerter Umstand –, sondern verheerte vor allem Athen, dann auch von anderen Gegenden die volkreichsten. Das also war der Verlauf der Krankheit.

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