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Das Team, das New York ein Happy End bescherte, zumindest auf der Leinwand: Die Avengers mit Black Widow (Scarlett Johansson, von links), Thor (Chris Hemsworth), Captain America (Chris Evans), Hawkeye (Jeremy Renner), Iron Man (Robert Downey Jr.) und Hulk (Mark Ruffalo).
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Das Team, das New York ein Happy End bescherte, zumindest auf der Leinwand: Die Avengers mit Black Widow (Scarlett Johansson, von links), Thor (Chris Hemsworth), Captain America (Chris Evans), Hawkeye (Jeremy Renner), Iron Man (Robert Downey Jr.) und Hulk (Mark Ruffalo).

US-Kultur

Avengers retten New York: Wie Heldenfilme von Marvel 9/11 neu erzählen

  • Valerie Eiseler
    VonValerie Eiseler
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Ein Angriff auf New York - doch diesmal stehen die Avengers bereit, um die Stadt zu retten. Kein Zufall, denn Superheldenfilme wie die von Marvel versuchen die Tragödie von 9/11 mit einem Happy End zu überschreiben.

Der Himmel über New York wird schwarz. Unbekannte Monster aus der Luft bereiten sich ihren Weg in die Stadt und zerstören alles, was ihnen im Weg steht. Hochhäuser zerfallen, Autos brennen, Menschenmassen schreien und rennen. Doch mittendrin steht eine Gruppe, die den Monstern Einhalt gebietet. Bewaffnet mit einem Schild, einem magischen Hammer, Bogen und einer Menge Wut machen sie sich auf in den Kampf um New York.

Diese Szene ist der Höhepunkt in dem 2012 erschienen Film „The Avengers“. Sie zeigt das gleichnamige Superheldenteam auf seiner ersten gemeinsamen Mission, die Welt vor einem Angriff von Aliens zu retten. „Wir sehen jede Menge Zerstörung, eingefallene Gebäude, und wir sehen New York als zentralen Angelpunkt amerikanischer Identität und Moderne“, beschreibt der US-amerikanische Medienwissenschaftler Dan Hassler-Forest im Gespräch mit der FR die Szene. „Wer diese Filme halbwegs kritisch schaut, hat keinerlei Probleme, die metaphorische Parallele zu unserer Politik zu sehen“, erklärt Hassler-Forest. Und auch die Parallele zu den Terroranschlägen des 11. September 2001 ist offensichtlich.

Die Parallele zwischen 9/11 und „The Avengers“: Wie Marvel-Filme amerikanische Geschichte verarbeiten

Diesmal jedoch hat New York, haben die Vereinigten Staaten von Amerika, mit den Avengers eine Chance auf ein Happy End. In dieser Version der Ereignisse prügelt Captain America (Chris Evans) die Aliens zu Boden, und der große grüne Hulk (Mark Ruffalo) stoppt riesige Weltraumschlangen mit einem Schlag. Die Agenten Black Widow (Scarlett Johansson) und Hawkeye (Jeremy Renner), die über keine Superkräfte verfügen, können den furchterregenden Monstern aber mit Pfeil, Bogen und ein paar Pistolen begegnen. Der nordische Gott Thor (Chris Hemsworth) wiederum setzt mit seinem magischen Blitz die Alientechnologie außer Gefecht, und Iron Man (Robert Downey Jr.) schließt das Weltraumportal, indem er eine von der Regierung gefeuerte Atombombe dorthin umleitet. Die Bilder einer zerstörerischen Schlacht inmitten der Hochhäuser von New York werden in diesem Film zurückerobert und in einen neuen Kontext gestellt. Nun haben sie nichts mehr zu tun mit der Tragödie Tausender Todesopfer, mit der komplizierten Moralität von Krieg und Profit. Nun stehen die Bilder allein für den Triumph der „Guten“ im Angesicht einer unbeschreiblichen Katastrophe. Happy End.

The Avengers (2012)

Regie: Joss Whedon

Als der aus Asgard stammende Gott Loki auf die Erde kommt, um sie zur erobern, versammelt Nick Fury von der Organisation S.H.I.E.L.D. ein Team von Helden, um die Welt zu beschützen. Gemeinsam kämpfen Captain America, Iron Man, Thor, Black Widow, Hulk und Hawkeye gegen eine Alieninvasion in New York.

Nach den Anschlägen des 11. September hatte es für das damalige Weiße Haus Priorität, eine Version der Geschehnisse zu erzählen, in der die Vereinigten Staaten als unbescholten gelten würden. „Unschuld unter Beschuss“, nennt das Hassler-Forest. „Es ging nicht um Amerikas Verantwortung, die Ausbeutung von Öl und mehrheitlich muslimische Staaten. Nichts durfte überhaupt nur auf eine Mitschuld der USA hindeuten. In dieser Erzählung war Amerika nichts als unschuldig und heldenhaft und wurde durch eine unglaubliche Tragödie traumatisiert. Diese Version übersetzt sich sehr einfach in das Superhelden-Narrativ aus Helden und Bösewichten.“ In dem Aufschwung des Superhelden-Genres der vergangenen 20 Jahre sieht Hassler-Forest Parallelen zu dem politischen Projekt der USA, sich auf der Bühne der Welt als tragische Helden und nicht als Bösewichte darzustellen.

So sei es auch kein Zufall gewesen, dass Clark Kent alias Superman (Brendan Routh) in der 2006-Fortsetzung der berühmten Superman-Trilogie in letzter Sekunde ein Flugzeug stoppte, sagt Hassler-Forest. Ein Flugzeug, das direkt in das verkörperte Symbol US-amerikanischer Unschuld fliegen sollte – ein vollbesetztes Baseballstadion.

Aus deutscher Perspektive ist es nur schwer nachzuvollziehen, wie stark der Drang zur Vaterlandsliebe in den USA nach dem 11. September 2001 war und in manchen Hinsichten noch immer ist. Hassler-Forest erinnert sich an Anekdoten, in denen etwa Kinder aus der Schule nach Hause geschickt wurden, weil sie T-Shirts mit einem Peace-Zeichen trugen, das als „anti-amerikanisch“ wahrgenommen wurde. Es war eine Zeit, in der George W. Bush mit 92 Prozent die bislang höchste Zustimmungsrate aller US-Präsidenten erreichte.

Zerstörte Hochhäuser, brennende Autos - aber diesmal mit Superhelden: Die Optik von 9/11 in neuem Kontext

Tatsächlich waren Superheldenfilme aber weder die ersten, noch die einzigen Filme, die die Tragödie von 9/11 als Material verwendeten. Die Auswirkungen der Terroranschläge waren in der gesamten Medienlandschaft der Vereinigten Staaten zu bemerken. Nach der Berichterstattung über die Anschläge selbst, dauerte es nicht lange, bis sich auch die Branche der fiktiven Unterhaltung in den USA der Materie annahm. Nicht „nur“ das Ereignis wurde verfilmt. Serien und Filme zeigten Polizisten und Polizistinnen oder Agentinnen und Agenten von Behörden wie dem FBI oder der CIA plötzlich ausschließlich als Heldinnen und Helden. Bedient wurde ein – vermeintliches – Bedürfnis nach Vertrauen in die staatlichen Institutionen, Vertrauen in die staatliche Zuversicht. Diese sollte in einer verstörten Nation alles wieder zurechtrücken.

Superman Returns

Regie: Bryan Singer

Nach mehreren Jahren Abwesenheit kehrt Superman (Brandon Routh) zurück auf die Erde und versucht seinen Platz in der Gesellschaft wiederzufinden. Sein langjähriger Erzfeind Lex Luthor will ihn vernichten. Der Film ist eine lose Fortsetzung der Superman-Trilogie, die Schauspieler Christopher Reeve bekannt machte.

„Ich denke, viele Filme über das Militär, zum Beispiel von Regisseur Peter Berg mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle, gehen sehr viel ausdrücklicher mit der Thematik um“, sagt Hassler-Forest. „Der Hauptunterschied ist eine sehr direkte Beschäftigung mit Krieg und geopolitischen Konflikten. Währenddessen geben uns Superheldenfilme, so wie alle eher fantastischen Genres, eine gewisse Distanz, um uns mit diesen Themen zu beschäftigen.“ Diese Distanz ist ebenso offensichtlich wie die Parallelen. Gesichtslose graue Alienmonster, die durch ein Weltraumportal auf die Erde springen? Weit genug weg von der Realität, um immer noch für unterhaltsamen Eskapismus zu sorgen. Superheldenfilme schaffen, so Hassler-Forest, „eine Umwelt, in der wir Fantasien spinnen können über die Verbindung des ‚amerikanischen Exceptionalism‘ zum Heldentum. Zwischen Individualismus und Ruhm.“

Wie Marvel-Filme US-amerikanische Politik verfilmen: Von 9/11 bis zur Diskussion über Rassismus

Das Superheldengenre ist in den vergangenen 20 Jahren gigantisch erfolgreich geworden. Allein das sogenannte Marvel Cinematic Universe, der aus 25 Filmen bestehende Epos des Marktführers Marvel Studios, ist inzwischen zum erfolgreichsten Franchise-Produkt der Welt geworden und schlägt damit selbst Giganten wie die „Star Wars“-Saga (wenngleich beide inzwischen zum Mutterkonzern Disney gehören). Das lange erwartete Finale „Avengers: Endgame“ (2019), in dem knapp 40 zuvor etablierte Superheldinnen und Superhelden in einer riesigen Armee gemeinsam kämpfen, ist mit einem weltweiten Umsatz von rund 2,8 Milliarden US-Dollar der kommerziell bislang erfolgreichste Kinofilm aller Zeiten.

Das katastrophale Ausmaß von 9/11 bleibt New York in „The Avengers“ erspart. Hier zu sehen: Thor (Chris Hemsworth) und Captain America (Chris Evans).

Und selbst wenn der Marvel-Konkurrent DC Comics (Warner Brothers), zu dessen Repertoire etwa Superman, Batman und Wonder Woman gehören, nicht an diese Zahlen heranragt, gehören auch dessen Filme regelmäßig zu den absoluten Kassenschlagern der Kinos.

Amerika als „Unschuld unter Beschuss“: Wie Marvel-Filme die Post-9/11-Politik der USA repräsentieren

Angesichts dieses Erfolges ist auch der kulturelle Einfluss des aktuellen Superhelden-Genres nicht zu unterschätzen. Und um zu verstehen, weshalb das Genre sich so gut eignet, um die Idee der US-amerikanischen Mentalität, den „American Exceptionalism“, zu verkörpern, ein kurzer Exkurs in dessen Aufbau: Der Superheldenfilm basiert in den meisten Fällen auf dem klassischen Format der Heldenreise und hat über die Jahre eigene Muster und Klischees entwickelt. In der Regel beginnen die Abenteuer eines Superhelden oder einer Superheldin mit der sogenannten „Origin Story“ (deutsch: Herkunftsgeschichte). Viele von ihnen starten die Reise als gewöhnliche Menschen, bevor sie zum Außergewöhnlichen heranwachsen oder gemacht werden. Die Heldinnen und Helden müssen dann beschließen, wie sie mit der Macht ihrer neuen Fähigkeiten umgehen, ohne diese zu missbrauchen. Das einprägsamste Zitat sämtlicher Spiderman-Variationen über die Jahre lautet nicht ohne Grund: „With great power comes great responsibility“ (Im deutschen Film übersetzt mit „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“). Auf die Probe gestellt wird der moralische Kern der Heldinnen und Helden, indem meist ihre Liebsten von dem Bösewicht der Geschichte bedroht werden. Und zum Höhepunkt des Films besiegen die Helden und Heldinnen ihre Feinde und Feindinnen in einer großen, epischen Schlacht.

Die Figur von Superman, hier verkörpert von Henry Cavill in „Man of Steel“, wurde in den 30er Jahren erfunden, um den Schrecken des Krieges mithilfe eines mächtigen Helden verarbeiten zu können.

Das grundlegende Rezept eines Superheldenfilms ist also recht simpel, doch schon die frühen Inkarnationen der Helden waren durchaus politisch. Der moderne Superheld stützt sich auf die Erfindung von Superman durch die Autoren Jerry Siegel und Joe Shuster. Der berühmte Mann aus Stahl war in der ersten Kurzgeschichte „The Reign of the Super-Man“ (1933) zunächst ein Bösewicht – ein Mann, der über telepathische Fähigkeiten verfügte und damit die Welt terrorisierte. Erst im Nachhinein machten Siegel und Shuster, beide Kinder jüdischer Flüchtlinge, Superman zu einem mächtigen Helden – und fanden während des Zweiten Weltkrieges mit dieser Version der Figur deutlich mehr Publikum.

Der Erfolg von Superman und kurz darauf Batman sorgte für einen regelrechten Boom an Superhelden in Comics. Während des Krieges konnten vor allem Kinder durch die bunten Heftchen ihre Ängste und Sorgen durch mächtige und stets gute Helden konfrontieren. Besonders deutlich zeigt sich das an den Comicbüchern, in denen sowohl Superman (DC Comics), als auch Captain America (Marvel) Adolf Hitler verprügeln. Mit der Zeit wurden sowohl Comics als auch ihre Heldinnen und Helden komplexer und behandelten ernstere Themen, die auch Erwachsene attraktiv fanden.

Patriotische Superhelden: 9/11 war auch für die Filmbranche in den USA ein großer Umbruch

Diese ernstere Thematik führte auch zu zwei Verfilmungen, die bis heute als Durchbruch im Genre der Superhelden gelten. Zum einen mit der 2005 beginnenden „The Dark-Knight“-Trilogie des Regisseurs Christopher Nolan. Wie damals von vielen Kritikerinnen und Kritikern erkannt wurde, reflektierte Nolan in seiner düsteren Verfilmung des Helden Batman (Christian Bale) eine Geschichte, in der das Publikum sich mit der Bedeutung von Gerechtigkeit und moralischem Relativismus auseinandersetzen konnte. In diesem sehr deutlich erkennbaren Post-9/11-Film leben die Bewohnerinnen und Bewohner der fiktiven Großstadt Gotham in Angst und Schrecken. Und nur das harte und teils nicht immer klar „gute“ Durchgreifen Batmans kann sie retten.

Nur wenige Jahre später definierte Marvel Studios mit dem Überraschungserfolg von „Iron Man“ (2008) den neuen Standard für Superheldenfilme. Hier wird die Parallele zu US-amerikanischer Politik in keinster Weise verdeckt behandelt: Erfinder Tony Stark (Robert Downey Jr.), mit dem Handel von Rüstungsgütern reich geworden reist für eine Raketendemonstration nach Afghanistan und wird dort von einer Terrorgruppe entführt. Deren Anführer zwingt ihn, die neue Rakete zu bauen. Doch statt der Waffe entwickelt Stark insgeheim einen Rüstungsanzug, ausgestattet mit diversen Waffen, mit dem es ihm schließlich gelingt zu fliehen. Stark erkennt, dass seine Waffen weltweit nicht nur von Verbündeten, sondern auch von Feinden genutzt werden können, und stellt die Rüstungsproduktion seines Konzerns ein. Ein deutliches, wenn auch durch die Handlungen einer Einzelperson extrem reingewaschenes Pendant zum „Krieg gegen den Terror“, den die USA in Afghanistan führten.

Iron Man (2008)

Regie: Jon Favreau

Genie und Erfinder Tony Stark (Robert Downey Jr.) ist mit dem Verkauf von Waffen reich geworden. Nachdem er in Afghanistan entführt wurde, um für eine Terrorgruppe Waffen zu entwickeln, baut er eine High-Tech-Rüstung, die ihm die Flucht ermöglichen soll. Mit dem „Iron Man“-Anzug will Tony die Terroristen bekämpfen- und einen unerwarteten Feind zu Hause. Erster Film des Marvel Cinematic Universe.

Der dritte Teil der „Iron Man“-Reihe geht noch etwas weiter: Dessen Bösewicht, der Geschäftsmann Aldrich Killian, verdeckt seine illegalen Machenschaften hinter der Fassade einer angeblich existierenden Terrorgruppe und profitiert dann von dem daraus resultierenden Konflikt. Mit seinem prägnanten Zitat „I will own the War on Terror“ – mir wird der Krieg gegen den Terror gehören – zitiert der Bösewicht des Films damit den realen politischen Konflikt.

Kritisieren Marvel-Filme wie „Captain America: The Winter Soldier“ die US-Regierung? Nicht wirklich, sagt ein Experte

Als ähnlich politisch wird der zweite Teil der „Captain America“-Trilogie gewertet. „Captain America: The Winter Soldier“ (2014, in deutschen Kinos „The Return of the First Avenger“) fällt in das Genre der Verschwörungsthriller. Supersoldat Captain America (Chris Evans) arbeitet für die Regierungsbehörde S.H.I.E.L.D. und entdeckt, dass diese von einer Nazi-Organisation unterwandert wurde. Diese wollte mithilfe eines Regierungssatelliten die Menschheit ausspionieren und potenzielle Feinde auf Knopfdruck ausschalten.

Da der Film nur wenige Monate nach Bekanntwerden der Affäre um den Whistleblower Edward Snowden in die Kinos kam, wurde er damals als besonders zeitgemäß aufgenommen. Ein militärisch geprägter Action-Blockbuster, der die US-Regierung kritisiert? Ein geradezu spektakuläres Wagnis für das Genre. Doch Experte Dan Hassler-Forest bleibt zurückhaltend, wenn es darum geht, diesen Filmen eine politisch-kritische Haltung anzuheften. Am Ende von „Captain America: The Winter Soldier“ gehe es schließlich nicht um ein korruptes Regierungssystem, sondern nur um einige wenige Bösewichte, die zum Schluss tatsächlich bestraft werden. Die US-amerikanische Regierung sowie das Militär bleiben in der Regel moralisch intakt.

Captain America: The Winter Soldier (2014)

Regie: Anthony & Joe Russo

Nach 70 Jahren Kälteschlaf versucht der Supersoldat Captain America (Chris Evans), sich in der modernen Welt zurechtzufinden. Bei seiner Arbeit für die Behörde S.H.I.E.L.D bemerkt er, dass diese von der Nazi-Organisation Hydra unterwandert wurde. Gemeinsam mit Black Widow (Scarlett Johansson) und Falcon (Anthony Mackie) will er sie aufhalten, bevor sie Kontrolle über einen Satelliten erhalten.

Grund dafür ist mitunter das Pentagon selbst. In der US-Filmbranche spricht man von dem sogenannten Military-Entertainment-Complex. Dabei handelt es sich um eine Vereinbarung großer Hollywoodstudios mit dem Pentagon: Militärpersonal und Ausrüstung wie etwa echte Flugzeuge, Fahrzeuge oder auch Schiffe und Drehorte werden der Filmproduktion zur Verfügung gestellt – im Gegenzug für das letzte Wort bei der Drehbuchabnahme. Damit stellt das Pentagon sicher, dass die Rolle des US-Militärs sowie der US-Regierung nicht in einem negativen Licht dargestellt werden.

Als besonders bekanntes Beispiel für diese Zusammenarbeit gilt der Film „Independence Day: Resurgance“ (2016), der die fiktive Teilstreitkraft des Militärs, „Earth Space Defense“ genannt, im Kampf gegen Aliens zeigt. Das Marketing für den Film glich klassischen Militärwerbespots und verwies mitunter auf die Rekrutierungswebseite der Armee.

Militärpropaganda in Marvel-Filmen: Das Pentagon zahlt und darf mitbestimmen

Während nicht alle Superheldenfilme die Unterstützung des Pentagon erhalten, wenn sie die Nähe zu den Behörden transparent machen, gibt es auch in der Marvel-Franchise sehr offensichtliche Beispiele. Darunter etwa „Iron Man“ und „Captain America: The Winter Soldier“. Besonders auffällig ist die Kooperation in „Captain Marvel“ (2019) – dem ersten Film des Franchise, mit einer weiblichen Superheldin als Hauptfigur: Carol Danvers/Captain Marvel (Brie Larson) ist Pilotin für die US Air Force, als sie von einer Alien-Armee gekidnappt wird. Im Film überwindet sie die verschiedenen Diskriminierungen, die sie sowohl auf der Erde als auch auf ihrem neuen Planeten erlebt, nur weil sie eine Frau ist.

Captain Marvel (2019)

Regie: Anna Boden und Ryan Fleck

Die Kriegerin Vers kämpft für das Kree-Imperium, um die Galaxie vor einer Invasion von Skrull –außerirdischen Gestaltwandlern – zu beschützen. Als sie für eine Mission auf die Erde reist, entdeckt sie ihre Vergangenheit als Pilotin der Air Force und lernt, dass weder die Kree, noch die Skrull das sind, was sie zu sein scheinen.

Die Air Force wird sehr prominent gezeigt, mit verschiedenen Flugmontagen und inspirierenden Kameraeinstellungen auf dem Flugplatz. Der Sexismus, der noch immer ein sehr realer Bestandteil des Militärdiensts ist, erscheint hier allerdings fest in dem 80er-Jahre-Setting des Films verankert – und vor allem durch eigene Stärke überwindbar. Diese Botschaft des Films wurde zudem vom US-Militär genutzt, um Frauen für die Air Force anzuwerben.

Während moderne Superheldenfilme häufig für ihre politische Relevanz gepriesen werden, gibt Medienwissenschaftler Hassler-Forest allerdings zu bedenken, dass ihre politische Haltung nie über einen gewisses Maß hinweg stattfindet: „Superheldenfilme stellen aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme konstant als Herausforderung dar. Aber die Figuren, die radikale Lösungen für diese Probleme fordern, werden stets als mordende Extremisten gezeigt, die vor nichts Halt machen, um ihr Ziel zu erreichen. Demnach müssen sie von den zögerlichen Superhelden gestoppt werden, die ihre Ansätze zwar prinzipiell verstehen, aber immer einen anderen, gemäßigten Weg wählen.“

Besonders deutlich wird diese Tendenz in zwei neueren Filmen des Marvel-Franchise. Der von der Kritik hochgelobte Film „Black Panther“ (2018) behandelt Themen wie Kolonialismus, rassistisch begründeten Kapitalismus und Sklaverei. Der Bösewicht des Films, Erik Killmonger (Michael B. Jordan), ist ein radikaler Kritiker all dieser Probleme. Seine Lösung: Die reichen Ressourcen und Waffen des fiktiven afrikanischen Staates Wakanda zu nutzen, um Schwarze Menschen weltweit zu ermächtigen und die kolonialistisch geprägte Weltherrschaft zu stürzen. Der namensgebende Held des Films, Wakandas König T’Challa (Chadwick Boseman), versucht hingegen einen zaghaften Mittelweg zu gehen - zwischen dem Isolationismus der Vergangenheit und einer eigenen Version des Imperialismus. Während diverse Filmfiguren zwar Verständnis für Killmongers Prinzipien zeigen, wird er aber durch mehrere Morde und seinen Kriegshunger als „böse“ gekennzeichnet.

Black Panther (2018)

Regie: Anna Boden und Ryan Fleck

Die Kriegerin Vers kämpft für das Kree-Imperium, um die Galaxie vor einer Invasion von Skrull –außerirdischen Gestaltwandlern – zu beschützen. Als sie für eine Mission auf die Erde reist, entdeckt sie ihre Vergangenheit als Pilotin der Air Force und lernt, dass weder die Kree, noch die Skrull das sind, was sie zu sein scheinen.

Auch die in diesem Jahr erschienene Serie „The Falcon and the Winter Soldier“ nimmt sich keine geringeren Themen als Rassismus und durch Globalisierung verursachte Ungerechtigkeit vor. Hier sind die Antagonisten eine radikale Gruppe, die nationale Grenzen abschaffen möchte und Ressourcen für Bedürftige stiehlt. Doch bevor die Gruppe in ihren Handlungen allzu gerechtfertigt wirkt, wenden sie sich dem Extremismus zu und lassen Gebäude mitsamt Menschen explodieren. Der Held Sam Wilson (Anthony Mackie), als erster Schwarzer Mann Träger des Titels „Captain America“, tritt hingegen als Zentrist auf. Er versucht, zwischen der Gruppe und dem Establishment zu moderieren.

Ob 9/11, Rassismus oder Sexismus: Marvel-Filme wollen mit aktueller Politik relevant bleiben

Laut Hassler-Forest repräsentieren die meisten Heldinnen und Helden des Franchise diese Version des moderaten, liberalen USA. „Indem sie auf der einen Seite politische Konflikte ansprechen, für die es in der Gesellschaft ein großes Bewusstsein gibt, legitimieren sich diese Filme und erhalten eine gewisse Relevanz. Doch im Endeffekt denken sie das Problem nie bis zum Schluss durch“, sagt Hassler-Forest. Stattdessen bleibe man stets in der politisch liberalen Mitte.

Sam Wilson (Anthony Mackie) muss sich in „The Falcon and The Winter Soldier“ als neuer Captain America mit dem rassistischen Erbe der USA auseinandersetzen.

Und dies nicht zufällig, denn diese Bevölkerungsgruppe stellt den Großteil des kaufkräftigen Publikums des Milliarden-Franchise dar. Und diese Kaufkraft schlägt sich nicht nur an den Kinokassen, sondern in Spielzeugen, Freizeitparks bis hin zu speziell vermarkteten Joghurts oder Käsesorten nieder. Noch ein Grund, weshalb der Konzern seine Superheldinnen und -helden für diese Zielgruppe besonders „unproblematisch“ darstellen will. Dementsprechend macht es ihnen auch nichts aus, für die Erwähnung von Rassismus und Sexismus von der extremen Rechten in den US-Medien verteufelt zu werden.

The Falcon and the Winter Soldier (2021)

Regie: Kari Skogland

Sam Wison (Anthony Mackie) und Bucky Barnes (Sebastian Stan) sind sich uneinig über das Erbe des „Captain America“ -Titels. Während sie sich mit einem neuen Anwärter auf die Rolle streiten, will eine Gruppe von Widerstandskämpfern mithilfe des Supersoldaten-Serums versuchen, weltweit Regierungen zu stürzen.

Doch schaut man zurück auf die erzählerische Struktur des Superheldenfilms, dann wird klar, dass der Grund für diese eher seichte Auseinandersetzung mit Konflikten auch im Fundament des Genres liegt: Die Heldinnen und Helden müssen in ihrem finalen Konflikt einen eindeutigen Gegner besiegen, damit sie das Ziel ihrer Heldenreise erreichen. Moderne Konflikte, seien es der Krieg gegen den Terror, Kolonialismus oder Rassismus sind aber grundlegend systemische Probleme. Sie lassen sich nicht auf ein einzelnes Ereignis oder eine einzelne Person reduzieren, erklärt Hassler-Forest. Doch Superheldenfilme sind lediglich gewillt, diese Probleme auf der kleinen, individuellen Ebene anzugehen. Hier klaffen also die angestrebte politische Relevanz der Filme und ihre genre-typischen Klischees auseinander.

Hassler-Forest formuliert es besonders griffig: „Man kann den Klimawandel nicht boxen.“ Nicht, dass es nicht diverse Science-Fiction-Filme, unter anderem „Avengers: Endgame“, zumindest metaphorisch versucht hätten. Das Genre leiht sich bereits seit Jahren Konflikte aus der realen Geschichte. Und in gewisser Weise lassen sich durch Superheldenfilme die sich verschiebenden Prioritäten der „American Story“ nachempfinden. Wie Hassler-Forest bemerkt, sind sie für viele unterhaltungssuchende Kinofans der einzige Interaktionspunkt mit derartigen Themen, wenn auch durch den vereinfachenden Filter einer Abenteuergeschichte gepresst. Doch im Endeffekt kann das Genre eben nur die vereinfachten Antworten auf Probleme liefern. „Wenn wir von Superheldenfilmen erwarten, dass sie sich mit diesen Konflikten auf eine bedeutungsvolle Weise beschäftigen, schauen wir in die falsche Richtung. Sie haben schlicht nicht die Werkzeuge, um das zu leisten. Die Struktur dieser andauernden, seriellen Franchises steht in gewisser Weise dem entgegen, wie wir im echten Leben mit Problemen umgehen können“, sagt Hassler-Forest.“

Captain America (Chris Evans), umgeben von Trümmern bei der Schlacht in New York.

Bei allen Parallelen zu heutigen politischen Konfliktlinien bleibt also die Mahnung, diese Filme als das anzunehmen, was sie sind: Geschichten über Individuen, die mit Herz und nicht selten auch Gewalt den Feind besiegen können. Sie erzeugen Bilder, die traumatische Erlebnisse wie den 11. September 2001 in einen weniger schmerzhaften Kontext setzen können. Unterhaltender Eskapismus, der gerade nah genug an der Realität entlangschrammt, um sich der Emotionen unserer Erinnerung zu bedienen. Doch angesichts des internationalen Massenerfolgs, einer kontinuierlichen Finanzierung durch das Pentagon und den kommerziellen Interessen von Konzernen kann es bei allem Popcorn-Genuss nicht schaden zu hinterfragen, wessen Version der Geschichte in diesen Filmen erzählt wird. (Valerie Eiseler)

Lesen Sie mehr zu „20 Jahre 9/11“ in unserem Dossier zum Thema.

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