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Der Hauptpreisträger Tilman Rammstedt.

Bachmann-Wettbewerb

Deutschland sucht den Superautor

Alles anders in Klagenfurt, aber nicht besser: Die Tage der deutschsprachigen Literatur.

Von CHRISTOPH SCHRÖDER

Dies sei, sagte jemand am Eröffnungsabend, nicht mehr der Bachmann-Wettbewerb, sondern "Deutschland sucht den Superautor". Gleich vorneweg: Es wurde nicht so arg, wie zunächst befürchtet. Und doch war alles spürbar anders als sonst, aber nicht besser. Die Tage der deutschsprachigen Literatur, der traditionelle Betriebsausflug an den Wörthersee mit dazugehörigen Lesungen, haben sich erneuert: ein deutlich gestrafftes Leseprogramm, eine verkleinerte Jury, nur noch 14 Autoren am Start. Fernsehkompatibler sollte das Ganze werden, schneller, unterhaltsamer. Am Ende blieb Ratlosigkeit zurück.

Was war geschehen? Waren es die Texte, die in diesem Jahr nicht gezündet haben? Kaum vorstellbar, dass sieben Juroren sich in der Auswahl so gründlich irren können. Lag es am neuen Moderator Dieter Moor, dessen Auftritt am Eröffnungsabend das Schlimmste befürchten ließ? Zum Teil, denn Moor fing sich zwar im Verlauf des Wettbewerbs, doch sein ewiges Abmoderieren sich anbahnender Konflikte nahm der Diskussion nicht selten schon im Ansatz die Schärfe. Popularisierung, das zeigte sich einmal mehr, ist nur dadurch zu erreichen, dass die Extreme zurückgefahren werden. Es kam Sehnsucht auf nach den großen Polemiken der vergangenen Jahre.

Es waren nicht nur Beiträge in einer beruhigenden Stilmittellage, die an den beiden Tagen im ORF-Theater vorgetragen wurden, und doch wirkte die Lesung von Tilman Rammstedt am späten Samstagnachmittag wie der Auftritt eines Mannes, der auf eine laue Party kommt und als erfolgreicher Witzeerzähler die Stimmung rettet. Sein in geradezu rasendem Tempo vor- und dick aufgetragenes Pointengewitter, ein Romananfang, in dem ein Enkel aus der Ich-Perspektive vom Leben und Tod des renitenten Großvaters erzählt, wurde zurecht als hochkomisches, leichtes und unterhaltsames Stück gepriesen, das unter der Oberfläche durchaus tragisches Potenzial besitzt, und folgerichtig wurde es mit dem mit 25 000 Euro dotierten Hauptpreis ausgezeichnet.

Das Schicksal eines Kriegsverletzten bildete sich bei Rammstedt im Hintergrund ab, ebenso zerrüttete Familienverhältnisse, all das jedoch verpackt in die Suada eines jungen Mannes, der die Trauer mit Komik zu kompensieren versucht. Die Wahl eines literarisch vergleichsweise leichtfüßigen Textes fügte sich in das neue Bachmann-Konzept; die Fernsehzuschauer setzten noch eins drauf und bedachten in ihrer Abstimmung per Internet Rammstedt auch gleich noch mit dem Publikumspreis und weiteren 6 000 Euro.

Ästhetisch diametral entgegengesetzt war Patrick Findeis' kunstvolle, sprachlich und atmosphärisch dichte Prosa, ebenfalls der Auszug aus einem Roman, für die der Autor den 3sat-Preis erhielt. Findeis, Absolvent des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig, lässt in der Figur eines Bauern Vergangenheit und Zukunft bedrohlich aufeinanderprallen, entwirft mit sparsamen Worten und Geschick ein Endzeitszenario. Man kennt Provinzerzählungen dieser Art, doch wenn sie so gut gemacht sind, verdienen sie Anerkennung.

Ebenfalls solide gearbeitet, angesiedelt auf der Grenze zwischen Komik und Bedrohlichkeit, war Markus Orths Text über ein Zimmermädchen, das wenn nicht zur Voyeurin, so doch zur Ecouteurin wird, zusehends in die Privatsphäre ihrer Gäste eindringt und schließlich ganze Nächte unter deren Betten verbringt. Orths unterlag in der schwer durchschaubaren (neuerdings elektronischen) Abstimmung Rammstedts Beitrag und wurde schließlich mit dem mit 10 000 Euro dotierten Telekom Austria-Preis bedacht.

Den Ernst-Willner-Preis, verbunden mit dem Betrag von 7 000 Euro, erhielt verdientermaßen der Österreicher Clemens J. Setz, dessen hintergründiges Spiel mit Neurosen, Machtgesten und dem Unheimlichen am Beispiel einer Hausgemeinschaft einer der wenigen Höhepunkte des ersten Tages war. Bedauerlich, dass Ulf Erdmann Ziegler mit einer so subtilen wie grotesk als Idylle missverstandenen Erzählung über ein Paar der Bundesrepublik der sechziger Jahre, das sich beinahe unmerklich das eigene Leben vermauert, leer ausging. Ebenso bedauerlich, dass Thorsten Palzhoff, dessen Lesung den Wettbewerbs eröffnete, mit seiner Geschichte aus dem Rumänien der Nachwendezeit weit unter Wert verkauft wurde.

Das Charakteristische an Klagenfurt 2008: Es fehlten die Kanten. Autoren, Texte, Meinungen rauschten hintereinander durch und fielen nicht weiter auf. Wer und warum schließlich auf dem Preiskarussell (immerhin fünf Auszeichnungen für 14 Autoren) zu sitzen kam - das erschien so zufällig wie beliebig. Ästhetische Kategorien, an denen die Jury sich orientierte, waren nur in Ansätzen auszumachen. Debatten über Schreibweisen, Konstruktionszusammenhänge oder Erzählperspektiven hörte man allzu selten. Stattdessen ergingen die Jurymitglieder sich immer wieder in persönlichen Anekdoten.

Deutlich zu spüren war das Bemühen von Juror Ijoma Mangold, die Wettbewerbsbeiträge in einen ideengeschichtlichen und soziokulturellen Kontext einzuordnen. Doch beinahe hatte man den Eindruck, er sei mit diesen Versuchen auf der falschen Veranstaltung. Ein Dinosaurier, so der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen in seinem Schlusswort, sei der Wettbewerb, aus dem man ein schnelleres wendigeres Tier zu machen versuche. Vielleicht muss das so sein. Man muss nur aufpassen, dass dieses schnelle, wendige Tier nicht aus Versehen die vielen kleinen seltenen Blüten des Unverwechselbaren, die in Klagenfurt gedeihen können, zertritt.

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