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"Hi" - die Zukunft lässt grüßen: ein smarter Roboter in Menschengestalt.

Künstliche Intelligenz

Deutschland soll Top-Standort für KI werden

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Deutschland soll bei Künstlicher Intelligenz zum Top-Standort werden. Das Kabinett will Forschung, Bildung und Start-ups pushen.

Wenn die Kanzlerin und ihr Kabinett einmal so richtig ungestört miteinander reden wollen, dann ziehen sie sich normalerweise auf das brandenburgische Schloss Meseberg zurück. Diesmal nicht. Die Spitze des Landes kam am Mittwoch zur zweitägigen Kabinettsklausur im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam zusammen; das ist eine privat finanzierte Hochschule, an der Spitzeningenieure für die Computerbranche ausgebildet werden. Die Bundesregierung will damit ein Zeichen setzen: dass sie die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung für die Zukunft des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts Deutschlands verstanden hat.
Endlich, könnte man sagen.

Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist das neue Zauberwort der digitalen Gesellschaft. Es gibt keine Studie, keinen Vortrag, keine Debatte zur Zukunft der Gesellschaft, die ohne die zwei magischen Buchstaben auskommt: KI.

Wer auf die Chancen blickt, sieht in KI die Möglichkeit, das Leben der Menschen einfacher und besser zu machen. Krankheiten könnten besiegt, Krisen vorhergesehen, unangenehme Arbeiten abgeschafft werden. Wer die Risiken stärker betont, sieht die Gefahr, dass die Technologie den Menschen, kontrollieren, manipulieren oder schlimmstenfalls sogar überflüssig machen könnte.

Optimisten hoffen auf die Befreiung des Menschen, Pessimisten rechnen mit der Verelendung der Massen. Einigkeit herrscht nur in einem: KI wird die Art, wie wir arbeiten und wie wir leben, von Grund auf revolutionieren. Und das vermutlich sehr, sehr schnell.

Die Bundesrepublik droht bei dieser Schlüsseltechnologie international den Anschluss zu verlieren. Während die USA und Asien Tempo machen, haben in Deutschland bislang eher die Bedenkenträger den Ton angegeben. Das soll sich nach dem Willen der Bundesregierung ein für alle Mal ändern.

„Deutschland soll zu einem weltweit führenden Standort für KI werden, insbesondere durch einen umfassenden und schnellen Transfer von Forschungsergebnissen in Anwendungen sowie die Modernisierung der Verwaltung im Rahmen rechtsstaatlicher Anforderungen“, heißt es in der „Strategie Künstliche Intelligenz“, die die Bundesregierung an diesem Donnerstag beschließen will.

USA in Sachen KI führend

Bislang sind in Sachen KI die USA weltweit führend. Die Tech-Konzerne des Silicon Valley treiben die Entwicklung mit Macht und Milliarden voran. KI steht längst im Zentrum der strategischen Planungen nahezu aller Internetkonzerne. In Asien sind es vor allem die Regierungen, die auf die Devise „klotzen statt kleckern“ setzen. China etwa ist wild entschlossen, bis 2030 Weltmarktführer für Maschinenintelligenz zu werden und will dafür einen dreistelligen Milliardenbetrag investieren.

Um im globalen Wettbewerb um KI-Forschung und -Anwendungen Anschluss zu halten, will die Regierung Angela Merkels rund drei Milliarden Euro bis einschließlich 2025 zur Verfügung stellen. Im Kanzleramt hofft man auf erhebliche Folgeinvestitionen, die die staatliche Finanzspritze auslösen könnte. „Die Hebelwirkung dieses Engagements auf Wirtschaft, Wissenschaft und Länder wird mindestens zur Verdoppelung dieser Mittel führen“, schreiben Merkels Minister in der Vorlage. Nach dem Willen der Bundesregierung soll Künstliche Intelligenz aus Deutschland zu einem weltweiten Gütesiegel werden.

In der Berliner Regierungszentrale haben sie eine Reihe von Bereichen identifiziert, in denen nun schnell und entschieden nachgesteuert werden soll.

Kampf um Köpfe

Deutschland soll nach dem Willen der Bundesregierung bei der KI-Forschung eine weltweit führende Rolle spielen. Bestehende Forschungseinrichtungen wie das Deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern sollen zu einem nationalen KI-Netzwerk „mit mindestens zwölf Zentren und Anwendungs-hubs“ weiterentwickelt werden. Die dezentrale Struktur der bestehenden Einrichtungen soll dabei erhalten bleiben.

Um im Kampf um die besten Köpfe und Ideen bestehen zu können, sollen Arbeits- und Vergütungsmodelle entwickelt werden, die „international konkurrenzfähig“ sind.
Im Klartext heißt das: Spitzenforscher sollen im Zweifel deutlich mehr verdienen können als der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst vorsieht. Auch die Nachwuchsförderung will die Regierung intensivieren. „Mit mindestens 100 zusätzlichen neuen Professuren wollen wir eine breite Verankerung der KI an Hochschulen absichern“, heißt es im Strategiepapier.

Sorge um Arbeitsplätze

Die Angst, Künstliche Intelligenz, Roboter und selbstfahrende Autos könnten massenhaft die Jobs von Fabrikarbeitern, Taxifahrern oder Beamten vernichten, ist weit verbreitet. Die Bundesregierung aber geht eher mit dem Weichzeichner zu Werke. „Das gesamtgesellschaftliche Potenzial von KI liegt in der Produktivitätssteigerung bei zeitgleicher Steigerung des Wohlergehens der Erwerbstätigen“, heißt es in der Vorlage. „Eintönige oder gefährliche Aufgaben können an Maschinen übertragen werden, während sich Menschen auf kreative Problemlösungen konzentrieren könnten.“

Möglichen Fehlentwicklungen will die Regierung vorbauen; etwa, wenn es um die Rekrutierung von Personal geht und Software mit lernenden Algorithmen zum Einsatz kommt, die Entscheidungen über Einstellungen, Versetzungen, Umgruppierungen oder Kündigungen von Beschäftigten vorgibt. Hier plant die Bundesregierung gesetzliche Änderungen für stärkere Mitbestimmung von Betriebsräten sowie die Einrichtung eines IT-Observatoriums. Dessen Experten sollen Alarm schlagen, wenn die Anwendung intelligenter und autonomer Systeme zum Nachteil von Arbeitnehmern aus dem Ruder läuft.

Gieriger Griff nach Daten

Beim Thema Datenschutz deutet das Regierungspapier eine neue Prämisse an. Zwar betont die Regierung an vielen Stellen die „strenge Beachtung der Datensouveränität und Datensicherheit der Bürgerinnen und Bürger“. Allerdings kündigt sie auch an, die Datenbestände der öffentlichen Hand für Unternehmen zugänglich zu machen, damit diese daraus KI-basierte Geschäftsmodelle entwickeln können.

Außerdem will der Bund eine Infrastruktur zur Datenübertragung und -analyse in Echtzeit schaffen. An einem Runden Tisch mit Datenschutzbehörden und Wirtschaftsverbänden sollen schließlich gemeinsame Leitlinien für die Entwicklung und Anwendung von KI-Systemen erarbeitet werden, die mit dem Datenschutz in Einklang stehen.

Mehr Kapitaleinsatz

Kanzleramtschef Helge Braun hatte bereits vergangene Woche beim KI-Kongress der CDU/CSU-Fraktion ein neues Denken angekündigt. In Deutschland sitze das Korsett zu eng für bahnbrechende Entwicklungen, hatte Braun beklagt. In konkurrierenden Nationen regele der Staat erst nach, wenn negative Erfahrungen aus der Praxis vorlägen. Wenn deutsche Forschung und Anwendung Schritt halten sollten, müsse man dieses „regulatorische Dilemma“, lösen. „Wir müssen alles tun, was geht“, forderte Braun.

Dazu gehört auch, den Mutigen möglichst viele Steine aus dem Weg zu räumen. Ein deutsches Silicon Valley lässt sich nicht aus dem Boden stampfen, das weiß auch die Bundesregierung. Doch an einer Stelle kann sie helfen: Zur Gründung von KI-Start-ups fehlt es hierzulande schlicht und einfach an Kapital. Ablesen lässt sich das auch an internationalen Rankings.

In einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und der Venture-Capital-Gesellschaft Asgard kommt Deutschland bei KI-bezogenen Unternehmensgründungen im globalen Vergleich gerade einmal auf Platz acht, weit abgeschlagen hinter den Top 3 USA, China und Israel. Auch wenn es hoffnungsvolle Ansätze gibt, wie etwa in Berlin und Brandenburg: Bei Start-up-Gründungen in Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz besteht jede Menge Nachholbedarf.

„Die Bundesregierung ist entschlossen, die Gründungsdynamik für KI-basierte Geschäftsmodelle und Produkte deutlich zu erhöhen“, heißt es deshalb im Entwurf für Potsdam. Konkret geht es etwa um sogenannte Venture-Debt-Finanzierungen und Wagniskapitalzuschüsse, auch um an Hochschulen und Instituten Ausgründungen zu ermöglichen.

Die Strategie soll auch Unternehmern wie Anna Lukasson-Herzig und ihrem Bruder Markus helfen. Die Geschwister haben eine Software entwickelt, die mithilfe Künstlicher Intelligenz Objekte auf Bildern erkennt – und diese in Onlineshops sucht. Entdeckt man irgendwo auf der Welt ein Produkt, reicht ein Handyfoto, um herauszubekommen, wo man es zu welchem Preis kaufen kann. Auch in der Industrie wird die Software eingesetzt.

Die Firma des Geschwisterpaares heißt Nyris – und ist inzwischen millionenschwer. Übernahmeangebote aus dem Ausland gibt es genug, aber die Gründer wollen in Deutschland bleiben. Die Start-ups hierzulande seien gut, hätten tolle Ideen, sagt Anna Lukasson-Herzig. „Aber es gelingt ihnen nicht, hier groß zu werden. Sie werden gekauft.“ Die Frau aus Berlin will da nicht mitmachen. Die Regierung in Berlin auch nicht mehr.

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