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Morgen feiert er seinen 80. Geburtstag: Saul Friedländer wurde in eine deutschsprachige jüdische Familie in Prag geboren, floh mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten nach Frankreich und wurde nach dem Krieg einer der einflussreichsten Historiker zur jüdischen Geschichte und des Holocaust.
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Morgen feiert er seinen 80. Geburtstag: Saul Friedländer wurde in eine deutschsprachige jüdische Familie in Prag geboren, floh mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten nach Frankreich und wurde nach dem Krieg einer der einflussreichsten Historiker zur jüdischen Geschichte und des Holocaust.

Historiker Saul Friedländer

Deutschland, ein normales Land

Der Historiker Saul Friedländer spricht kurz vor seinem 80. Geburtstag über Amerika und das fast provinzielle Europa, die Krise und Franz Kafka.

Kurz vor seinem 80. Geburtstag in Paris: In der Wohnung seines Sohnes empfängt ein sehr freundlicher, sehr entspannter Saul Friedländer den Besucher zum Gespräch über die Lage der Welt, die deutsche Debatte um das Recht auf Beschneidung und den nicht mehr heiligen Franz Kafka.

Herr Friedländer, Sie leben in den USA und erleben weltgeschichtliche Veränderungen. Werden die USA bald von China verdrängt?

Ich denke, das wird noch einige Zeit brauchen, bis China Amerika überholt. In den USA gibt es eine Ethik, die eine freie Wirtschaft ermöglicht. In China gibt es das noch nicht, alles wird von oben kommandiert. Man hat den Eindruck, dass Chinesen und Inder einen Riesenschritt vorwärts gemacht haben und sich mit ihnen die ganze Welt ändert.

Hat Amerika immer noch etwas Besonderes?

Ja. Amerika hat etwas an sich, das mir in meiner 23-jährigen Lehrzeit in Los Angelos immer wieder aufgefallen ist: Trotz aller Auf- und Abschwünge verkörpert es das Prinzip der Multiethnizität. Das Land ist nicht so homogen wie Europa es sein möchte, wo die Menschen lieber als Franzosen oder Deutsche, aber nicht als Europäer leben möchten. Die ethnische Identität spielt in Europa eine große Rolle, im Gegensatz zu den USA. Es gibt in meinen Seminaren mehr und mehr von jenen, die aus anderen Welten kommen und meinen Vorlesungen über die NS-Zeit und Europa zuhören. Die American Asiens sind äußerst fleißig. Das sind die Menschen, mit denen man in Amerika die Möglichkeit sieht, so etwas wie eine Welt zu schaffen.

Dennoch gibt es Rassismus.

Man kann es nicht leugnen. Es gibt einen starken Rassismus gibt, nicht nur einen von Weißen, sondern auch zwischen Hispanics und African Americans. Es kommt dennoch selten zu wirklich schweren Zusammenstößen. Bei der Polizei sieht man jedoch den Unterschied, wie sie sich verhalten, wenn etwa Weiße oder Schwarze kontrolliert werden. Die Gesellschaft an sich lebt dennoch relativ friedlich.

Die Gefängnisse sind voll.

Ja, das stimmt. Dennoch ist es idealtheoretisch so, dass man immer mehr Menschen aus anderen Teilen der Welt aufnehmen will. Wir haben einen Präsidenten, der Afroamerikaner ist, das vergisst man oft. Eine Frau ist Außenministerin. Das zeigt doch etwas. Ich weiß, wie stark der Anti-Amerikanismus in Europa ist, aber man muss auch die andere Seite sehen.

Sind die USA denn fortschrittlicher als Europa?

Es ist mein Eindruck. Ich weiß nicht, ob man sich in Deutschland oder in Frankreich einen Afrikaner oder einen Türken als Regierungschef vorstellen kann. Amerika hat hier etwas gezeigt, wofür man in Europa noch nicht bereit ist, es anzunehmen.

Und die Deutschen, ist ihr Denken im Vergleich zu provinziell?

Wahrscheinlich. Es gibt noch diesen Drang nach Homogenität in Deutschland. Man versucht, deutsch zu sein. Ich nehme an, dass viele Deutsche sich keine stärkere Einwanderung wünschen. Mit der Krise wird die Xenophobie überall stärker, in Europa noch viel stärker als in Amerika. Man sieht es an der Front National in Frankreich, genauso in Griechenland, wo Faschisten plötzlich auftreten. Sie sind noch keine Gefahr, aber es zeigt, dass es ein Ressentiment auch wegen Arbeitslosigkeit gibt. Das war immer die Geschichte in Europa.

Erinnert Sie die Krise an die 1929er-Krise?

Ich glaube nicht. Man spricht von der Great Rezession, nicht von der Great Depression. Dennoch ist es das Schlimmste, was man in den USA seitdem gesehen hat. Es ist das, was Romney einfach nicht verstehen will: die Notwendigkeit eines New Deal.

Sie haben keine Sorge, dass es sich so radikalisiert wie in den Dreißigern?

Es sieht nicht so aus, dass es so radikal wird. Es gibt bislang keine faschistische Partei, die sich mit einem Potenzial entwickelt, die Regierung übernehmen zu können. Eine aktuelle Gefahr für die Demokratie gibt es nicht. Wenn man an die Wirtschaftskrise denkt, fragt man sich immer automatisch, wo es politisch lang geht. In den USA hat man den Eindruck, dass es nicht die Republikaner, also die Rechten, sein werden, die die Wahlen gewinnen. Und Deutschland ist ein politisch gefestigtes Land. Man kann über dies und das schimpfen und über einiges in Sorge sein, aber das Land sieht sehr stabil aus. Die Demokratie ist in den Köpfen der Deutschen angekommen. Es ist das normalste Land in Europa.

Deutschland ist ein normales Land, sagen Sie. Hat Sie die Debatte über die Beschneidung in Deutschland überrascht?

Von weit weg gesehen, ist die Debatte komisch. Ich hoffe, dass die Muslime und die Juden ihre traditionellen wie religiösen Rituale weiter praktizieren können und die Beschneidung nicht verboten wird. Das wäre ganz unerhört. Geht das in diese Richtung?

Nein.

Das ist gut. Es ist ja nicht gefährlich für die Kinder. Das ganze Argument ist merkwürdig. Ein Verbot wäre die schlimmste xenophobische und antisemitische Handlung, die vorstellbar ist.

Sie sind ein bekannter Historiker und haben nun ein Buch – sozusagen fachfremd – über Franz Kafka geschrieben. Warum?

Ich habe als Schüler die Kafka-Biografie von Max Brod gelesen. Ich war danach jahrzehntelang ein begeisterter Kafka-Leser. Als ich seine Romane, Briefe und Tagebücher später noch einmal in einer neuen kritischen Ausgabe las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. In der deutschen Ausgabe waren Sätze zu finden, die in der englischen Fassung nicht standen. Ich verglich also beide Ausgaben und fand Stellen, in denen Kafka seine sexuellen Tendenzen andeutete. Der Herausgeber seiner Schriften, Kafkas Freund Max Brod, hatte sie zensiert. Darüber wollte ich ein Buch schreiben.

Sie wollten die sexuelle Seite Kafkas aufklären.

Ich wollte ihn als Mensch darstellen, ohne die Zensuren Brods. Und damit wollte ich ihm die Menschlichkeit zurückgeben. Ich fand es sehr wichtig, da man ja immer noch diesen heiligen Franz Kafka darstellt. Das war eine Besessenheit von Brod. Es ist aber Kitsch und kindisch. Kafka war kein Heiliger.

Er war ein Homosexueller, zumindest gedanklich?

Die Kafka-Kenner haben es lange nicht zur Kenntnis genommen, obwohl es einen Dschungel voller Bücher über ihn gibt. Einfach unglaublich. Dabei zeigten seine Briefe, dass Kafka keinen Sex mit Frauen wollte, er sah den Koitus als eine Strafe an. Und in seinen fiktionalen Texten treten die Frauen als gefährliche Wesen auf. Doch keiner wollte das sehen und hat dieses heikle Thema angefasst, ob er ein Schwuler war oder nicht. Wie konnte das im 20. Jahrhundert sein? Das war schlecht für Kafka und für die Interpretation seiner Texte.

Fühlte er seine Andersartigkeit?

Kafka fühlte sich anders als die Welt um ihn. Er fühlte sich als Genie, auch wenn ihm das Schreiben stets schwerfiel, wegen seines Pessimismus. Er spürte seine Tendenzen. Dennoch versuchte er, sich anzupassen. Im Schreiben zerbrach er die Wirklichkeit in kleine Stücke. Das sexuelle Problem war für ihn immer real, im Schreiben kam er stets darauf zurück. Thomas Mann hat es in seinen Tagebüchern klar geschrieben. Kafka war kein tätiger Homosexueller, aber seine Tendenzen sind eindeutig. Das Bild von dem ätherischen Kafka wird jedenfalls nicht mehr lange standhalten.

Das Gespräch führte Michael Hesse.

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