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„Faschismus ist keine Meinung“: Kreidezeichnung auf einer Straße.

Deutsche Geschichte 

Der Faschismus in seiner Epoche

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Die alte Weltordnung löst sich auf. Eine neue ist nicht in Sicht. Was ist, wird als Unordnung wahrgenommen. Es wird wieder nach Führern gerufen.

Auschwitz ist ein einmaliger Zivilisationsbruch, es ist mit nichts anderem zu vergleichen. Wer das dennoch tut, verniedlicht den vom nationalsozialistischen Deutschland begangenen systematischen Völkermord. Diese Auffassung, die sich im Anschluss an den Historikerstreit in den letzten Jahren der Bonner Republik entwickelte, war so etwas wie das offizielle Credo der Bundesrepublik. Keine Festtagsrede, die auskam ohne die Beschwörung dieses Bekenntnisses.

Man mag diese Einstellung begrüßen. Schließlich war das dem vorangehenden Beschweigen des Nationalsozialismus vorzuziehen, und sicher war es auch besser als – wann immer von der Judenvernichtung die Rede war – die niederen Dämonen zu beschwören. Aber jetzt stellt sich die Identifikation von Faschismus und Auschwitz und die Betonung ihrer Einmaligkeit zwischen uns und die Wirklichkeit. Nicht die einer fernen Vergangenheit. Wir begreifen unsere Gegenwart nicht, wenn wir nicht endlich den Faschismus in ihr sehen.

1963 veröffentlichte Ernst Nolte, später Historiker in Marburg und Berlin, seine Habilitationsschrift „Der Faschismus in seiner Epoche“. Er stellte darin die „Action française“, den italienischen Faschismus und den Nationalsozialismus als ausgewählte Spielarten einer Fülle mehr oder weniger neuer Herrschaftstechniken dar, die autoritäre Antworten zu geben versuchten auf Revolutionen und Bürgerkriege nach dem Ersten Weltkrieg.

Faschismus war keine italienische Besonderheit, und der Nationalsozialismus war keine deutsche. Sie waren Teile einer weltweiten Bewegung, die Demokratie und rechtsstaatliche Institutionen beiseite fegte, um starken Männern ein möglichst unbehindertes Regiment zu ermöglichen. Die Idee von Checks and Balances, die Vorstellung, dass Macht kontrolliert werden müsse, wurde diskreditiert. Auf die Weise käme nichts zustande. Staaten, die so regiert würden, müssten notwendig schwache Staaten sein. Wer groß sein will, muss aufhören, schwach zu sein.

Es gab eine Epoche des Faschismus. Nicht nur ein paar durchgeknallte Diktatoren, die wie Benito Mussolini mit ihrem nackten Oberkörper posierten oder wie Adolf Hitler Amokläufe gegen „Fremdrassige“ organisierten. Die Epoche des Faschismus gehörte ihm nicht allein. Wo immer er herrschte, war er mit Geld und Gewalt durchgesetzt worden. Immer hatte er aber auch große Teile der Bevölkerung auf seiner Seite, die keine Lust mehr hatten auf Konflikt und Kompromiss. Sie wollten, dass einer Herr sei.

Die spezifische Form des Faschismus, in dem sich linke und rechte, nationalistische und sozialistische Töne mischten, war besonders attraktiv. Hier wurde die Vorstellung stark gemacht, dass der zentrale europäische Konflikt der dem Ersten Weltkrieg folgenden Jahre, der zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft, behoben werden könnte in einer neuen Ordnung. Je heftiger soziale Konflikte ausgetragen wurden und je aussichtsloser ihre Befriedung in den bestehenden Strukturen schien, desto attraktiver wurde die faschistische Lösung.

Wäre es nicht besser, vom autoritären Staat, von Führerkult oder von Diktatur zu reden? Was soll die Faschismuskeule? Wir müssen uns davor hüten, vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen. So richtig es ist, dass jeder Baum sich vom anderen unterscheidet, so wichtig ist doch die Einsicht, dass sie alle einen Zusammenhang bilden, der die Entwicklung der Einzelnen stärken oder schwächen kann. Man begreift die einzelnen reaktionären Regime nicht, wenn man sie nicht in ihrem Zusammenhang, in ihrer Zusammenarbeit analysiert und begreift.

Mit dem Wort „Faschismus“ ist nicht viel gewonnen. Aber wer Faschismus sagt, möchte daran erinnern, dass die Bewegungen, die Regime, die heute Demokratien und demokratische Entwicklungen zerstören, nichts radikal Neues sind, dass sie Vorbilder haben, dass sie anknüpfen an das, das schon einmal in eine der europäischen Katastrophen geführt hat. Faschismus ist keine Vergangenheit. Er ist Gegenwart. Er könnte das Abenteuer gleich um die nächste Ecke sein. Alain Finkielkraut, der vor ein paar Wochen von Gelbwesten attackiert wurde, weil er Israel verteidigt, erklärte dem „Zeit“-Korrespondenten Georg Blume: „Wir befinden uns nicht auf dem Rückweg in die dreißiger Jahre. Wir erleben einen anderen Antisemitismus, der umso gefährlicher ist, weil er sich nicht anklagen lässt. Denn er kommt im Namen der Unterdrückten, der Entrechteten und einer leidenden Menschheit daher.“ Finkielkraut irrt. Auch der frühe Nationalsozialismus erklärte sich als eine Bewegung der Unterdrückten und Entrechteten. Die Nazis betrachteten die Deutschen als Opfer des Versailler Systems. Sie wussten: Man muss sich als Opfer fühlen, um zur äußersten Gewalt greifen zu können.

Das ist heute nicht anders. Die Damen und Herren, die aus ihren Wohnungen kommen, um auf Demonstrationen gegen die „Ausländerschwemme“ zu agitieren, erklären, sie seien die Opfer einer sie überfallenden Horde von Fremden. Wer die Unterkünfte von Asylbewerbern anzündet, tut das, sagt er, weil die es sich auf seine Kosten gut gehen lassen. Schon immer wurde am besten „im Namen der Unterdrückten, der Entrechteten“ unterdrückt und entrechtet. In Europa und überall sonst auf der Welt.

Allerdings wäre es ganz falsch, nur die Wiederkehr des Alten zu sehen, ohne auf die neuen Gemengelagen zu achten. Faschismus erklärt uns allein nicht, was ist. Ohne diesen Begriff begreifen wir allerdings nicht, wo wir stehen, in welcher Epoche wir uns bewegen. George Steiner, der soeben neunzig Jahre alt wurde, erzählte vor fünf Jahren der „Zeit“-Mitarbeiterin Iris Radisch: 1936 nahm sein Vater ihn ans Fenster und zeigte ihm die Massen, die unten in den Straßen von Paris demonstrierten und „lieber Hitler als Blum“ skandierten. Der Vater sagte zu dem siebenjährigen George Steiner: „Du musst nie, nie Angst haben, das nennt man die Geschichte.“ Steiner erklärt seinen Vater: „Er wusste, dass Angst das Gefährlichste ist, und war der festen Überzeugung, dass alles interessant ist. Das ist schwer auszudrücken. Jetzt bin ich dem Ende ganz nah, und das wird auch sehr interessant sein.“

Wir sollten begreifen, dass es nicht unser analytischer Verstand ist, der uns verbietet, Leute, die faschistische Reden führen und Menschen lieber verrecken lassen als aufzunehmen, Faschisten zu nennen. Es ist Angst. Wir haben aus dem Faschismus einen Popanz gemacht. Jetzt erschrecken wir schon vor seinem Namen. Wir bilden uns ein, es sei kein Kraut gegen ihn gewachsen. Also tun wir so, als handele es sich bei den Leuten, die Merkel jagen wollen, nicht um Faschisten, sondern um besorgte Bürger.

Merkel hatte 2015 erklärt: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Darum geht es. Man wird über – fast – alle Einzelheiten der Flüchtlingspolitik streiten können und müssen. Aber dass Flüchtlingen auch geholfen werden muss, darüber sollte Einigkeit bestehen.

Das freundliche Gesicht ärgert die Hassprediger. Sie finden, es müsse der Feind definiert und niedergeschlagen werden. Es wurde und wird viel über Definitionen des Faschismus nachgedacht und diskutiert. Eines gehört meines Erachtens sicher zu ihm: „Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen!“ Ältere Mitbürgerinnen werden sich daran erinnern, das auch bei der RAF, bei der Roten Armee Fraktion also, gelesen zu haben. Genau das meine ich. Es wäre ganz falsch, den Faschismus nur auf einer Seite des politischen Spektrums anzusiedeln.

Demokratien leben von dem Wissen, dass zwischen ihnen und dem Feind keine klare Trennungslinie zu ziehen ist. Das wird ihnen gerne als Schwäche ausgelegt. Wenn Demokratien aber die Auseinandersetzung nicht scheuen und bereit sind, Trennungslinien zu überschreiten, Fehler zu korrigieren, wenn sie statt denen nachzulaufen, die die Menschenverachtung predigen, sich ihnen entgegenstellen und die bestärken, die nicht davon ablassen wollen, ein freundliches Gesicht zu zeigen, dann sind sie nicht verloren, dann gibt es die Chance, dass nicht wieder gesprochen werden muss vom „Faschismus in seiner Epoche“.

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