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Desillusioniert: Internet 1993 - Vergewaltigung in einer virtuellen Welt? Blödsinn!

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Von: Kathrin Passig

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Auf Grafiken der Internetnutzung in den USA zu dieser Zeit hatte sich die Linie im Jahr 1993 noch kaum von der X-Achse gehoben. Ein winziger, einstelliger Prozentsatz hatte überhaupt Zugang zum „information superhighway“ und damit die theoretische Gelegenheit, sich vom Internet enttäuschen zu lassen.
Auf Grafiken der Internetnutzung in den USA zu dieser Zeit hatte sich die Linie im Jahr 1993 noch kaum von der X-Achse gehoben. Ein winziger, einstelliger Prozentsatz hatte überhaupt Zugang zum „information superhighway“ und damit die theoretische Gelegenheit, sich vom Internet enttäuschen zu lassen. © Andrej Sokolow/dpa

Über neue Ideen und ihr Potenzial, die Welt zu verbessern, wird oft gespottet. Doch was ist so schlimm an Illusionen?

Vor ein paar Monaten – sagen wir, auf halbem Weg zwischen dem Moment Ihrer ersten Begegnung mit dem Begriff ‚information superhighway‘ und dem Moment, in dem Sie am liebsten nie davon erfahren hätten …“ So beginnt ein Satz in der Einleitung eines bekannten Texts aus der Frühgeschichte des Internets. Julian Dibbells „A Rape in Cyberspace“ ist Ende 1993 in der New Yorker Zeitschrift „Village Voice“ erschienen, und es lohnt sich auch heute noch, den Artikel zu lesen.

Internet: „information superhighway“ eine allgemeine gesellschaftliche Desillusionierung?

Ich bin dem Text zufällig begegnet, als er ganz neu war, weil ich damals einen Freund in New York in den USA besuchte, der mir die Zeitschrift zeigte. Leider sagte ich nach dem Lesen nicht „Das ist ja aberwitzig interessant, ich werde den Rest meines Lebens damit zubringen, über die Innenpolitik von Netzgemeinschaften nachzudenken“, sondern nur so was wie: „Vergewaltigung in einer virtuellen Welt! Die nur aus Wörtern besteht! Was für ein Blödsinn!“ Später wurde ich etwas klüger. In dieser Kolumne wird es trotzdem nicht darum gehen, warum diese Diskussion kein Blödsinn ist, denn darüber ist schon sehr viel geschrieben worden und Sie können es bei Bedarf anderswo nachlesen.

Desillusionierung und das Internet: Soziale Systeme im Internet

Bei der Wiederbegegnung mit dem Text fiel mir der zitierte Satzanfang auf, weil er im Rückblick so absurd wirkt. Es ist eine der frühesten mir bekannten Aussagen aus dem Genre „Früher hielten wir das Internet für eine schöne Sache, aber jetzt sind wir desillusioniert“. Auf Grafiken der Internetnutzung in den USA zu dieser Zeit hatte sich die Linie im Jahr 1993 noch kaum von der X-Achse gehoben. Ein winziger, einstelliger Prozentsatz hatte überhaupt Zugang zum „information superhighway“ und damit die theoretische Gelegenheit, sich vom Internet enttäuschen zu lassen. Der Anteil der Menschen mit Internetzugang wird im Publikum der „Village Voice“ ein kleines bisschen überdurchschnittlich, aber immer noch einstellig gewesen sein. Dibbell kann also keine allgemeine gesellschaftliche Desillusionierung meinen, wenn er von „dem Moment, in dem Sie am liebsten nie davon erfahren hätten“ schreibt.

Vielleicht war es eine private Desillusionierung des damals 20-jährigen Julian Dibbell? Aber nicht einmal das scheint zu stimmen. Dibbell hat nach diesem Text noch viele Jahre lang interessiert und zugewandt über soziale Systeme im Internet geschrieben. Irgendetwas macht offenbar diese Desillusionierungs-Formulierung sogar dann attraktiv, wenn die Person, die sie äußert, selbst nicht enttäuscht ist und ihre Umgebung noch gar nicht dazu gekommen ist, sich enttäuschen zu lassen.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © Norman Posselt

Julian Dibbell: Tech-Journalist schrieb Anfang der 1990er über den „information superhighway“

In den Jahren nach dem Erscheinen von Dibbells Artikel bekamen dann auch die verbleibenden paarundneunzig Prozent der Bevölkerung die Gelegenheit, mehr über den „information superhighway“ zu erfahren und ihn womöglich holprig zu finden. Denn natürlich kann man ganz real des-illusioniert sein, auch von Internetangelegenheiten. Zum Beispiel kann man die Illusion überwinden, dass es möglich ist, irgendetwas ohne Moderation zu betreiben, weil „hier ja nur nette Menschen sind und keine Trolle“. Oder die Illusion, dass man eine Plattform wie Spotify gründen kann, auf der man dann rechten Podcastern eine gut bezahlte Bühne geben und sich bei Kritik damit verteidigen kann, man sei doch nur eine neutrale Plattform. Allerdings sind auch das keine allgemein überwundenen Illusionen im Sinne von „Haha ja, früher mal haben wir das alle geglaubt, jetzt denkt das niemand mehr“. Ihre Überwindung muss nicht nur in jedem Menschen und jedem Unternehmen separat, sondern auch für jede neue Entwicklung im Internet wieder von vorn passieren.

Zur Person:

Kathrin Passig schreibt jede Woche in der FR über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de.

„Je Türenknall, desto wiederkomm“: Alle 2020 in FR7 veröffentlichten Kolumnen gibt es nun als Buch, Infos unter www.kathrin.passig.de/buecher.

Lesen Sie ihre Kolumnen auch online unter www.fr.de/update

Internet: Desillusionierung ist vor allem ein Absicherungsmechanismus

Ich vermute, das halb-ironische Bekunden von Desillusionierung ist vor allem ein Absicherungsmechanismus. Man möchte in der Öffentlichkeit nicht so wirken, als hätte man Illusionen, weil das enthusiastisch und naiv wirken könnte statt kritisch und erwachsen. Aber selbst wenn beides – der eigene naive Enthusiasmus und die folgende Desillusionierung – nur aus stilistischen Gründen dahinbehauptet wird, finde ich dieses Distanzierungsmanöver falsch. Es klingt, auch halb-ironisch vorgebracht, immer ein bisschen nach „Bevor ich eingeschult wurde, dachte ich noch, das Leben sei schön, aber dann hat man mir diese Flausen ausgetrieben“. Man spottet damit über die bloße Idee, eine besser eingerichtete Welt könnte möglich sein, und in dieser Spottverkleidung steckt ein konservatives Gedankengebäude aus Beton.

Wenn Sie also mal einen Artikel über interessante Geschehnisse im Internet schreiben: Leiten Sie ihn nicht mit Desillusionierungsformeln ein. Auch nicht, wenn Sie erst zwanzig Jahre alt sind und es höchstens halb ernst meinen. (Kathrin Passig)

Drohungen im Internet: Warum der Ratschlag „Mach doch einfach mal das Handy aus“ nichts taugt

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