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So kann man sein Auto mit einer besonders heimeligen Hülle überziehen.

Cocooning

Design & Auto: Schutzhülle gegen die Zumutungen des Alltags

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Das Design, insbesondere bei Autos, symbolisiert inzwischen einen Zustand der permanenten Selbstbehauptung.

Cocooning war Ende der 90er Jahre ein geläufiger Begriff für die von Trendforschern beschriebene Tendenz, sich vermehrt ins Private zurückzuziehen. Das war einerseits politisch zu verstehen. Besonders auffällig aber war das Bemühen, diese Haltung auch gestalterisch zum Ausdruck zu bringen. Der englische Begriff Cocooning spielte dabei auf die Verpuppung von Insekten an, die sich für das Übergangsstadium zwischen der Larve und der geschlechtsreifen Imago in einen Kokon einspinnen. Die Metapher des Einigelns war ebenfalls geläufig.

Im Gebrauchsdesign jener Jahre findet man viele Beispiele dafür, was darunter zu verstehen war. Die Toaster wurden lieblich und rund, allen voran die in schickem Retrodesign gehaltenen Geräte des Herstellers Kitchen Aid schienen ihr Qualitätsversprechen unmittelbar aus dem auf Familienglück getrimmten Hollywood der 50er Jahre gewonnen zu haben. Das Bauhaus-Ideal klarer Linien und stahlharter Glätte wich bunten Cremefarben und formschönen Rundungen. Als Ensemble aus modernen Klassikern hat die Kitchen-Aid-Geräte-Familie nicht zuletzt wegen des Designs überdauert.

Klein und sanft rollten sie

Wo es langgeht, sieht man natürlich noch immer am deutlichsten im Straßenverkehr. Eine Zeit lang dominierte das Cocooning auch hier. Klein und sanft sollten sie heranrollen, still und leise verbreitete sich das Twingo-Gefühl, und der italienische, heute nicht mehr ganz so italienische Konzern Fiat bewarb die Cabrio-Ausgabe des Punto mit naivem Understatement. „Für den Preis“, lautete dazu der Slogan, „nehm“ ich ihn auch ohne Dach“.

Das Mienenspiel der Kleinen war überwiegend freundlich, die Fahrzeugdesigner verwandten inzwischen große Mühe darauf, den Frontansichten eines Automobils menschlich-physiognomische Züge zu verleihen. Der Pixar-Animationsfilm „Cars“ von 2006 hat sich diesen Trend ausdrücklich zu eigen gemacht, indem er den Kampf der niedlichen gegen die bösen Autos in eine Spielfilmhandlung überführte.

Die Autos in „Cars“ können sprechen, und sie haben Augen und Zähne. Der Kühlergrill als Gebiss, die Scheinwerferpaare als grimmiger Blick – die kriegerischen Potenziale des Designs waren selbst in den eher sanften Ausformungen angelegt.

Mit der Freundlichkeit im Straßenverkehr ist es längst vorbei. Viele Verkehrsteilnehmer bewegen sich mit großen Geschossen durch den urbanen Stadtraum, in dem auch die Fußgänger auf Angriff und Abwehr eingestellt sind. Und während die Älteren unter uns nicht gleich mit den Säbelzähnen fletschen und ihr SUV lieber für den altersgerecht hohen Einstieg belobigen, ist doch unübersehbar, dass die marktgängigen Automobile heute als gepanzertes Rüstzeug fungieren. Man muss sich doch irgendwie schützen gegen die Zumutungen der sozialen Kämpfe im Alltag.

Die markanteste Entwicklung der letzten Jahre besteht aber kurioserweise darin, dass sich vor allem auch die Kleinen aufplustern, als wären sie zu lange mit Transformer-Filmen traktiert worden, in denen menschlich anmutende Wesen zu technischen Monstern mutieren. Das Zauberwort heißt Multifunktionalität.

Das Modell Countryman des britischen, inzwischen nicht mehr ganz so britischen Mini Cooper will ein SUV sein, ohne dabei das Kindchenschema preiszugeben. Die Armaturen sind groß und rund, die Bereifung ist deutlich kleiner formatiert als die der Artgenossen. Zusammen mit dem zu einer Art Shrek-Figur angewachsenen Fiat 500 verheißen sie das Cocooning-Gefühl im Modell neuer Wehrhaftigkeit. War der frühe Mini eine quirlige Krabbelmaus, so wirken heute selbst die kleineren Ausgaben wie ehrgeizige Kraftpakete.

Im Verkehr präsentiert sich die spätmodern-individualisierte Gesellschaft im Zustand der permanenten Selbstbehauptung. Man muss halt aufdrehen können – und sei es auch nur aus Gründen des Selbstschutzes.

Kein allzu gutes Zeichen für das ökologisch motivierte Bedürfnis nach Demotorisierung.

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