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„Vater Staat“.
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„Vater Staat“.

Bildhauer

Der Souverän als müder Mann

  • VonIngeborg Ruthe
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Thomas Schütte ist Deutschlands markantester Bildhauer. Seine deformierten Figuren sagen viel über unsere kaputte Welt

„Vater Staat“ steht angerostet unter einer windzerzausten Tanne und einer Grunewald-Kiefer. Diese Bäume hat der Bildhauer Georg Kolbe einst selbst vor sein Atelier gepflanzt. Der Souverän ist riesig, aber klapprig; ein müde aussehender alter Mann im langen Mantel, offenbar ohne Arme, mit denen er hantieren, gestikulieren, etwas bestimmen und vor allem tun könnte – ja, müsste.

Noch hat dem seltsamen Türsteher vorm Kolbe Museum kein Spaßvogel einen Corona-Mundschutz aufgesetzt, wie ihn andere überhöhte Denkmäler in deutschen Großstädten längst verpasst bekommen haben. Hier schützt noch der Respekt vor dem Kunst-Ort mit Berliner Geschichte. Zudem auch ein Gitterzaun.

Kolbes Atelier und Anwesen wurde ja nach seinem Tod 1947 durch die Kolbe-Stiftung zum Museum entwickelt. Die Plastiken des ehemaligen Hausherrn bekommen seither Besuch von der Bildhauerkunst namhafter Kolleginnen und Kollegen. Gerade ist der Düsseldorfer Thomas Schütte zu Gast, derzeit der wohl bedeutendste deutsche Bildhauer. Einer, der sich nie von der Figur abgewandt hat. Denn ihm ist die deformierte menschliche Gestalt Ausdrucksmittel für den desolaten Zustand der Welt und des Gemeinwesens. Egal, ob aus Bronze, Eisen, Aluminium, Keramik, Kunststoff oder Holz.

An Corona dachte keiner

Seinen „Vater Staat“ – „eigentlich nur ein Mäntelchen mit einem Gesicht drin“ – hat Schütte schon vor über einem Jahrzehnt modelliert. Als universale Allegorie. Für die Krise unserer modernen Welt? Damals waren es die Verwerfungen durch den islamistischen Terror, die der Finanzkrise, später der Euro-Krise. Die Flüchtlingskrise durch den Syrienkrieg und das Desaster Afghanistan standen noch bevor. Auch die Klimakrise war noch eine abstrakte Drohung. Und an Corona dachte überhaupt noch keiner.

Schütte hat seinem „Vater Staat“ eine Kappe aufgesetzt. Weil Haare, wie er erklärt, im Metall so schwer zu formen seien. Komischerweise ist es genau so eine eng anliegende orientalische Filzkappe, wie sie der Bildhauer selbst zu tragen pflegt. Macht er sich vielleicht über sich selber lustig? Identifiziert er sich mit dem handlungsunfähigen, überalterten, müden, ratlosen Vater Staat? Zieht er vielleicht Parallelen, dass auch die Kunst nicht viel ausrichten kann in der Krise?

Ohne Humor gehe es nicht, sagt der Bildhauer. So ziehen sich durch sein inzwischen weltberühmtes Werk monströse Schädel und Fratzen, äquilibristisch verformte Frauenleiber, zweideutige Anspielungen. Auch ein Spiel vom extremen Verkleinern und Vergrößern. Die Ambivalenz zwischen Ernst und Heiterkeit ist typisch für Schütte. So wie eben das Surreale in den wie bei Dalís Uhren zerlaufenden, bunten Altmännerköpfen „Old Friends Revisited“, die nach der traurigen Gestalt als nächstes den Prolog zur Ausstellung in Kolbes einstigem Atelier markieren.

Und tatsächlich zeigt der Künstler, wie sehr er sich das Ausgewrungene, Ausgereizte, Verlebte in unserer übersatten Natur und Umwelt zerstörenden Konsum- und Informationsgesellschaft mit ihren Moden, Trends und Phrasen zum Thema nimmt. Dies geschieht in simpler, lapidarer Formensprache, die dennoch sehr wohl ausdrückt, wie entfremdet wir modernen Menschen inzwischen von uns selbst leben.

Schütte, 1954 geboren in Oldenburg, ist der Sohn eines Ingenieurs. Schon als Kind hat er endlos gebastelt, gezeichnet, gematscht, geformt. Dann kam er an die Düsseldorfer Kunstakademie, wurde sogar Meisterschüler des weltberühmten Malers Gerhard Richter. Nach Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung, als im Westen noch weitestgehend das Diktat der Abstraktion herrschte und die realistische Kunst aus dem Osten es so schwer hatte, holte Thomas Schütte, damals wider den Zeitgeist, die verpönte Figur zurück auf die zeitgenössische Bühne der Bildhauerei.

Zuerst formte er Miniaturen, die von ihm „Wichte“ genannt werden. Die hat er mit der Zeit immer mehr aufgeblasen bis ins Riesenhaft-Groteske. Dreimal ist er zur Documenta eingeladen worden. Sein spektakulärstes Exponat waren 1992 „Die Fremden“: farbige Keramik-Skulpturen – eine Emigrantengruppe auf dem Portikus des Roten Palais neben dem Kasseler Fridericianum. Heute steht die Hälfte des Menschen-Zuges auf dem Dachfirst des benachbarten Kaufhauses, die andere auf dem Dach der Musik- und Kongresshalle Lübeck. Spätestens seitdem weiß die Kunstwelt, dass bei Thomas Schütte Kunst und politische wie private Ansichten nicht zu trennen sind.

2005 bekam er auf der Kunstbiennale Venedig den Goldenen Löwen für seine scheinbar zerlaufenden Gestalten. Alle Welt sprach damals von diesen seltsamen „Geistern“, halb Homunkulus wie in Goethes Faust II, halb Astronaut. Wer schon mal im Neuen Museum von Weimar war, dem klassizistischen Ausstellungstempel nahe dem einstigen Gau-Forum der Nationalsozialisten, kam auf der Treppe auch vorbei am goldenen „Großen Geist“, der sich mit ironischer Geste verbeugt, hin zu den Heroen der Weimarer Klassik.

Er erfasst Typisches

Schüttes Kritiker sagen, seine sarkastischen Gestalten hätten ein „Kränkungspotenzial“. Jemand hat sogar behauptet, das ausgelaugte Gesicht der „Vater Staat“-Plastik sei das von Wolfgang Schäuble. Schütte entgegnet, er forme keine einfachen Abbilder; er erfasse Typisches, Charakteristisches. Seine überdimensionalen ebenso wie seine kleinen Figuren und Köpfe, in denen alle Formen sowie Gesichtszüge ineinander verlaufen wie Kuchenteig, sollen die Wirklichkeit widerspiegeln. Form und Material werden zu Zeichen, die in Verbindung mit anderen Zeichen stehen und den Zustand der Gesellschaft beschreiben sollen.

Mitten im Zeitalter des Perfekt-Digitalen verraten das Monströse der zerquellenden Körper- und Kopf-Formen sowie die menschenunmöglichen Stellungen Schüttes sinnliche Lust am Handgemachten. Am Matschen mit den Händen im Ton und im Gips für die Gießformen. Schütte ist ein grandios ironisch-sinnlicher Spieler mit dem Material. Und nichts davon ist ausgedacht, alles kommt aus der Anschauung. Dann treibt die Abstraktion die Dinge ins Unerklärliche. Schütte ist ein Meister des Unergründlichen. Doch lässt er uns Betrachterinnen und Betrachtern immer einen Zugang, so dass wir diese verwirrend elaborierten Gebilde mit unseren eigenen Gefühlen und Gedanken erforschen können.

Georg Kolbe Museum, Berlin: bis 22. Februar 2022. www.georg-kolbe-museum.de

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