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Nachruf

Charlie Watts ist tot: Abschied vom ewigen Bindeglied der Rolling Stones

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Charlie Watts ist tot. Der Schlagzeuger der Rolling Stones war das Bindeglied zwischen den beiden Antipoden Mick Jagger und Keith Richards.

So lange die Rolling Stones zu ihren ausufernden Welttourneen aufbrachen, galt der Rock’n‘Roll als unsterblich. Unverwüstlich und gentlemanlike in der ersten Reihe war dabei stets der Schlagzeuger Charlie Watts, der zuletzt noch locker und agil die Arbeitsgeräte schwang, obwohl es doch nur darum ging, einen eigens während der Corona-Pandemie aufgenommen Song in Live-Anmutung zu simulieren.

Die Nachricht über eine Operation und gesundheitliche Probleme nahmen die Fans gelassen hin, schließlich hatten die Stones schon andere Tiefen und Durchhänger erlebt und überstanden. Anfang Juni feierte Charlie Watts seinen 80. Geburtstag, kein Alter für einen der unermüdlichsten Musiker der Popgeschichte, das würde schon wieder. Ist es leider nicht.

Charloe Watts: Rolling Stones trauern um Schlagzeuger

Mit geradezu routinierter Professionalität ließen die Bandkollegen über einen Pressesprecher mitteilen: „Mit großer Traurigkeit geben wir den Tod unseres geliebten Charlie Watts bekannt. Er ist heute in einem Londoner Krankenhaus im Kreise seiner Familie friedlich verstorben“, so heißt es in dem kurzen Bulletin. „Charlie war ein geschätzter Ehemann, Vater und Großvater und als Mitglied der Rolling Stones auch einer der größten Schlagzeuger seiner Generation.“ Aber natürlich war er sehr viel mehr.

„The Rolling Stone“-Drummer Charlie Watts, hier bei der „No Filter“-Tour in Texas im July 2019, ist tot.

Als die Rolling Stones um Keith Richards und Mick Jagger noch energisch den Alleinvertretungsanspruch für juvenile Ungezogenheit erhoben, wirkte deren Schlagzeuger Charlie Watts bereits wie ein Beifang, den es in schlechte Gesellschaft gespült hatte. Meist akkurat gekleidet, wirkte er vornehmer und erwachsener als die exzesserprobten und von vielen Eskapaden früh gezeichneten Kollegen. Zu dritt bildeten sie über ein halbes Jahrhundert lang die Kernbesetzung der erfolgreichsten Blues- und Rockband der Welt.

Charlie Watts: das stets genervte Bandmitglied der Rolling Stones

Die ersten musikalischen Berührungspunkte ergaben sich in den frühen 60er-Jahren, als Charlie Watts vorübergehend bei einer Band namens Blues Incorporated anheuerte, in der der aus Österreich stammende Alexis Korner zum Herbergsvater gleich mehrerer Popgenies wurde. Aus der Korner-Schule gingen neben den Rolling Stones die Animals sowie John Mayalls nicht minder einflussreiche Bluesbreakers hervor. Charlie Watts pflegte schon damals das Image, nicht sonderlich viel zu sprechen, sondern lieber seine einfachen Rhythmen zu trommeln, die jedoch tief vom Jazz geprägt waren, insbesondere dem Sound Charlie Parkers.

Stets wirkte er dabei wie das genervte Bandmitglied, das man überreden muss, weiter mitzumachen. Und tatsächlich spielte Watts seit jeher in dem Bewusstsein mit, dass die wilde Zeit des Rockstar-Daseins nicht allzu lange währen würde. Der erst später über Rod Stewarts Band Faces hinzugestoßene Ron Wood jedoch sah in Charlie Watts den unverzichtbaren Antreiber des Unternehmens, das eine rote Zunge zu ihrem unverwechselbaren Firmenlogo gemacht hatte.

Charlie Watts: Der Schlagzeuger der Rolling Stones wollte doch immer nur spielen

Während Handwerkskollegen wie Ringo Starr von den Beatles sich zumindest gelegentlich an eigenen Songs und Soloprojekten versuchten, wollte Charlie Watts immer nur spielen, mehr als andere aber verkörperte er das Arbeitsethos eines Geschäfts, für das es nicht nur die Lust auf Glamour und die Begabung zur Selbstdarstellung braucht, sondern auch Lebensklugheit und Durchhaltevermögen.

Über die handwerklichen Voraussetzungen ist man sich in Fachkreisen einig, dass Charlie Watts nicht als Virtuose gilt, aber insbesondere durch seine Jazz-Prägung dem Rock ganz eigene Impulse verliehen hat. Zumindest in musikalischer Hinsicht betrachtete ihn Keith Richards stets als Geistesverwandten. „Wenn er auf der Hi-Hat die Ride-Pattern spielt“, so befand Richards einmal, „dann arbeitet er gerade schlampig genug, damit sein eigener Sound vollkommen mit den schmutzigen Gitarrenklängen verschmilzt.“ Oder um es im Lebensgefühl der Stones zu sagen: „Viele Typen haben gute Hände, aber es ist, als würde alles, was sie spielen, den Bach runtergehen, als würde es niemals abheben. Bei Charlie Watts stellst du plötzlich fest, dass du ein paar Zentimeter über dem Boden schwebst!“

Rolling Stones: Charlie Watts war das ewige Bindeglied

Natürlich waren die Rolling Stones schon immer eine Band, die nicht auf eine Ur-Besetzung festzulegen war. Der Bassist Bill Wyman hatte sich bereits früh vom auszehrenden Musikerdasein zurückgezogen. Und es gibt viele Stones-Fans, die nur jene Jahre gelten lassen, in denen der kongeniale, aber labile Mick Taylor neben Keith Richards Gitarre spielte. Und die Einflüsse des früh verstorbenen Brian Jones werden leicht unterschätzt.

Nun jedoch ist mit Charlie Watts das ewige Bindeglied zwischen den beiden Antipoden Mick Jagger und Keith Richards für immer gegangen. „He passed away“ heißt es im Englischen, als sei es ein Zitat aus einem Song, zu dem Charlie Watts die Trommel streichelt. Die Rolling Stones können ohne ihn nicht mehr sein, was sie einmal mit ihm waren. Aber natürlich nur auf der Bühne. In der Erinnerung und in unzähligen musikalischen Konserven sind die Stones und mit ihnen Charlie Watts natürlich unsterblich. (Harry Nutt)

Rubriklistenbild: © SUZANNE CORDEIRO/AFP

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