Michel Friedman

Denn auch sie wissen, was sie tun

  • Judith von Sternburg
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Michel Friedman im Schauspielhaus über die AfD-Klientel, über Alltagsrassismus und qualifizierten Streit.

Es gehörte zu dieser Frankfurter Buchmesse auch, wie Sie vorne an der Friedenspreisverleihung schon gesehen haben, dass immer noch etwas Weiteres wegbröckelte. Umgekehrt blieb immer noch etwas übrig. Auch der Soziologe Harald Welzer musste zuletzt passen, der im Schauspielhaus zusammen mit Michel Friedman das gemeinsame Gesprächsbuch „Zeitenwende – Der Angriff auf Demokratie und Menschenwürde“ (Kiepenheuer & Witsch) vorstellen sollte. Nun ließ sich Friedman allein von der Journalistin Shirin Sojitrawalla befragen, so dass zwar das Gegenteil des von ihm eingangs gepriesenen Streits zu erleben war, jedoch ein paar Punkte angesprochen wurden.

Michel Friedman formulierte zum Beispiel seine Unduldsamkeit darüber, dass der AfD-Klientel so häufig und letztlich entlastend eine Protestwahlentscheidung zugebilligt werde. Warum eigentlich, fragte er, denn auch diese Menschen wüssten doch, wen sie da wählen, jedenfalls: Warum sollten ausgerechnet sie das nicht wissen, wenn das doch bei den Wahlentscheidungen für andere Parteien selbstverständlich vorausgesetzt werde? Gefragt, was zu tun sei, fragte Friedman zurück, was das für eine Frage sei, so lange auf dem Fußballplatz und beim Familienfest rassistische Beleidigungen durchgewunken würden. Später plädierte er dafür, wieder politischer zu werden, den politischen Raum nicht Leuten zu überlassen, mit denen man nicht einverstanden sei. Die rhetorische Frage, was der einzelne schon ändern könne, könne er nicht mehr hören.

Die gegenwärtig 15- bis 20-Jährigen, betonte Friedman, seien die erste Generation, die feststellen müsse, dass die Welt nicht weiter linear verlaufen werde, dass die Rahmenbedingungen nicht gleich blieben. Man muss sich klarmachen, dass mit Rahmenbedingungen in diesem Fall die Lebensgrundlagen auf der Erde gemeint sind.

Michel Friedman, 1956 in Paris als Sohn zweier von Oskar Schindler geretteter Holocaust-Überlebender geboren, erzählte, dass er als Kind nicht nach Deutschland habe kommen wollen. Er erzählte, wie er in der Schule gebeten worden sei, Kontakt zu „Zeitzeugen“ herzustellen, von denen es doch so wenige gebe. Aber es gebe ja gar nicht wenige, so Friedman, es gebe Millionen davon, „fragen Sie doch Ihren Vater oder Großvater“. Grundsätzlich bekannte Friedman, es sei niemals die Vielfalt, die ihm Angst mache, sondern immer die Einfalt.

Hauke Hückstädt vom miteinladenden Literaturhaus Frankfurt wies in seiner Einführung darauf hin, dass Bücher selten so schnell sind wie dieses von der „Zeitenwende“, im Juli entstanden und auch die Corona-Situation also schon voll einbeziehend. Das schnelle Buch, das trotzdem naturgemäß einen Gedanken etwas deutlicher zu Ende führt als eine Kurznachricht: Es ist schon durch seine reine Gegenwart ermutigend.

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