feu_Odysseus000_GT60P_121020
+
Eine aus einem Schiffswrack geborgene Odysseus- Statue. afp

Sachbuch

Denkspur und Dialogmodell

  • vonReinhard Wustlich
    schließen

Jürgen Wertheimers Buch über Europa und die dreitausendjährige Geschichte seiner Kulturen

In seinen besten Zeiten war Europa ein offener Verhandlungsraum, eine argumentative Freihandelszone (…). Es gilt, diese gut 2000-jährige Schulung in der Kunst kritischen Denkens, dieses europäische Grundgefühl (…) zu stärken, zu ermutigen, zu vermitteln.“

Der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer, der das Europa von heute anhand einer Vorgeschichte von mehr als 3000 Jahren – bei Homer beginnend – misst, beschreibt in seinem Buch „Europa. Eine Geschichte seiner Kulturen“ einen Kontinent der Kontraste und Metamorphosen; der Kulturgeschichten, die ein „hoch entwickeltes Dialogmodell“ bilden, innerhalb dessen Vielstimmigkeit, Widerspruch und Widersprüchlichkeit systematisch praktiziert und eingeübt wurde“. Nicht abwehren – wie bei Peter Handke: „Ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden“.

Wertheimer erschließt Kulturen nach einem „Prinzip des Nacheinanders“, interessegeleitet, „weil es ja immer auch ein Europa vor einem Europa gab“. Der Leser neigt dazu, sich im Rückblick vom Jetzt zum Zuvor hineinzudenken: Vom Europa des Jetzt, das zurückreicht in das Jahr 2004, der großen Erweiterung der Europäischen Union („Gleiche unter Gleichen“ – Timothy Garton Ash). Zum Europa des Davor bis zur historischen Zäsur der Jahre 1989/90. Zum Europa im Schatten des Zweiten Weltkriegs, das, mutigen Perspektiven Robert Schumans und René Cassins geschuldet, eine Perspektive bekam. Vor dem Finstergrund – dem Weltkrieg, dem Kalten Krieg, die „alle kulturellen Errungenschaften und Werte verraten und pervertiert“ hatten (Wertheimer) – leuchtet „der europäische Traum – bestehend aus dem Friedensprojekt, der Demokratisierung, der dialogischen Erinnerungskultur und der Menschenrechte – (der) unter veränderten Bedingungen immer wieder durch- und umgesetzt werden (muss)“, wie Aleida Assmann notierte.

„Was wir gelernt haben – könnten?“, fragt Wertheimer. „Ein starker Kontinent wie Europa hat ein gewaltiges Potential, wenn es darum geht, bedrohte Ordnungen neu zu stabilisieren, kreative Ideen zu entwickeln, Synergien zu erzeugen, Ängste zu nehmen und radikale Positionen zu entschärfen. Statt in die Defensive zu gehen und Zäune zu bauen, sollten wir alles daransetzen, aktiv in das Geschehen um uns her wie innerhalb des Kontinents selbst einzugreifen und gestaltend mitzuwirken.“

Zwei Jahre zuvor, in der „Neuen Zürcher Zeitung“, hatte Wertheimer diese Position defensiver formuliert, betont, „erst nach einem umfassenden Selbstreflexionsprozess sollten wir darüber entscheiden, ob es uns zusteht, global zu intervenieren“.

Das Buch:

Jürgen Wertheimer: Europa - eine Geschichte seiner Kulturen. Penguin Verlag. 576 S., 26 Euro.

Seit der Renaissance entwickelten sich Künstler und Bürger im Kampf um künstlerische Autonomie und politische Emanzipation zu „Citoyens“. Und mit der Aufklärung – über alle Rückschläge hinweg – zu Vertretern mündiger Gesellschaften, „berechtigt und verpflichtet“, wie Pierre Bourdieu feststellte: „Ansprüche oder Forderungen weltlicher (oder religiöser) Mächte zu übergehen, ja sie im Namen ihrer eigenen Grundsätze und Werte zu bekämpfen“. Mit Wertheimers Worten: „Eine der zentralen Eigenarten der europäischen Kultur besteht (…) in der eminenten Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, auf sich selbst zu reagieren, sich zu korrigieren.“

Der Blick über die Grenzen zeigt heute ein erschreckendes Bild, auch in Staaten, die mit Europa verbunden sind. Mündige Bürger, Träger kulturellen Kapitals, sehen sich bekämpft von autokratischen Systemen. Prägungen europäischer Kulturen werden unterdrückt, Phantomschmerzen der Vergangenheit als politische Ziele ausgegeben. Belarus – unter dem Schatten des Sowjetreichs. Die Türkei – unter dem Schatten des Osmanischen Reichs. Hongkong – unter dem Schatten zentraler Kontrolle. Die USA – unter der Erosion „alternativer Wahrheiten“, Großbritannien – unter dem Revival einer fiktiven Idee („Take back control“). Angesichts dieser Realität dürfte Wertheimers These, „dass uns etwas Entscheidendes verlorengegangen ist – ein sinnstiftender Rahmen, der die ‚Idee‘ Europas überzeugend veranschaulicht“, ein Zeichen berechtigter Ungeduld sein. „Ist es möglich“, fragt er, „dass uns genau das abhandengekommen ist, was Europa ausmacht: sein Mythos, seine Seele?“

Auf der „Wanderung entlang der Geschichte der kulturellen Verwandlungen und Konstanten“ erschließt Wertheimer ein ungeheures „plurilinguales oder plurikulturelles Gewebe, eine Textur aus Nuancen“. In sechs Hauptkapiteln des Buches, die „entscheidende Bewegungen zusammenfassen“, beschreibt er „Gründungsmythen“ („Göttervater Zeus hat sich in Europé, die Tochter des mythischen Phönikerkönigs Agenor, verliebt. Einer früheren Verheißung Aphrodites (folgend), wurde die neue Heimat nach ihr ‚Europa‘ benannt“) und „Metamorphosen Europas“ („Im Kräftefeld zwischen Mekka, Jerusalem und Byzanz wird Europa sich über das ganze Mittelalter hinweg behaupten müssen, indem es sich auf erstaunliche Art verwandelt und sich doch zugleich treu bleibt“).

Er skizziert „Eine Neuvermessung der Welt“ („Im Zeichen der Religion hatte eine dogmatische Verhärtung stattgefunden, die die Erkenntnis- und Denkräume immer mehr einschränkte“) und das Projekt „Aufklärung“ („‚Aufklärung‘ war das zentrale und in seiner Vielgestalt und Konsequenz vielleicht folgenreichste Vorhaben dieses Kontinents“). Wertheimer spricht von einem „gewagten Sprung in die Gegenwart“.

In diesem Kontext nennt er „zwei der irrwitzigsten Kreationen aus dem Mythenpool Europas“, Hamlet und Don Quijote: „Unsterblich in ihrem vergeblichen Bemühen, bemüht im Wissen um die Vergeblichkeit. Eine Denkspur, die sich bis zu einem der wirksamsten Konstrukte der Moderne weiterverfolgen lassen wird, Albert Camus’ ‚Der Mythos des Sisyphos‘ (1942). Der absurde Mensch lehnt sich immer wieder gegen sein Schicksal auf.“ Camus’ Verknüpfung von Mythos und Typus projiziert ein Modell der Antike in die Moderne, darin nicht unähnlich James Joyces Vorläufer „Ulysses“ (1904), der der antiken Legende des Odysseus Gestalt und „neue Heimat“ (Wertheimer) in der Moderne gab: „Eine wunderbare Bestätigung für die trägen, aber stetigen Konfluenzen europäischer Kultur.“ Vielleicht zu erweitern um Samuel Becketts „Warten auf Godot“ (1952), dessen Subtext einer französischen Interpretation folgend, zwei Pariser Juden auf der Flucht vor den Nazis zeigt. In dieser Lesart die ewige Geschichte der Entwurzelten, der Migranten, eher verschlüsseltes Drama der Gewalt als Versatzstück der Theater-Konvention des Absurden.

In Wertheimers Darstellung folgt das „Jahrhundert der Widersprüche“: „Der Blutgeruch der Revolution war noch nicht verflogen, da begann die Blaue Blume der Romantik zu erblühen“ – während „das industrielle Zeitalter mit Massenproduktion und der Mechanisierung der Arbeit“ bereits Einzug zu halten begann. Daran schließt er das Kapitel „Selbstmord und Weiterleben“ Europas an: „Ein Wunder, dass es gelang, den Kontinent nicht nur zu retten, sondern ihn sogar (…) völlig neu zu definieren. Aus dem Hexenkessel der Rassismen und des Totalitarismus wurde innerhalb einiger Jahrzehnte ein ‚Kontinent des Friedens‘“.

Nähme man den Faktor „Kultur“ wirklich ernst, so Wertheimers Fazit, betrachtete man ihn nicht als dekoratives oder pittoreskes Zubehör: „Man käme zu einer vollständig anderen Europa-Idee. Denn kulturelle und künstlerische Phänomene sind nicht der Appendix der sogenannten politischen oder sozialen Wirklichkeit, sondern ihr innerster Ausdruck.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare