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Seine literarischen Texte könne er nur in seiner Muttersprache schreiben, sagt Giwi Margwelaschwili.

Ontotextologie

Denken gegen den Sowjettext

Giwi Margwelaschwili ist 80 Jahre alt und der einzige lebende Ontotextologe - ein Ortstermin im Wedding.

Von xxkagr

Sicher gibt es eine deutsche DIN-Norm für Klingelschilder, bei deren Abfassung damit gerechnet wurde, dass Menschen Müller oder Öztürk heißen, höchstens mal Kleinschmidt. Auf "Margwelaschwili" war niemand gekommen. Und so nimmt sich der normüberschreitende Schriftzug seltsam gedrängt und schlank zwischen all den DIN-konformen Namen aus, deren Träger laut Klingelschildtafel diesen Wohnblock im Berliner Arbeiterbezirk Wedding bevölkern. Er ist anders. Oder, um es mit den Worten dessen zu sagen, den man hier besuchen will: heteroontothematisch. Giwi Margwelaschwili, der Ende letzten Jahres achtzig Jahre alt wurde, ist Schriftsteller und Philosoph, und als solcher der Begründer und einzige Vertreter der Ontotextologie.

Durch das Fenster der Ein-Personen-Wohnung lassen sich S-Bahnen zählen, während man in die Sonne blinzelt. Herr Margwelaschwili bietet feine Pralinen an und einen Sessel; er selbst nimmt mit großer Selbstverständlichkeit auf dem Schreibtischstuhl Platz. Das Sofa dient nicht zum Sitzen, sondern als thematische Verlängerung des Arbeitsplatzes. Bücher stapeln sich darauf, eines stellt sich so aufrecht, dass sein Titel ins Auge springt: "Das Böse in den Weltreligionen". Das Böse treibt diesen Autor um, genauer: das Böse im Text ist es, auf das sein Denken sich richtet. Kürzlich erschien im kleinen Berliner Verbrecher Verlag Margwelaschwilis "Officer Pembry", ein Buch, das auf Thomas Harris' "Das Schweigen der Lämmer" Bezug nimmt.

Man kann es provisorisch als Roman bezeichnen. Der Verlag hat den Versuch unternommen, es als Science-Fiction-Thriller zu vermarkten. Doch Margwelaschwilis Prosa hat mit herkömmlichem fiction writing wenig bis nichts zu tun; ebenso wenig wie Herr Margwelaschwili selbst ein herkömmlicher Leser ist. Ein wohlgefülltes Krimiregal würde man in dieser Wohnung nicht finden. Warum er sich mit Harris' Roman beschäftigt habe? "Als damals der Film in den Kinos lief, hat mir ein Freund das Buch gegeben, weil er meinte, das sei etwas für mich", erklärt er. "Es gibt ja darin diesen Teufel, diesen Hannibal Lecter." Er spricht von der Faszination, die von der Figur ausgehe und sagt dann: "Ich kann mir vorstellen, dass das sehr interessant ist für den Leser." Ein Satz wie dieser lässt ahnen, wie es sein muss, als Ontotextologe Romane zu lesen; stets auf der Hut und gedanklich immer mehrere Ebenen über dem gewöhnlichen Leser - vor allem aber mit der Frage beschäftigt, wie das Böse im Text unschädlich zu machen sei.

"Officer Pembry" spielt in einer Zukunft, in der die Konstellationen in der realen Welt so zusammentreffen, dass die Handlung des historischen Thrillers "Das Schweigen der Lämmer" Wirklichkeit werden kann - gäbe es nicht die sogenannte "prospektive Kriminalpolizei" oder PKP, die dafür zuständig ist, in der Realwelt Verbrechen zu verhindern, die in der Buchwelt bereits geschehen sind. Ein PKP-Angehöriger, der sich Meinleser nennt und als Ich-Erzähler fungiert, sucht den Gefängniswärter Pembry auf. Er klärt ihn auf, dass er die Realperson einer Buchperson gleichen Namens sei, die in einem alten Buch von einem Verbrecher namens Hannibal Lecter umgebracht werde. Und dass die realweltliche Entsprechung dieser hochgefährlichen Buchperson demnächst in das Gefängnis verlegt werde, in dem Pembry Dienst tue. Meinleser stellt Pembry in Aussicht, seinem buchweltlichen Schicksal in der Realwelt entgehen zu können, wenn er es nur fertigbringe, in diesem gefährlichsten aller Augenblicke intensiv in besagtem Buch zu lesen, ja, den Verbrecher dicht an sich "heranzulesen", um dann im entscheidenden Moment urplötzlich mit dem Lesen aufzuhören und dem Verbrecher somit das Ausführen der Tat unmöglich zu machen. Doch der realweltliche Pembry, ein rechter Simpel, droht zu versagen, sieht nicht ein, was man ihm vorschlägt, und hat zudem Todesangst. Da bringt sich, in gedanklichem Austausch mit dem erzählenden Meinleser, aus dem aufgeschlagen herumliegenden Buch heraus die Buchperson Pembry ins Spiel. Dieser Buch-Pembry wird schließlich die entscheidende Idee entwickeln, wie der zaudernde Real-Pembry zu retten ist.

So erweist sich in "Officer Pembry" der Text als mächtiger denn die Realität. In seinem Buch "Leben im Ontotext", das 1993 erschien, hat Margwelaschwili eben diese Sichtweise als Ausgangspunkt seines Denkens beschrieben: "die ontotextuelle Verfassung des Menschen, das Prinzip, nach dem er als textlich prädeterminierter, als Textweltmensch, existiert, abhängig z. B. von den textuellen Grundlagen der großen Religionen ."

Der Text war immer schon vor uns da, wir leben ihn lediglich nach: Kann man das wirklich in dieser Radikalität behaupten? "Der Text ist immer mächtiger als das Leben", nickt Margwelaschwili, mit leicht anklingender Ungeduld das Wort "immer" betonend. "Der historische Mensch kommt als Buchmensch auf die Welt. Er unterliegt der Prädetermination durch den Text."

Die ganze UdSSR sei ein solcher Text gewesen, der die Menschen determiniert und deformiert habe, fügt er dann hinzu, und es ist zu merken, dass er darüber schon oft gesprochen hat.

Der Wunsch, jenem deformierenden Sowjettext wieder zu entfliehen, hat Margwelaschwilis Denken sehr grundsätzlich geprägt. Neunzehn Jahre war er alt, als der NKWD ( "Volkskommissariat für innere Angelegenheiten") ihn 1947 aus Deutschland deportierte. Seine gesamte Kindheit und Jugend hatte er in Berlin verbracht. Die Mutter war gestorben, als der Sohn noch sehr klein war. Der Vater, ein georgischer Philosoph, der an der Berliner Universität lehrte und der Sowjetunion ablehnend gegenüberstand, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in einem sowjetischen Lager ermordet, der junge Giwi nach Georgien zwangsverschickt.

Hier stand er nun in einem fremden Ontotext, den er nicht verstand, da er weder Russisch noch Georgisch sprach, und musste sich anpassen. Er tat es, schon um die Verwandten nicht zu gefährden, bei denen er untergekommen war.

Doch das Deutsche gab er all die Jahre nie auf. Er studierte und lehrte Deutsch, und als er literarische Texte zu schreiben begann, war es das Natürlichste für ihn, dies in der Sprache seiner Kindheit zu tun. "Das ist doch meine Muttersprache", sagt er so nachdrücklich, dass man sich fast schämt, diesen Punkt überhaupt thematisiert zu haben. "Ja, meine philosophischen Veröffentlichungen sind alle auf Russisch. Aber literarisch kann der Mensch nur in seiner Muttersprache schreiben", und winkt die fragend erhobenen Augenbrauen der Interviewerin gleich ab. Dennoch, Herr Margwelaschwili, muss es ein großer Schritt für Sie gewesen sein, nach der Wende in ein ganz fremdes Deutschland zurückzukehren? Ein nachdenkliches Kopfschütteln begleitet die Antwort. "Der sowjetische Aufenthalt war für mich nur ein Intermezzo - auch wenn es vierzig Jahre gedauert hat. Ich nahm dieses Leben an, aber sozusagen in Klammern. Außerdem ist für uns, die wir schreiben, die sprachliche Umgebung doch von ganz besonderer Wichtigkeit." Er habe ja all die Jahre nur für sich selbst geschrieben und nun seinen Texten endlich eine Öffentlichkeit verschaffen wollen.

Und tatsächlich wurden, als er Anfang der neunziger Jahre wieder nach Deutschland zog, gleich mehrere Romane von renommierten Verlagen herausgebracht. Doch obwohl der Autor sich in der engeren Literaturszene einen Namen machen konnte, Preise bekam und mit einem Text sogar Aufnahme in ein Deutschbuch für die siebte Klasse fand, blieb der große Durchbruch aus. Margwelaschwili verhehlt nicht, dass ihn die mangelnde Resonanz auf sein Werk sehr enttäuscht: "Ich wurde zwar gut besprochen, aber viel zu wenig." Die Bücher verkauften sich schlecht, die Verlage zogen sich zurück. "Officer Pembry", das bereits Mitte der neunziger Jahre entstand, ist Margwelaschwilis erste größere literarische Veröffentlichung seit über einem Jahrzehnt.

"Ein bescheidener Neuanfang", sagt der Achtzigjährige. Sein Verlag hat gerade eines seiner Stücke als Buch herausgebracht, erwähnt er dann noch nebenbei ("Zuschauerräume"), auch ein Band mit Erzählungen sei in Arbeit. Der weitaus größte Teil von Margwelaschwilis Werk allerdings schlummert noch immer unveröffentlicht in Schubladen und anderen Speichermedien. Für Textmenschen bleibt hier viel zu entdecken.

Zum Schluss bringt der Autor, ganz alte Schule, die Journalistin noch zum Fahrstuhl. "Haben Sie keine Angst", lächelt er, als die Türen der klaustrophobisch kleinen Kabine sich klappernd schließen, "alles wird gutgehen." Denn Ontotextologen verfügen über die seltene Gabe der Prospektivität.

Die Bücher von Giwi Margwelaschwili erscheinen im Berliner Verbrecher

Verlag.

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