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Deniz Yücel über den PEN und Julian Assange: „Wir sind schließlich kein Club von Schöngeistern“

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Von: Bascha Mika

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Der Journalist Deniz Yücel.
Der Journalist Deniz Yücel. © epd-bild/Christian Ditsch

Ein Gespräch mit Deniz Yücel, Sprecher des PEN Berlin, zu Julian Assange.

Herr Yücel, was für Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie an Julian Assange denken?

Wenn Sie mich so persönlich fragen, muss ich auch persönlich antworten. Nachdem ich 2017 aus den türkischen Medien erfahren hatte, dass ich zur Fahndung ausgeschrieben war, habe ich die Bundesregierung nicht nur um Hilfe, sondern auch um Gastfreundschaft gebeten und mich in der Residenz der Deutschen Botschaft in Istanbul versteckt. Es gab dann verschiedene Versuche zu einer diplomatischen Lösung, aber ohne Erfolg. Da war für mich klar: Ich gehe zur Polizei und stelle mich. Ich werde mich nicht auf unbestimmte Zeit in der Botschaft vergraben. Ich mach hier nicht den Assange!

Was hat Sie an der Vorstellung am meisten geschreckt?

Auf unbestimmte Zeit da bleiben zu müssen – so wie Assange, der damals ja schon fünf Jahre in der ecuadorianischen Botschaft lebte. Meine Befürchtung war: Wenn meine Situation öffentlich gemacht wird, wenn die Kamerateams vor der Residenz stehen und Erdogan damit Politik zu machen versucht, dann sitze ich fest. Ich kann dann ja auch nicht angeklagt werden – dabei hast du das Recht auf Anklage, wenn dir etwas vorgeworfen wird. Auch, damit du das Gericht von deiner Unschuld überzeugen kannst.

Assange ist kein Schriftsteller. Dennoch solidarisierte sich der neue PEN Berlin gleich in einer seiner ersten Veranstaltungen mit dem Wikileaks-Gründer.

Wir sind zwar historisch eine Schriftstellervereinigung, aber heute ist unser Spektrum viel weiter. Wir sind schließlich kein Club von reinen Schöngeistern und kein Eliteverein. Der PEN setzt sich für verfolgte Autorinnen und Autoren ein, egal ob es Literaten, Journalisten oder Blogger sind. Ich bin auch kein Schriftsteller, trotzdem haben sich der deutsche PEN und der türkische für mich eingesetzt, als ich in Haft war.

Doch warum Assange? Verfolgte Autoren und Autorinnen gibt es schließlich genug.

Meine Kollegin Eva Menasse hat Assange mal als Dreyfus unserer Tage bezeichnet. Das finde ich sehr treffend, denn auch hier geht es um einen Justizskandal. Einen Skandal, der sich seit Jahren hinzieht und an dem nicht etwa Russland, China oder andere einschlägig bekannte Länder beteiligt sind, sondern Demokratien wie Schweden, Großbritannien und die USA. Länder, in denen Rechtsstaatlichkeit eigentlich garantiert sein sollte. Dieser Skandal spielt sich in aller Öffentlichkeit und vor aller Augen ab – und dennoch ist Assange seit elf Jahren in Unfreiheit.

In welcher Rolle sehen Sie dabei die Bundesregierung?

Zu diesem Skandal gehört, dass weitere westliche Staaten sich zu Komplizen gemacht haben – oder wie die Bundesregierung schweigen. Die sagt nichts zu Assange, obwohl Annalena Baerbock einst seine Freilassung gefordert hat. Allerdings noch als Oppositionspolitikerin. Zu unserer Assange-Veranstaltung haben wir Politiker eingeladen, aber komischerweise waren alle verhindert, egal von welcher Partei.

Warum ist mit der Bedrohung von Assange und Wikileaks auch die Pressefreiheit bedroht? Diese Verbindung erschließt sich nicht unmittelbar.

Zur Person:

Deniz Yücel, 1973 in Flörsheim geboren, ist Journalist und Publizist, 2021/22 war er Präsident des PEN- Zentrums Deutschland, seit 2022 ist er neben Eva Menasse Sprecher des neuen PEN Berlin. 2017/18 war Yücel, damals Türkei-Korrespondent der „Welt“, in türkischer Untersuchungshaft wegen angeblicher „Terrorpropaganda“. Er saß mehr als 290 Tage in Einzelhaft. Auch über diese Zeit schreibt er in seinem Buch „Agentterrorist“, das 2019 bei Kiepenheuer & Witsch erschien

Im klassischen Sinne betreiben Assange und Wikileaks ja keinen Journalismus. Assange ist auch kein Whistleblower, der Geheimnisse ausplauderte, obwohl er sich zu Stillschweigen verpflichtet hatte – so wie etwa Chelsea Manning oder Edward Snowden. Assange ist ein Enthüller. Und die ihm zugespielten Dokumente hat er nicht alleine auf Wikileaks veröffentlicht, sondern in Zusammenarbeit mit großen internationalen Medien ...

... das allein erklärt allerdings noch nicht, warum es hier um die Verteidigung der Pressefreiheit geht ...

Weil es ohne Pressefreiheit keine Demokratie gibt. Und keine Pressefreiheit, wenn Journalisten, die über Missstände oder verbrecherische Machenschaften berichten, um ihre Freiheit und Sicherheit bangen müssen.

Dennoch haben sich vor allem zu Beginn der Affäre auch viele Medien an der Jagd auf Assange beteiligt. Hat Wikileaks Fehler gemacht?

Irgendwann hat die Plattform nicht mehr zwischen dem berechtigten Interesse der Öffentlichkeit an Information und den Auswirkungen einer Veröffentlichung abgewogen. Aber wenn Assange Fehler gemacht hat, büßt er dafür bereits seit elf Jahren, während bisher niemand – niemand! – für die Kriegsverbrechen zur Verantwortung gezogen wurde, die zu enthüllen er beigetragen hat.

Seit dem Überfall auf die Ukraine wirbt der Westen weltweit verstärkt um Verbündete. Tenor: demokratische Werte statt autokratische Regime! Doch gleichzeitig macht sich der Westen mit dem Fall Assange total unglaubwürdig.

Die universellen Werte, die der Westen vertritt, haben weltweit an Glanz und Strahlkraft eingebüßt. Das liegt nicht allein am Krieg, man muss sich nur die Entwicklung Russlands und anderer autoritärer Regime im letzten Jahrzehnt anschauen oder den Zustand einiger EU-Länder. Ein Hauptvorwurf von Autokraten gegenüber dem Westen ist: Ihr seid Heuchler! Das sagt zum Beispiel auch Erdogan. Ich gebe ihm ja nicht gerne recht...

... aber hier hat er zumindest nicht unrecht ...

Genau. Das Versprechen von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit muss vor dem Hintergrund von Folterlagern wie Abu Ghraib und Guantánamo betrachtet werden. Assange hat über diese Verbrechen berichtet, was die Glaubwürdigkeit des Westens untergraben hat. Und wie dann mit ihm umgegangen wurde, hat die Glaubwürdigkeit noch weiter beschädigt. Klar kann Putin jetzt sagen: Was regt ihr euch über meinen Umgang mit dem Schriftsteller Dmitri Glukhowsky auf, ihr macht es doch genau so! Es ist nicht nur Assange, der für die westliche Heuchelei mit seiner Unfreiheit bezahlt. Auch der Westen zahlt einen Preis. Schon deshalb muss Julian Assange endlich freikommen!

Interview: Bascha Mika

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