+
Proteste gegen Präsident Bouteflika am vergangenen Freitag in Algier.

Boualem Sansal

„Die Demonstranten dürfen jetzt nicht trödeln“

  • schließen

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal über die Proteste in seinem Land und die Wichtigkeit eines schnellen Sieges.

In Algerien demonstrieren seit Wochen Hunderttausende gegen das Regime von Abdelaziz Bouteflika (82). Der gebrechliche Präsident, der seit Jahren nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten und eben erst aus der Krankenbehandlung in der Schweiz in die Hauptstadt Algier zurückgekehrt ist, hat unter dem massiven Druck der Straße den Verzicht auf ein fünftes Mandat bekanntgegeben. Die Präsidentschaftswahl hat er aber ausgesetzt.

Herr Sansal, welche Stimmung herrscht in Algier nach den wochenlangen Protesten, die Präsident Bouteflika unter Druck setzen?
Es ist eine Atmosphäre aus Freude und Genugtuung, aber auch aus Unruhe, Müdigkeit und Not. Denn niemand weiß, wann die verschobenen Präsidentenwahlen ohne Bouteflika stattfinden werden. Die Leute spüren, dass sie nahe am Ziel sind – und dass dies Gefahren birgt.

Welche Gefahren meinen Sie?
Die eigentliche Gefahr ist die Konfrontation mit dem Regime, falls es beschließt, die Repression zu beginnen.

Könnte die Polizei bald mit scharfer Munition gegen die Demonstranten vorgehen, wie das in Algier auch schon vorgekommen ist?
Das kann sich das Regime derzeit nicht leisten – es würde schlicht weggefegt. Aber wenn die Machthaber sehen, dass die Demonstranten ermüden und die Bevölkerung über die Unordnung im Land zu klagen beginnt, kann sich die Lage rasch ändern. Dann könnte die Polizei sehr vereinzelt auf Leute schießen und ein paar Menschen verhaften, die sie für Anführer hält. Ferner dürften jene Chefbeamten des öffentlichen Dienstes, die ihre Untergebenen zu den Demonstrationen gehen ließen, entlassen werden.

Nehmen Sie persönlich an den Demonstrationen teil?
So oft wie möglich. Ich wohne in einer kleinen Universitätsstadt 50 Kilometer außerhalb von Algier. Auch hier wird viel demonstriert. Die Studenten sind ungeheuer aufgeheizt. Es ist berührend zu sehen, wie naiv und zugleich hellsichtig sie sind.

Glauben Sie, dass der Druck der Straße nicht nur Bouteflika, sondern seinen ganzen Clan zum Verzicht zwingen könnte?
Möglich ist es. Am vergangenen Freitag waren wieder Hunderttausende auf der Straße. Alle waren gekommen – Alte, Kranke, Frauen, Kinder, sogar Polizisten und Militärs. Die Leute haben verstanden, dass es wichtig ist, schnell zu siegen. Wenn sich die Dinge in die Länge ziehen, ist unsere Niederlage garantiert. Man darf jetzt nicht trödeln!

Angesichts früherer Erfahrungen mit den Behörden wirken die jungen Demonstranten ganz schön mutig.
Die Algerier kennen ihre Polizei, sie wissen, wie korrupt, brutal, ja grausam sie ist. Die physische Gewalt ist in den Kommissariaten seit jeher eine Realität; für ein „ja“ oder ein „nein“ gibt es Ohrfeigen und Fußtritte. Die Demonstranten lassen auch deshalb nicht locker, weil sie Angst haben: Sie wissen, dass sie unbedingt gewinnen müssen, um die Rückkehr des Schlagstocks und einer neuen Eiszeit für die nächsten zehn Jahre zu verhindern.

Überraschend bleibt der freie und kritische Ton der algerischen Medien. Die Tageszeitung „El Watan“ wirft Bouteflika zum Beispiel offen vor, sein Verzicht sei eine bloße „List“.
Das Regime hat viel gelernt. Es unterdrückt das Volk seit 57 Jahren und weiß, dass die wirksamste Repression darin besteht, zu schlagen und zu streicheln, zu verhaften und freizulassen, zu beleidigen und zu schmeicheln. Es ist wie in den Gangsterfilmen – es gibt den guten und den bösen Flic. Von oben wird vor allem entschieden, welcher der beiden den Klienten gerade „bearbeiten“ soll.

Umso erstaunlicher der freie Ton der Presse!
Den Hofnarren reden zu lassen ist eine alte Taktik der Könige. Die Pressefreiheit, von der Sie sprechen, hat die Dinge in Algerien nie um ein Iota verändert. Sie freut nur die westlichen Beobachter. In Wahrheit werden die Medien von einem ranghohen Vertreter des Präsidialamtes kontrolliert. Er legt Grenzen fest, die nicht zu überschreiten sind, und bestimmt, wie weit Kritik gehen darf. Die Pressefreiheit wird auf tausend Arten eingeschränkt – etwa durch die Verteilung der Werbung auf die „guten“ Titel, aber auch durch Prozesse und Bußen.

Und teilen Sie die Ansicht von „El Watan“, dass Bouteflika nur seine Macht sichern wolle, als er auf ein fünftes Mandat verzichtete?
Die List gehört zur Politik. Vom Volk zurückgewiesen, versucht Bouteflika, durch das Fenster zurückzukehren. Und wenn das nicht funktioniert, wird er einen anderen Weg finden. Schließlich ist er noch gewählt, endet seine Amtszeit am 18. April. Bis dahin wird er eine neue List oder ein Ablenkungsmanöver gefunden haben.

Ist der schwerkranke Bouteflika aber letztlich nicht nur eine Marionette in der Hand mächtiger Drahtzieher im Hintergrund?
Nein, Bouteflika ist keine Marionette, er regiert wirklich und weiterhin. Er ist ein wichtiger Machtpol neben der Armee und den Geheimdiensten. Er spricht nicht mehr selbst, aber er spricht durch seine Brüder. Aber wenn Boutfelika wie der frühere Präsident Boumédiène sterben oder wie die Nachfolger Chadli oder Zeroual zurücktreten sollte, wird die Armee machen, was sie immer gemacht hat: Die Generäle ziehen sich in die Konklave zurück und einigen sich auf einen neuen Präsidenten. Dann wird eine schöne Zeremonie organisiert.

Also keine guten Aussichten für den algerischen Frühling?
Die Erfolgschancen der Demonstranten liegen derzeit bei etwa fünfzig Prozent, würde ich sagen. Das Volk ist stark und enthusiastisch, aber uneins und unerfahren. Die Intellektuellen und Oppositionsparteien sollten es besser beraten. Denn das Regime ist, auch wenn geschwächt, seinerseits sehr erfahren und flexibel.

Wie äußert sich das?
Das Regime tut alles, um an der Macht zu bleiben. Wenn nötig, wird es jede Menge von Präsidenten opfern und Geld springen lassen. Die Träger der Macht könnten sogar die demokratischste Demokratie organisieren, um sich zu halten, wie 1988, als sie vom Sozialismus zum Kapitalismus wechselten, von der Einheitspartei zum überbordenden Vielparteiensystem. Sie verbrannten, was sie vorher als heilig bezeichnet hatten – um sich zu halten.

Wer ist eigentlich das „Regime“?
„Le pouvoir“ (die Macht) besteht nicht nur aus einer Handvoll von Generälen. Darüber hinaus sind viele Leute beteiligt. Boutfelika hat Brüder, er hat Helfer in der Armee, in allen Schichten der Bevölkerung und bis ins Ausland. Sie sind einander in einem riesigen politisch-militärischen Netz verbunden. Es überlebte sogar die französische Kolonialarmee, handelte es doch mit Paris 1962 die Unabhängigkeit aus. Und 1991 verhandelte es mit den Islamisten des FIS (Islamische Heilsfront).

Beteiligen sich die Islamisten an den Demonstrationen?
Ja, aber nicht als Islamisten, sondern als Individuen und Bürger, die durch die Winkelzüge des Regimes aufgebracht sind. Zu gegebener Zeit werden sie allerdings massenhaft als Islamisten auftreten und wie alle die Macht beanspruchen. Sie sind äußerst gut organisiert, auch international. Das haben die Islamisten in ihren Genen; es ist das Prinzip ihrer Umma (Gemeinschaft): „Alle Brüder vereinigt auf dem Weg Allahs.“

Droht dieser „Weg“ in Algerien – falls sich die Islamisten durchsetzen sollten – nicht in eine umfassende Theokratie zu münden, wie Sie sie in Ihrem Bestseller „2084“ beschrieben haben?
Ja. Der Weg Allahs, auf Arabisch „Sabilillah“, bedeutet in sich schon die Einrichtung einer totalitären Theokratie. Sie beruht auf der Scharia, dem Gesetz des Koran. Das entspricht in der Tat dem, was ich in meinem Roman „2084“ beschrieben habe.

Wünschen sich die Algerier internationale Unterstützung wie in Venezuela?
Die Algerier sind misstrauisch, sie sehen hinter jeder offiziellen Unterstützung Heimtücke. Sie schätzen die Unterstützung durch einfache Leute wie sie selbst. Hingegen haben sie die Erfahrung gemacht, dass die westlichen Länder häufig Diktatoren oder Islamisten unterstützen, nicht die Bevölkerungen. Die Weltordnung, deren Hüter der Westen ist, ruft eher nach Ordnung als nach Freiheit.

Interview: Stefan Brändle

Zur Person

Boualem Sansal (69) ist der bedeutendste Schriftsteller Algeriens. In seinem epochalen Roman „2084: Das Ende der Welt “ (Merlin Verlag) schildert er eine religiöse Diktatur, die totalitäre Züge des Islamismus trägt, wobei sich das Werk an das Vorbild „1984“ von George Orwell anlehnt. Sansal, der auf Französisch schreibt, wird in seinem Land zensiert, da er nicht nur die religiösen, sondern auch die politischen Machthaber sehr offen kritisiert. Trotzdem lebt er als einer der wenigen prominenten Autoren seines Landes weiterhin in Algerien.

Ins Deutsche übersetzt wurden neben „2084“ unter anderem „Allahs Narren: Wie der Islamismus die Welt erobert“, „Erzähl mir vom Paradies“ und „Das Dorf des Deutschen“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion