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Marius Krüger (Mitte) mit den Programmierern Manuel Ruck (Links) und Ulf Gebhardt.

"Democracy"-App

Die Demokratie-Macher

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Mit seiner App "Democracy" will Marius Krüger den Bundestag transparenter machen und junge Leute zum Engagement bewegen.

Es gibt eine Geschichte, die Marius Krüger gerne erzählt, wenn er gefragt wird, warum er die App „Democracy“ entwickelt hat. Einige Wochen vor der letzten Bundestagswahl sei er durch Berlin gelaufen, sagt der 24-Jährige, und dabei immer wieder an den Wahlplakaten eines Kandidaten vorbeigekommen, auf denen folgendes Schlagwort prangte: Abrüstung. Krüger wollte es genauer wissen und recherchierte, wie der Politiker sich in der vergangenen Legislaturperiode bei Abstimmungen zur deutschen Verteidigungspolitik positioniert hatte. Das Ergebnis: Er hatte immer wieder für die Ausweitung oder Verlängerung von Auslandseinsätzen gestimmt – und gegen ein Rüstungskontrollgesetz, mit dem Waffenexporte hätten verboten werden können.

Um welchen Politiker und welche Partei es ging, sagt Krüger nicht. Denn der Bundestagskandidat, dessen Versprechen und Handeln so eklatant auseinanderzuklaffen scheinen, ist für ihn ein Symbol für das, was er eine „Repräsentationskrise“ nennt. Er nehme eine wachsende Distanz zwischen Regierenden und Regierten wahr, sagt er und zitiert eine Studie des Leibniz-Instituts von 2014, bei der lediglich 23 Prozent der Befragten angaben, dem Regierungshandeln ihrer Politiker zu vertrauen.

Der Bundestag, glaubt Marius Krüger, sei für die meisten Deutschen eine „Black Box“. Ein undurchsichtiges System, bei dem kaum jemand verstehe, wie es funktioniert und wie am Ende bestimmte Gesetze zustande kommen. Und in dem die Beteiligten viel zu selten erklärten, warum sie so und nicht anders abgestimmt haben – ob es um Waffenexporte gehe oder TTIP.

Mit seiner App „Democracy“ will Krüger das System Bundestag für die Bürgerinnen und Bürger transparenter machen. Insgesamt ein Jahr lang hat der 24-Jährige an dem Konzept getüftelt. Mitte 2017 startete er schließlich eine Crowdfunding-Aktion und sammelte in kürzester Zeit 35 000 Euro. Außerdem bekam er ein Stipendium der Hertie-Stiftung. Zusammen mit zwei Programmierern machte er sich ans Werk – und seit Oktober kann man „Democracy“ im App-Store kostenlos downloaden.

Auch User können votieren

User können sich jetzt durch die Gesetzgebungsvorgänge der aktuellen Legislaturperiode klicken und nachvollziehen, welche Fraktionen wie abgestimmt haben. Künftig soll das sogar für jeden einzelnen Abgeordneten gesondert angezeigt werden. Der Clou: Die User der App können über jeden Antrag auch selbst abstimmen – und vor der nächsten Wahl das eigene Abstimmungsverhalten mit dem der verschiedenen Fraktionen und Abgeordneten abgleichen. So könnten User nicht nur nachvollziehen, welche Partei am ehesten ihren Interessen vertritt, sondern auch, ob Politiker im Parlament ihre Versprechen einhielten, sagt Marius Krüger.

Andersherum sollen künftig auch Politiker in der App einsehen können, wie Menschen in ihrem Wahlkreis zu bestimmten Themen stehen. „So haben Politiker eine Chance, ihren Standpunkt mit Volkes Stimme abzugleichen, bevor sie wichtige Gesetze absegnen.“

Das alles klingt transparent, innovativ und einfach. Doch es wirft zugleich die Frage auf, ob eine App das richtige Medium für demokratische Willensbildungsprozesse ist. Ein Blick in die App zeigt: Bei vielen Abstimmungen gehen die Mehrheitsmeinung der bislang 8500 User und das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten weit auseinander. Zugleich können die User zwar alle offiziellen Dokumente einsehen, aber die sind meist in komplexem Amtsdeutsch verfasst. Das, was Parlamentsarbeit jenseits dessen ausmacht – die Streits, Verhandlungen und Kompromisse, aber auch der Einfluss von Lobbygruppen – bleiben auf der Nutzeroberfläche unsichtbar. Und die Entscheidungen der Politiker letztendlich doch wieder undurchsichtig.

Marius Krüger hat sich über diese Dinge Gedanken gemacht: „Im Moment bilden wir in erster Linie die Prozesse ab. Aber wir überlegen, wie wir noch mehr Einordnung hinkriegen – und die App trotzdem niedrigschwellig bleibt.“ Gerne würde er mit der Bundeszentrale für politische Bildung oder ähnlichen Institutionen zusammenarbeiten, um den Inhalt der Gesetzesvorschläge besser zu vermitteln – einfach und zugleich korrekt.

Trotzdem ist ihm der interaktive Teil wichtig. Demokratie müsse mehr sein, als alle vier Jahre zur Wahl zu gehen. „Wer selber eine Entscheidung trifft, beginnt automatisch, sich mit den Themen auseinanderzusetzen.“ Und genau darum geht es ihm letztendlich: politische Bildung und Mobilisierung, grade der jungen Menschen, der Digital Natives.

Damit kennt er sich aus, er hat den Prozess selber durchgemacht. Aufgewachsen in einem konservativen Unternehmerhaushalt, stellte Krüger als junger BWL-Student die Welt um sich herum kaum in Frage. Erst eine persönliche Krise brachte in ihm einen Denkprozess über die Verfasstheit der Gesellschaft und seine Rolle darin in Gang. „Ich habe angefangen, über Dinge wie globale Gerechtigkeit und Vermögensverteilung nachzudenken – und habe mich gefragt, warum sich an so vielen offensichtlichen Fehlentwicklungen nichts ändert.“

Lob für Parlamentarismus

Eine Weile beschäftigte er sich mit Revolutionstheorien. „Aber dann ist mir klar geworden, dass dabei letztlich immer versucht wurde, einer Gesellschaft von außen gewaltvoll ein neues System aufzustülpen. Das trägt den Widerspruch schon in sich.“

Mittlerweile ist Marius Krüger ein glühender Verfechter des Parlamentarismus. „Es gab Hunderte Jahre Blutvergießen, damit wir heute das Privileg genießen können, uns ohne Gewalt über unsere unterschiedlichen Vorstellungen von Gesellschaft auszutauschen.“ Doch auch eine so große Idee brauche eben ab und zu ein Update.

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