Afghanistan, Kundus: Bundeswehrsoldaten sind im Feldlagers Kundus zum Tag der deutschen Einheit angetreten. (zu dpa „Streit um Entlassung von früheren KSK-Offizieren eskaliert“ am 25.08.2020)
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Afghanistan, Kundus: Bundeswehrsoldaten im Feldlager Kundus

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Dein Jahr

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Es heimatet bei der Bundeswehr, dass es nur so seine Art hat.

Die Abende werden kühler, die Sonne sinkt, schon macht uns im Lebensmittelladen leckerer Lebkuchen leuchtende Augen. Auch dieses Jahr wird enden, und wir beginnen uns zu fragen: Was war das für ein Jahr? War das meins? Und wofür habe ich sie hergegeben, meine Zeit?

In der Nähe des Gymnasiums im Viertel hängt ein Plakat, das optimistisch stimmt: „Nimm dir dein Jahr!“ Das klingt gut, aber woher nehmen? Ist es nicht eigentlich schon weg, abmarschiert mit der unbeirrt laufenden Zeit? Es geht irgendwie um Freiwilligendienst, aber das scheint etwas für junge Leute zu sein, unsereins muss sich sein Jahr anderswo suchen. Oder aber, was für eine Idee: Wir können unser Jahr auch spenden.

Auch im Internet hängt ein Plakat: „Dein Jahr für Deutschland.“ Okay, eigentlich für die Bundeswehr, aber wer hätte so ein Jahr nicht mehr verdient als „Deutschland“? Haben Sie nicht schon schlechter geschenkt? Und das Schönste: Wissen Sie, was „Deutschland“ ist? „Heimat!“ Und was geben Sie der Heimat in Ihrem Jahr für Deutschland? „Schutz!“ Das ist, um es kurz zu machen, sehr schön. Hier noch der Fachausdruck: freiwilliger Wehrdienst im Heimatschutz.

Es spricht ja nun wirklich nichts dagegen, mitzuwirken „bei Naturkatastrophen oder Großschadenslagen, Pandemien und anderen Ereignissen, die der Anstrengung unseres gesamten Landes (gemeint ist die „Heimat“, d. Red.) … bedürfen“. Allerdings wären Missverständnisse noch sicherer zu vermeiden gewesen, wenn die Tatsache Erwähnung gefunden hätte, dass es um Mitwirkung beim Bekämpfen von Naturkatastrophen etc. geht und nicht um Mitwirkung bei den Naturkatastrophen etc. selbst. Aber das ändert ja nichts, Hauptsache: Heimat.

Es heimatet bei der Bundeswehr, dass es nur so seine Art hat. Alle, die noch bitter lachten, als sie vom US-Ministerium für „Homeland Security“ hörten, werden den Sprachimport staunend zur Kenntnis nehmen. „Schütze unsere Heimat“; „Wir suchen engagierte junge Menschen für die Territoriale Reserve, um unsere Heimat … zu schützen“; „Deine militärische Heimat ist die Streitkräftebasis“; „Du wirst heimatnah eingesetzt“. Böse Zungen könnten fragen: Wer ist da eigentlich noch zu Hause?

Dass es über das Wort „Heimat“ jemals kritische Debatten gegeben hat, wegen des Missbrauchs als Blut-und-Boden-Chiffre durch die „Völkischen“ von damals und heute, das scheint vergessen. Ja, die Zeit marschiert, und manchmal möchte man sie im Befehlston anbrüllen: Stillgestanden!

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