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„Die Medienrevolution. Sie frisst ihre Kinder“, sagt Volker Braun.

DDR

„Der Osten war für den Westen offen“

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Volker Braun, der in der DDR oft mit der Zensur zu kämpfen hatte, sah das Weggehen nicht als Alternative. Die Wende war für ihn „eine Revolution und eine Konterrevolution und ein Fest und ein Desaster“.

Schreibend ist er in Lyrik und Prosa genauso zu Hause wie in der Dramatik, auch seine Essays blitzen mit geschliffener Streitlust. Volker Braun gehört zweifellos zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern, als Erneuerer der Sprache, als Erweiterer von Denkräumen und kritischer Beobachter der Verhältnisse. Wir trafen ihn kurz vor seinem 80. Geburtstag am heutigen 7. Mai.

Wie geht es Ihnen, vor Ihrem 80.?
Nicht schlecht. Ich komme von einer Lesereise, Paris, Toulouse, Lyon, Genf. Mit Alain Lance, dem Dichter und Übersetzer. Ein Band Gedichte, bei Gallimard.

Sie haben auch hier gerade Neues veröffentlicht. Einen Band mit Schriften und Reden und ein Büchlein „Handstreiche“, Kurztexte, Merksätze. Also, Sie sind produktiv.
Das empfinde ich nicht. Das Schreiben braucht einen Impuls, den Fund, an dem sich was zeigen lässt. Eine einfache, unabweisbare Sache, die die ganze Existenz betrifft. So war es beim „Bodenlosen Satz“, bei den „Vier Werkzeugmachern“ und bei den „Hellen Haufen“. Oder bei den „Griechen“: der Beginn der Postdemokratie. Es sind Texte, die gemacht werden mussten. Darum schreibe ich wenig, weil mich nicht leicht etwas dazu bringt. Weil ich angestiftet werden muss.

Angestiftet wozu, zu einer Tat?
Zu einer Feier, oder einer Rache. Auf die „Hellen Haufen“ schrieb ich Fühmanns Satz: In ein Buch gehen wie in eine Schlacht, die auch für alles offen ist.

Gilt das auch für die „Handstreiche“?
Die „Handstreiche“ sind nur ein Beifang.

Worte „aus der Werkzeugtasche“, „Ausschreitungen auf dem Papier“.
Der ganze Band ist aus Widersprüchen. „Ich bin schwer zu fassen. Ich gebe mich, wie ich bin.“ Das entsteht beiläufig, ist aber gearbeitet wie jeder andere Text. Indem man im Moment des Notierens ein bisschen zögert und nicht losspricht wie jetzt.

Losspricht? Nein. Aber Ihre Pausen können wir leider nicht drucken. – Es gibt einen Buchtitel, der freundlich anfängt: „Wir befinden uns soweit wohl“, aber fortsetzt: „Wir sind erst einmal am Ende.“ Der Band erschien vor zwanzig Jahren. Es ist einiges passiert inzwischen.
Das war ein ehrlicher Satz. Wer das ein Leben lang sagt, ist ein Idiot. – Ah, das war Ihre Frage: wie es mir geht. Da müsste ich nachdenken.

Gut. Währenddessen schaue ich mich um und sehe, dass Sie mit bildenden Künstlern verbunden sind, Jastram, Stötzer, Nuria Quevedo. Was bedeutet Ihnen die Begegnung der Künste?
Ich war vor allem mit Komponisten befreundet: Paul Dessau, Friedrich Goldmann, Fritz Schenker. Diese Entwicklung bei Goldmann, der in Dresden-Rochwitz auf unserm Klavier spielte… die Auseinandersetzung mit den tradierten Kompositionsweisen, da gingen ganz ähnliche Brüche, Neuerungen vor wie in den Schreibweisen.

Und bei der Bildenden Kunst?
Hrdlicka zeigte mir sein Mahnmal gegen Faschismus und Krieg in Wien. Halb behauene Blöcke, Fragmente von Körpern, und irgendwo ein Sinnkern, das bronzene Judenhaupt im Pflaster. Die Wiener empörten sich. Eine zersprengte Form wie in den Bühnenstücken. Oder Picasso, wie malt der einen Busen? Keinen Halbkreis, er malt eine Spirale. Aber wie eindringlich, berührend ist die Figur. Was entspräche dem im Text? Mensch, wie musst du schreiben?

Die Künste regen einander an. Hat man sich in der DDR gegenseitig gestützt in den Konflikten – dass Ausstellungen nicht stattfanden, Stücke nicht aufgeführt wurden?
Das waren die Arbeitsbedingungen. Der Architekt Henselmann vermachte mir den Spruch: „Solidarität der Qualität“. Es gab sie. Und man stand oft allein... Aber Konkurrenz war überhaupt kein Begriff.

In der Sächsischen Dichterschule – zu der Sie, Karl Mickel, Sarah und Rainer Kirsch, Adolf Endler, Heinz Czechowski und andere zählten? Sie haben ja auch in Gedichten miteinander verkehrt.
Natürlich. Das ist ein Mythos. Er verdankt sich „Eddi Pferdefuß Endler“. Wir stammten merkwürdigerweise alle aus Sachsen und Anhalt und wurden durch Hermlins Lesung 1962 bekannt, die ihn sein Amt in der Akademie kostete. Ich war aus Leipzig gar nicht angereist. Und wurde um ein Haar exmatrikuliert.

Sie studierten Philosophie.
Ein Bruder war in West-Berlin: da kam ich bei der Journalistik nicht an. Wie geht es Ihnen in der Zeitungswelt heute?

Was soll ich sagen? Ich habe einen schönen Beruf, aber es macht mir Sorgen, dass weniger Zeitungen gelesen werden, dass auch viele kluge Menschen ihre Informationen fast wahllos aus dem Netz holen.
Die Medienrevolution. Sie frisst ihre Kinder. – Es sind nicht die Geräte, das Internet. Es ist der Dreh, wie Nachrichten gemacht werden, wie Kriege begründet werden, erst in Jugoslawien, dann im Irak, in Syrien, das terrorisiert wird auch von der Presse. Die Nachrichten, die in einen hineinfahren wie Schrapnells.

Die einem den Tag verderben können?
Man denkt, man schüttelt das ab. Aber wir sind durchlässige Wesen. Weisen wir eine Frage ab, dichtete Georg Maurer, „tritt die Lüge wie Schimmel vor“.

Das ist zum Verzweifeln. Wirtschaftslobbyisten bestimmen die Themen, sodass die Klimakatastrophe wie ein Luxusproblem behandelt wird. Und dann lobt Angela Merkel die demonstrierenden Schüler, obwohl sie selbst immer Auto-Politik gemacht hat.
Immerhin gehen die Schüler auf die Straße, immerhin für den Klimaschutz. Vielleicht ist es dieses Gefühl einer Grundheuchelei in der Gesellschaft… Immerhin wird das Auto noch einmal erfunden, freilich als Fehlkonstruktion. Wer ein Auto kauft / kauft den Autounfall. Jetzt kauft er den Batterienmüll von morgen.

Glauben Sie, dass sich die Rollen von Literatur und Medien irgendwo treffen?
Unbedingt. In der Wahrheit. Nur ist die Art und Weise, sie zu sagen, verschieden. Die Literatur hat keine leitenden Redakteure. (Er zeigt auf eine Bleistiftzeichnung an der Wand.) Haben Sie gesehen? Das ist Joachim John, „Das Volk führt die Freiheit“, an Stricken. 1991. – Eine Bibliothekarsschülerin fragte mich neulich am Telefon: „Waren Sie auch von der Bücherverbrennung betroffen?“ Das ist das Resultat der Aufarbeitung.

Sie beschreiben die sozialen Verwerfungen, die wir erleben. Ihr Flick von Lauchhammer ist ein rückgewandter Held, ein Quichotte der Arbeitswelt. Sie haben einen Preis von der Gewerkschaft Verdi bekommen.
Ich habe in meinem Dank gesagt, dass eine Gewerkschaft, die sich nur um die Beschäftigten kümmert, ein elitärer Verein ist. Die Arbeiterschaft ist geteilt in die, die Arbeit haben, und die, die keine haben, die sind nicht organisiert. Ich sollte auch mal vom FDGB...

… der Gewerkschaft in der DDR
... einen Preis erhalten. Da hörte sich eine Kommission eine Lesung an, und dann war klar: Der Mann ist ungeeignet. Einer, der von vertikaler Arbeitsteilung und Dreckarbeit spricht.

Zurückweisungen erlebten Sie früh, etwa durch das 11. Plenum der SED.
Die Verurteilung des anarchischen Helden – das traf auch den „Kipper Paul Bauch“.

Ihre „Unvollendete Geschichte“ brachte Ihnen immensen Ärger ein, der „Hinze-Kunze-Roman“ wurde über Jahre nicht gedruckt.
Auf dergleichen Gewalt war ich dann trainiert. Und es gab auch ein bestimmtes Zusammenstehen.

Zum Beispiel wie?
Dieter Schlenstedt, als Gutachter, beschrieb den „Hinze-Kunze-Roman“ als Komödie in Prosa, die mithin die Totalität der Widersprüche beanspruche. Also könne nichts gestrichen werden, auch nicht die Atomschutzübung. Das hat Kurt Hager mehr geärgert als der ganze Roman. Vergessen wir nicht, das waren ironische Zeiten. Und unersetzlich der Umgang mit Wolfgang Heise, mit Jürgen Teller, oder mit Bahro, der schrieb „Die Alternative“, ich den „Großen Frieden“. Er kam in den Knast, das Stück kam ungenehmigt am Berliner Ensemble heraus….

Und Sie wechselten vom Deutschen wieder ans Brecht-Theater.
Ja, und das war auch eine Falle. Das BE hatte das Recht der ersten Nacht und war verpflichtet, sie nicht zu nutzen... Gut, am ersten Probentag von „Dmitri“ das Kriegsrecht in Polen, und es half nicht, dass Wekwerth eine Fassung machte, in der es keine Polen und Russen mehr gab.

„Lenins Tod“ war von vornherein nicht spielbar. Warum haben Sie es nicht in den Westen gegeben?
Es lag im Safe im Suhrkamp-Verlag. Unseld, der Verleger, lief mit mir um den Bahnhof Friedrichstraße und hatte ein Pseudonym parat. Das Stück wäre drüben verbraten worden. Den „Hinze-Kunze-Roman“ nahm ich dreimal aus dem Suhrkamp-Programm, damit er auch im Mitteldeutschen Verlag erscheint.

So war es dann auch. In kleiner Auflage und mit bestellten Verrissen.
Das waren alles beschämende Vorgänge. Man schämte sich für seine Verhältnisse.

Wieso haben Sie die DDR nicht verlassen? Sie waren doch ein im Westen anerkannter Autor?
Ich habe das Weggehen immer als Privatlösung empfunden, vielleicht auch als feige. Wenn ich die DDR verlassen hätte, hätte ich einen definitiven Strich gezogen und mich, in aller Augen, ganz der BRD attachiert. Das war keine gute Vorstellung.

„Ich bleib im Lande und nähre mich im Osten. / Mit meinen Sprüchen, die mich den Kragen kosten / in anderer Zeit“ –
Bleiben hieß, das Schreiben radikalisieren.

„Die Übergangsgesellschaft“, im Frühjahr ’88 endlich inszeniert, wurde das Stück zur Wende, weil es die Stagnation der Verhältnisse und die Sehnsucht nach Veränderung so klar zeigt.
Es war die Arbeit auf eine Wende zu. Die begann ja 87, 88. „Das Eis der Strukturen bricht...“ Nach dem letzten Schriftstellerkongress wurde die Zensur quasi abgeschafft. Ohne die gewonnene Öffentlichkeit wäre die Verwandlung des Lands nicht friedlich verlaufen. Es war ohnehin eine Gesellschaft, in der gedacht wurde. Das Theater war der Ort, eine Gegenrealität zu erleben.

Wie sehen Sie heute die ersten Jahre der deutschen Vereinigung?
Der Osten war für den Westen offen, doch die große Masse wurde verprellt. Das begann damit, dass sie ihr Leben in Gänze verworfen sah. Sie wurde aus den Hallen in Schöneweide oder Schönebeck herausgekehrt. Ein Kombinatsdirektor, SKET und Kraftwerksanlagenbau, sagte nach der Lesung aus den „Hellen Haufen“: Es war eine konzertierte Vernichtung. So wurden Problemzonen produziert. Das nicht geheure Volkseigentum – über das wir nicht verfügten – war aus der Welt geschafft.

Haben Sie selbst eine Kränkung erlitten? Sie mussten sich ja keinen neuen Verlag suchen.
Nein. Womit wir konfrontiert waren: dass die Losung KEINE GEWALT vergessen und wir binnen Monaten Bürger eines kriegsbeteiligten Landes waren. Christa Wolf, Müller, Hein, ich, die sich gegen den Golfkrieg wandten, galten dem Feuilleton drei Jahre lang als Feinde der Demokratie und Amerikas.

Was war die Wende für Sie?
Eine Revolution und eine Konterrevolution und ein Fest und ein Desaster.

„Die hellen Haufen“, die den Protest der Bergleute von Bischofferode in einen Aufstand verwandeln, ist ein Buch, das hätte in die Gesellschaft wirken müssen.
Widerstand ist Mangelware in der Marktwirtschaft. – Aber Mitteldeutschland hallt von Geschichte. Der Boden ist kontaminiert von Arbeit und Krieg. Der Bauernkrieg, die Märzkämpfe. Die Bodenreform. Die Volksenteignung. Wenn ich die entlassenen Arbeiterhaufen versammle, ziehen sie nicht nach Frankenhausen, wo 6000 Bauern geschlachtet wurden. Sie sind alle Historiker.

Sie haben Erfahrung.
Sie kämpfen ohne Gewalt. – Auch beim „Machwerk“ wünschte ich, es könnte ein Volksbuch sein. Über das Machwerk der Menschheit.

Die Industrie, die Produktion?
Wir stehen vor einem Anfang. Ein anderes Handeln. Es ging uns eine Generation voraus, die für das andere Deutschland stand und darum nicht alle Fragen stellte. Es folgt uns eine Generation, die für eine andere Welt steht und unsere Halbheiten nicht duldet. Sie wird sich dem Weltlauf nicht fügen.

Eine Frage ist offen: Wie es Ihnen geht?

Ich befinde mich soweit wohl.

Interview: Cornelia Geißler 

Zur Person

Volker Braun wurde heute vor 80 Jahren in Dresden geboren. Seit 1965 lebt er in Berlin. Seine Biografie ist durch die Widersprüche des 20. Jahrhunderts geprägt. Das spiegelt sich in seinem Werk. Im Wintersemester 1999/2000 erhielt er die Brüder-Grimm-Professur an der Universität Kassel. Von 2006 bis 2010 war Volker Braun Direktor der Sektion Literatur der Berliner Akademie der Künste. Im Jahr 2000 erhielt er die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung, den Georg-Büchner-Preis.

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