Werte-Diskussion

Für ein Davos der Kultur

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Ein Börsenvereins-Podium zur Frage „Wen interessieren Werte?“

Manchmal reicht ein Tropfen und das Fass läuft über. Fast so hat es Jagoda Marinic erlebt. Ihr Aufruf „Es ist Zeit“ sollte nach der Europawahl Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager beim „Posten-Gerangel“ unterstützen. Marinic forderte zusammen mit weiteren Schriftstellerinnen mehr weibliche Führungskräfte für die EU und hatte zu ihrer eigenen Überraschung Wirkung. Von Vestager folgte eine Einladung nach Berlin als Zeichen der Wahrnehmung und Anerkennung.

Ähnliches hat Alexander Skipis erfahren. Als einer der Ersten stand der Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zusammen mit Ilja Trojanow vor den Gefängnismauern in Istanbul, um gegen die Inhaftierung von Deniz Yücel zu protestieren. Es folgte die Online-Petition #FreeWordsTurkey, die in wenigen Tagen 140 000 Unterstützer fand. Auch durch diesen öffentlichen Druck gelang es schließlich, den Autor zu befreien.

Dennoch bleibt Skipis skeptisch. Zu oft verraten Politiker, die eine Demokratie vertreten, seiner Meinung nach aus Rücksicht auf ökonomische und geopolitische Interessen ihre Werte. „Wir sind der Staat“, erklärt er bei einer Diskussion über die Frage „Wen interessieren Werte? Zur Relevanz der Kultur in politischen Entscheidungen“, zu der der Börsenverein in die Kammerspiele Frankfurt eingeladen hatte. Jeder müsse am eigenen Arbeitsplatz für Meinungsfreiheit eintreten, fordert Skipis. Sein eigenes Umfeld hat er bereits erkennbar geprägt. Der Kampf um Meinungsfreiheit – ein Kernthema auf den Podien der Frankfurter Buchmesse – ist nicht nur eine geschickt getarnte Marketing-Initiative.

Die Kultur könne jedoch noch mehr tun, fordert Skipis und schlägt vor, analog zum Gipfel der Ökonomen ein „Davos der Kultur“ zu organisieren, um der Stimme der Intellektuellen mehr Reichweite und Effizienz zu verleihen. Jagoda Marinic, die mit Skipis in dem von FR-Chefredakteurin Bascha Mika moderierten Gespräch auf dem Podium sitzt, ist irritiert. Diesen auf elitären Glanz ausgerichteten Davos-Wirbel hält sie zunächst eher für kontraproduktiv.

Haltung müsse vielmehr, so ihre Erfahrung, durch konkrete Maßnahmen hinterlegt werden. Im Jahr 2015 habe es in Heidelberg für die Arbeit mit Flüchtlingen keine zusätzliche von Bund und Land finanzierte Stelle in der Stadtverwaltung gegeben. In den 90ern, als Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland kamen, seien in den Kommunen neue Stellen geschaffen worden. Heute werde Hilfe durch Outsourcing-Verträge aufgelöst und so der kommunalen Kontrolle entzogen.

Auch wenn die Frage, wie Werte zu vertreten seien, im Detail offenbleibt, ist man in einem Punkt jedoch einig: „Die größte Bedrohung der eigenen Werte ist unsere eigene Untätigkeit.“ Delegieren geht nicht, meint Skipis. „Die Verantwortung erwächst aus dem eigenen Können.“

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