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Er war auch mit Hosenträgern sexy.
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Er war auch mit Hosenträgern sexy.

75. Geburtstag

David Bowie: Ungebrochene Faszination

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  • Sandra Danicke
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  • Boris Halva
    Boris Halva
  • Stephan Hebel
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  • Tanja Kokoska
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  • Harry Nutt
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  • Christina Mohr

Am 8. Januar 2022 wäre David Bowie 75 Jahre alt geworden. FR-Autorinnen und -Autoren über Momente, Songs, Konzerte, die in Erinnerung geblieben sind.

Sound und Vision: Ein Best-Of-Abend mit dem Thin White Duke und Mutter.

Eigentlich war (und ist!) meine Mutter ja der größere Bowie-Fan, dementsprechend skeptisch war ich, als sie mir anno 1990 zwei Tickets für das Frankfurter Konzert der „Sound and Vision“-Tour unter die Nase hielt. War das denn nicht nur so eine Greatest-Hits-Abzocke, also quasi künstlerischer Bankrott? Gefällige Erfolgssongs wie „Let’s Dance“ und „Tonight“ für ein gesetztes Mainstream-Publikum? Andererseits hatte ich meine Mutter auch schon zu Bob Dylan begleitet, und mit Bowies Musik konnte ich nun doch mehr anfangen als mit den lustlos runtergenudelten Klassikern des damals noch nicht nobelpreisgekrönten Folkpoeten. Also ab in die Festhalle – und wie begeistert ich vom ersten Ton von „Space Oddity“ bis zum letzten von „The Jean Genie“ war!

Natürlich war das hier ein Best-Of-Abend, aber eben einer vom Thin White Duke, den Mama und ich dank Plätzen auf dem Rang (was ich auch zunächst blöd fand – man muss doch ins Getümmel!) bestens in Augenschein nehmen konnten, ebenso wie die vielen ohnmächtig gewordenen Fans, die über die Köpfe der Umstehenden an den Rand des Hallengeschehens gereicht wurden. Bowie trat mit einer kleinen, aber hervorragenden Band auf, mit Adrian Belew an der Gitarre, was meiner Mutter wiederum schnurz war. Sie hatte nur Augen und Ohren für Bowie und jubelte wie ein Teenie. Im Spätsommer desselben Jahres fuhr ich mit Freunden sogar auf ein Festival (Schüttorf, of all places), um Bowie nochmal zu sehen – aber ohne meine Mutter wollte keine rechte Stimmung aufkommen. (Christina Mohr)

Space Oddity: Bunte Identitätsspiele, spacige Weltflucht und sexuelle Unbestimmtheit

Warum Bowie? Vielleicht vermag das Soundarrangement von „Space Oddity“ aus dem Jahr 1969 Auskunft zu geben. Lässt man das futuristische Gedöns – Countdown, sphärische Klänge etc. – einmal beiseite, dann bleibt da dieser folk-lastige Gitarrenanschlag, der das Stück irgendwie erdet.

David Bowie, sollte das wohl sagen, bewegt sich zwischen den Welten und Stilen. Die Modernität von „Space Oddity“, das natürlich auf Stanley Kubricks Film „2001 Odyssee im Weltraum“ anspielt, besteht aus dieser bis dahin kaum erprobten Form von Zitatpop, die Bowie für einige Zeit auch performativ erprobte – grellbunte Identitätsspiele, spacige Weltflucht und sexuelle Unbestimmtheit. Wir müssen hier raus, hallte es aus den Tagen der Street Fighting Men nach, und David Bowie wusste da einen Weg.

Warum Bowie? Das flüstere ich schon lange vor mich hin, und die vollständige Frage dazu müsste lauten: Wie hat er es nur ohne ausgewiesene musikalische oder dichterische Meisterschaft zu dieser postumen Verehrung bringen können?

Bowies Ruhm wuchs mit der Zeit, die erst vergehen musste, um über dessen Verwandlungslust nicht die Nase zu rümpfen, sondern diese als Gesamtkunstwerk aus Design, Schneiderkunst und musikalischer Kombinatorik betrachten und hören zu können. Von entflammter Aktualität war er also nicht, weil er reaktionsschnell die Raumfahrt in den Rock holte, sondern diese gewissermaßen philosophisch als Hinausgeworfenheit in das Nichts zelebrierte.

Und am Ende dieses Strebens nach radikaler Gegenwärtigkeit findet sich ein Alterswerk, das unruhig suchend und gravitätisch zugleich ist. (Harry Nutt)

Mit Kajal und Haargel.

Major Tom: Irgendwas mit Raumfahrt auf Englisch

Zur Entlastung meines Mitschülers muss zunächst Folgendes gesagt werden: Unser Englischlehrer hatte seine Sprachkenntnisse noch zu einer Zeit erworben, in der sich der direkte Kontakt mit Menschen anderer Zunge meistens auf das Betätigen von Waffen aller Art beschränkte. Die Aussprache, die er an uns weitergab, war entsprechend.

Es geschah in einer Frankfurter Straßenbahn der Linie 9, kurz vor der Kurve, in der wir die Schiebetüren des Waggons zu öffnen und abzuspringen pflegten, was den Fußweg nach Hause erheblich verkürzte. Und bevor jemand nachfragt: Ja, es gab noch Straßenbahnen mit von Hand zu betätigenden Schiebetüren, als David Bowie schon öffentlich sang. Und ja, ich habe damals schon gelebt (aber noch nicht, als mein Englischlehrer Englisch lernte!).

Ich dachte, mein Mitschüler hätte „Uwe“ gerufen, aber Uwe war gar nicht da. Mein Mitschüler erläuterte, er habe eine ganz neue Musik gehört, und zwar von „Dewid Buwie“. Irgendwas mit Raumfahrt. Das gefiel mir, es waren die Jahre rund um die erste Landung eines Menschen auf dem Mond. So lernte ich bald „Space Oddity“ kennen, und das erste und einzige, was ich als bekennender Pop-Banause je mit Bowie verband, war Major Tom.

Das Lied klang sogar noch besser als eine quietschend in die Kurve schleichende Straßenbahn der Linie 9. (Stephan Hebel)

Young Americans: Der Sound! Der Look! Die Stimme!

Es war purer Zufall, dass mir dieses Album auf dem Flohmarkt in die Hände fiel. Ich war 13 Jahre alt, und kannte David Bowie erst seit ein paar Tagen. Meine Freundin und ich hatten aus einer Laune heraus beschlossen, Karten für ein David-Bowie-Konzert zu kaufen, einfach, weil der Typ so gut aussah, die Musik kannten wir gar nicht. Ich weiß noch, dass die Karte zur „Serious-Moonlight-Tour“ 36 Mark gekostet hat, also unfassbar viel. Egal. Wir gingen ins Waldstadion und waren elektrisiert. Jetzt mussten natürlich die Platten her.

Ich nahm, was günstig im Angebot war: „Rare“ – mit einer italienischen Version von „Space Oddity“ – und „Young Americans“ von 1975 – eine Platte, die auf jede nur denkbare Weise untypisch war. Nie wieder davor und danach hat Bowie ein Soul-Album herausgebracht, weshalb dieses wie ein glänzender Solitär auf einem imaginären Sockel steht. An dieser Platte – die Bowie teilweise mit John Lennon eingespielt hat, den er zuvor auf einer Party von Elizabeth Taylor kennengelernt hatte – stimmt einfach alles: der Sound, die Stimme - und der irritierende Look mit Goldarmreif auf dem Cover.

Wie jedes gute Soulalbum ist es anspruchsvoll, ohne sperrig, schmissig, ohne banal zu sein. Die Funk-Elemente wirken wie nebenbei. Und seltsamerweise fällt es gar nicht auf, dass Bowie überhaupt kein samtig-warmes Soul-Organ hat. (Sandra Danicke)

Heroes: Einer der größten Songs, die je geschrieben wurden

Es ist zu schade, dass David Bowie nie bei James Corden eingestiegen ist. In „The Late Late Show“ im US-Fernsehen lädt Corden Stars zum „Carpool-Karaoke“ ein, kurz gesagt: Er fährt mit ihnen Auto, und sie singen gemeinsam die größten Hits des jeweiligen Gastes.

Klingt irgendwie doof, ist natürlich voll inszeniert, aber oft wirklich sehr lustig. Alle waren schon dabei: Madonna, die Streisand, Paul McCartney, Stevie Wonder, alles nachzusehen auf Youtube.

Coldplay-Sänger Chris Martin saß im Februar 2016 auf dem Beifahrersitz. Wenige Wochen zuvor, am 10. Januar, war David Bowie gestorben. Ihm zu Ehren spielte Martin auf einem mitgebrachten Mini-Keyboard „Heroes“, einen der größten Songs von Bowie, ach was, einen der größten Songs, die je geschrieben wurden. Bowie nahm ihn im Sommer 1977 in Berlin auf, in einem Tonstudio ganz in der Nähe der Mauer. Dort hatte er ein junges Paar beim Knutschen beobachtet. In einem Interview sagte er später: „Ich dachte, von all den Orten, an denen man sich in Berlin treffen kann, warum sucht man sich da ausgerechnet eine Bank unter einem Wachturm an der Mauer aus?“

David Bowie hat, natürlich, immer ein Gespür für genau solche Brüche und Widersprüchlichkeiten des Lebens gehabt. Er hat sie seziert, gelebt und in unvergesslich schöne Zeilen gegossen. „We can be heroes just for one day.“ Wir können Helden sein, nur für einen Tag. Was wäre das für ein Spaß geworden, David Bowie bei „Carpool-Karaoke“ von seiner selbstironischen Seite zu sehen.

Das fehlt. Er fehlt. Dieser Held aller Tage. (Tanja Kokoska)

Changes: Weise Worte

Ob weit draußen, in den Tiefen des Weltalls, oder tief drinnen, wo die Seele des Menschen am Dunkelsten ist – David Bowie war dort. Ein Reisender durch Raum und Zeit, der die kleinen Wunder sah und sich den großen Fragen stellte. Irritiert hat er mich, immer wieder. Wer ist dieser Ziggy Stardust? Wem hat dieses Paradiesvogel-Wesen da auf dem Sofa eigentlich die Welt verkauft? Und was soll diese Föhnwelle, dieser Trenchcoat und dieser Tanz mit Mick Jagger in den Straßen?

Heute weiß ich: Gerade weil er mich immer wieder so durcheinander brachte, hat mich David Bowie fasziniert. Und mit jedem Jahr, das verging, immer tiefer berührt. „Time may change me, but I can’t trace time“, singt er in „Changes“. Und auch wenn ich erst im Herbst weinend in der Küche stand, weil „Heroes“ im Radio lief, genau in dem Moment, in dem ich froh war, dass die Liebe meines Lebens immer noch hält; auch wenn ich leidenschaftlicher zu „Sufragette City“ oder „Moonage Daydream“ tanze, Freitagnacht im Wohnzimmer (manchmal tut so was einfach gut), so finde ich mich heute, mit Mitte Vierzig, in diesen Zeilen von „Changes“ wieder. Weil ich fühle, wie mich die Zeit verändert hat, auch wenn ich nicht erklären kann, wie sie das gemacht hat. Ich weiß heute, dass die Realität nie so süß schmeckt wie der Traum, der mich hierher gebracht hat. Und dass wir es trotz allem so machen sollten wie die Zeit: Weitergehen. Immer weiter. Uns mit ihr verändern, von ihr verändern lassen. Und uns – wie Bowie in „Changes“ – von Zeit zu Zeit umdrehen, um zu sehen, wer wir schon waren und was wir alles gemacht haben. Ganz gleich, wie seltsam und verrückt es anmuten mag. (Boris Halva)

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