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Die afrikanische Linie - Fotos im Haus der Obamas inKogelo, Kenia. In der Mitte: Barack Obama senior.

Sprung in der Geschichte

Es dauerte und ist doch passiert

Nicht zu vergessen: Der neue US-Präsident gewann auch da, wo 1961 "gemischte Ehen" noch verboten waren. Von Niall Ferguson

Von Niall Ferguson

Es gibt Momente - wie den Fall der Berliner Mauer oder die Freilassung Nelson Mandelas -, da macht die Geschichte einen Sprung, und das Herz schlägt höher. Nur wenige Tage vor dem geschichtsträchtigen Wahlsieg Barack Obamas schickte mir ein New Yorker Freund das wunderbar passende Lied "A Change Is Gonna Come" von Sam Cooke, Soul-Sänger der 1960er Jahre:

I was born by the river in a little tent

And just like the river I've been

running ever since.

It's been a long, a long time

comin'

But I know a change is gonna

come, oh yes it will.

Als ich diese von Cooke so herzergreifend gesungenen Zeilen hörte, merkte ich, dass mir die Tränen über die Wangen flossen ...

Als ich 1981 nach Amerika kam, war Rassismus alltäglich. In den härteren Vierteln von New York waren die Schikanen gegen schwarze Jugendliche durch irischstämmige Polizisten fast schon Routine. Das Wort "Nigger" wurde von vielen weißen Südstaatlern immer noch offen verwendet. Im Fernsehen traten schwarze Schauspieler vornehmlich als Spaßmacher oder Kriminelle auf (man erinnere sich an die peinliche Figur des Huggy Bear aus "Starsky & Hutch"). Hätte mir damals jemand erzählt, dass im Jahre 2008 ein Schwarzer Präsident werden würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt oder angenommen, er hätte zu viel von Huggy Bears Drogen konsumiert.

Nach Obamas bewegender Siegesrede in Chicago aber scheinen die Worte aus der Unabhängigkeitserklärung endlich wahr geworden: "Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind."

Natürlich war Thomas Jefferson, als er diese unsterblichen Zeilen schrieb, selbst Sklavenhalter. Von den etwa 200 Sklaven, die er besaß, entließ er nur sieben in die Freiheit. Als die rebellischen Kolonisten ihr gottgegebenes Recht auf Freiheit erklärten, bestand ein Fünftel der Bevölkerung der neuen Republik aus Sklaven afrikanischer Herkunft. Die Sklaverei wurde oft als die Erbsünde der USA bezeichnet. In seiner Autobiographie, die in Auszügen an seinem Denkmal in Washington D.C. zu lesen ist, scheint Jefferson diese "eigentümliche Institution" des Südens zu verurteilen. "Es steht außer Frage, dass diese Menschen eines Tages frei sein werden." Aber er fügte noch hinzu - und das haben die Bildhauer bei der Gestaltung des Denkmals geflissentlich ausgelassen -, dass "es zwischen den beiden Rassen eine unüberwindbare Verschiedenheit" gebe.

Obama ist nicht nur schwarz

Was diese "unüberwindbare Verschiedenheit" wirklich bedeutete, wurde mir vor Augen geführt, als ich vor wenigen Wochen in Stratford, Virginia die Geburtsstätte von Robert E. Lee besuchte, dem bedeutendsten General der Konföderierten während des Bürgerkrieges. Heute ist die Plantage von Lee ein ergreifend einfaches Mahnmal der bedrückenden Verhältnisse in den Südstaaten: auf der einen Seite das große Herrenhaus, in dem die Familie Lee residierte, auf der anderen die primitiven Hütten für die Sklaven.

Der Sieg der Nordstaaten führte zwar zur Abschaffung der Sklaverei, aber er beendete nicht die juristische Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung. So waren bis 1945 gemischte Ehen in 30 Staaten verboten. Dieses Verbot fand sich in den Gesetzbüchern von immerhin noch 16 Staaten, als es der Oberste Gerichtshof 1967 generell abschaffte.

Barack Obama wird gemeinhin als "schwarz" oder als "Afroamerikaner" bezeichnet. Das unterschlägt aber seine wahre historische Bedeutung. Er selbst ging aus einer gemischten Ehe zwischen einer weißen Amerikanerin und einem Kenianer hervor. Diese Tatsache ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass 1961 solche Ehen in einem Drittel der Bundesstaaten gesetzeswidrig waren - darunter einige der Staaten, die Obama diese Woche zum Sieg verholfen haben.

Vier Jahrzehnte scheinen keine lange Zeit zu sein, aber Amerika ist in nur vierzig Jahren von der Ermordung Martin Luther Kings zum Obama-Fieber gekommen. Und das ist Grund zum Jubel.

Es waren jedoch nicht nur diese historischen Gründe, die mich in den letzten sechs Monaten bewogen haben, zu Obama überzulaufen. Kurz nachdem er seinen Wahlkampf-Marathon vor fast zwei Jahren begonnen hatte, trat ich in John McCains Stab eine Stelle als Berater für Außenpolitik an. Damals hielt ich ihn für den idealen Kandidaten. Angesichts der terroristischen Bedrohung für die Vereinigten Staaten und der Kriege, in die das Land verwickelt war, schien er mir mit seinem militärischen Hintergrund und seiner mutigen Rechtschaffenheit für das Amt gut geeignet.

Wenn die nationale Sicherheit das große Wahlthema geblieben wäre, hätte ich vielleicht nicht gewechselt. Aber wenn sich die Sachlage ändert, muss man auch bereit sein, seinen Standpunkt zu ändern. Und die Sachlage änderte sich dramatisch, als die Finanzkrise, die bereits im vergangenen Jahr auf dem Hypotheken-Sektor begann, sich im Herbst dieses Jahres zu einer ausgewachsenen Panik entwickelte.

Seine erste Bewährungsprobe

Wirtschaftslehre, entschlüpfte es John McCain einmal, sei nicht seine Stärke. Es stellte sich heraus, dass seine Partei auch nicht mehr davon verstand. Amerika steckt in der schwersten Finanzkrise seit den 1970ern, vielleicht sogar seit den 1930ern, und jetzt sind ganz andere Fähigkeiten gefragt als die von McCain propagierten.

Während McCain impulsiv und aufbrausend war, zeigte sich Obama gelassen und ruhig. Und während McCain mit der Nominierung des politischen Fliegengewichts Sarah Palin einen fatalen Fehler beging, war sein Gegner auf alles gefasst.

Je nervöser McCain wurde, desto konzentrierter und ausgewogener erschien Obama. In einer solchen Krise muss ein Präsident drei Bedingungen erfüllen. Erstens: eine Amtsantrittsrede, die mindestens so beflügelnd wirkt wie die von Franklin Roosevelt 1933. Zweitens: ein ruhiges Temperament, das auch unter großem Druck nicht aufbraust. Und drittens: eine disziplinierte, konzentrierte Herangehensweise, so dass die neue Administration nicht in den ersten hundert Tagen bereits alles verpfuscht, wie es Bill Clinton 1993 widerfuhr. Im Wahlkampf hat Obama mit mitreißender Rhetorik, außergewöhnlicher Selbstbeherrschung und perfekter Organisation gezeigt, dass er diese Bedingungen erfüllt. McCain ist auf der Strecke geblieben.

Schuldenberg: zwölf Milliarden

Die Tragödie - und man kann es wirklich als solche bezeichnen - besteht natürlich darin, dass der erste schwarze Präsident gleich vor einem derartigen wirtschaftlichen Chaos steht. Obamas Wahlkampfversprechen von Steuersenkungen und mehr Staatsausgaben waren zwar bescheidener als die von McCain (auch hier profilierte sich Obama vor seinem Gegner), aber die Realität sieht doch so aus, dass ihm in den nächsten vier Jahren keine Milliarde Dollar mehr zur Verfügung stehen wird. Denn dieses Geld wurde von Finanzminister Paulson schon ausgegeben für das größte Sanierungsprogramm aller Zeiten, um den Sturz des Bankensystems zu verhindern. Wenn man alle Maßnahmen, die in den letzten vierzehn Monaten vom Finanzministerium und der Federal Reserve ergriffen wurden, zusammenzählt, kommt man auf einen Schuldenberg der Regierung, der von 7,5 auf fast 12 Milliarden angewachsen ist.

Man hört jetzt schon Rufe von jubelnden Demokraten nach noch mehr Staatsinvestitionen - was auf noch mehr Schulden hinausliefe. Die erste schwere Aufgabe des neuen Präsidenten wird darin bestehen, einen Finanzminister zu finden, der stark genug ist, dem Druck zu widerstehen. Denn wenn Obama nachgibt, wird man sich auf dem internationalen Wertpapiermarkt bald fragen, ob US-Staatsanleihen wirklich eine so sichere Investition darstellen. Wenn hier Zweifel aufkommen, könnte das fatale Folgen haben.

Die Geister vergangener amerikanischer Größen haben mit Staunen auf Obamas Rede in Chicago herab gesehen. Nicht nur Jefferson und Martin Luther King, sondern auch Lincoln, die Kennedy-Brüder und Franklin Roosevelt schauten zu. Sie werden sich gefragt haben, wie das Schicksal so grausam sein konnte, den ersten schwarzen Präsidenten mit einer Wirtschaftskrise zu konfrontieren, die sich vielleicht zu einer zweiten Großen Depression auswachsen könnte.

Niall Ferguson ist britischer Historiker und Professor in Harvard. Gerade ist bei Penguin sein neues Buch "The Ascent of Money: A Financial History of the World" erschienen. Unseren Text übersetzte Andrian Widmann.

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