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Die Eltern von Rasha Habbal.

Weiter schreiben

Dass jede Zeit für einen Anfang passend ist

Wie erzähle ich einer Unbekannten, wer ich bin? Die syrische Schriftstellerin Rasha Habbal schreibt einer kroatischen Kollegin.

Liebe Ivana,

ich sitze alleine im Garten und schreibe diesen Brief an Dich. Ich weiß nicht, wie ich ihn überhaupt anfangen soll. Es ist schwieriger, als ich dachte, an eine Unbekannte zu schreiben.

Der Himmel ist mit Wolken überzogen. Der lange über uns zögernde Regen fasste einen Entschluss und machte sich davon. Es war einer dieser flüchtigen Schauer, die gerade noch für eine sommerliche Dusche für die vielen kleinen Vögel, unsere Nachbarn aus dem Viertel, reichen. Ein Lied singend, trocknen sie sich jetzt die Federn mit Handtüchern aus Sonnenstrahlen. Zwitschernde Reigen umgeben mich, um die schwarzen Ameisen meiner verworrenen Gedanken aufzupicken.

Ohne nachzudenken greife ich zum Handy, um Musik zu hören und mich so in meine Stille versenken zu können. Warum aber soll ich nicht den Worten, die ich sagen möchte, eine Stimme geben, statt sie still in meinem Kopf zu behalten? Keine Ahnung! So tue ich es nun immer, wenn ich schreiben, lernen oder einfach mal weg sein möchte. Ich setze die Kopfhörer auf und drehe die Musik laut. Ich ziehe mich aus Zeit und Raum zurück und schleiche mich in meinen eigenen stillen Raum hinein.

Sogar die Musik und die Liedtexte höre ich nach einer Weile nicht mehr. Sie werden zu bloßen Worten und Noten, die schützend um meine Stille herumschweben. Ähnlich wie bei dem Raum der Stille am Brandenburger Tor ziehen sie mich aus dem Lärm und der Menschenmenge fort an einen Ort, wo ich mich selbst hören kann: Wie ich Speichel schlucke, wie sich meine Lungen öffnen, wie mein Atem vor meinem Gesicht ein Knistern verursacht. Hattest Du schon die Möglichkeit, den Raum der Stille zu besuchen?

Während der letzten zwei Jahre habe ich versucht, das voranschreitende Durcheinander in meiner Seele aufzuräumen. Alles, was sich auf ihrem Rücken anhäufte, loszuwerden. Die Angst – die treueste Begleiterin. Die klebrigen Flecken der seltsamen Wege des Lebens und der Schicksale. Ohne eine klare Idee davon zu haben, wo ich anfangen und wie genau ich durch mein Gedächtnis wandern soll, gehe ich los. Ein Gedanke treibt mich nach vorne: Alle Türen zu öffnen.

Als erstes öffne ich die Tür unseres alten Hauses. Es ist das letzte Haus, in dem wir als Familie glücklich zusammen gewohnt haben. Ich sprach über das Thema mit meiner Mutter. Daraufhin schickte sie mir ein paar Bilder, darunter auch dieses.

Auf dem Bild ist mein Vater zu sehen: Der erste gut aussehende Mann in meinem Leben, der erste, der mit meinen Haaren spielte, mir Gedichte vorlas und mich „die schöne Gazelle“ nannte. Denn „Rasha“ bedeutet auf Arabisch „junge Gazelle“ – ein im Wald spielender Name. Er zerrieb für mich die trockenen Tage zwischen seinen Handflächen, als ob sie nicht mehr als getrocknete Minzblätter wären. Der Mann, der als erster mit mir getanzt hat. Der erste, der vor meinen Augen geweint und gelitten hat, der harsch reagiert, anderen Unrecht getan und Unrecht erlitten hat. Der die aufreibenden Tage unseretwegen schnell vorüberziehen lässt.

Auch meine Mutter ist dabei: Mein Herz verneigt sich vor ihrer Schönheit. Die anziehendste Frau, die ich je gesehen habe. In ihren Kleiderschränken und Schubladen, zwischen den Nachthemden und der Unterwäsche machte ich meine ersten Schritte in der Erforschung der Frauenwelt, die mich bis heute fasziniert. Ich probierte ihre Schuhe und Kleider genauso aus wie ihre Geschichten und Gesichtszüge und spazierte damit herum. Von ihr alleine habe ich gelernt, dass Tanzen und laute Musik keinen Anlass benötigen. Sie tanzte und hörte Musik beim Bügeln, Putzen, Kochen, Autofahren, auf Feiern oder wenn sie weinen wollte.

(W)Ortswechsel

„(W)Ortwechsel“ heißt das neue Projekt von „Weiter Schreiben“, einem Forum mehrerer Frauen aus dem Literaturbereich, das darauf zielt, an neuen Orten auch das literarische Arbeiten zu ermöglichen. Seit 2017 die Schriftstellerin Annika Reich begann, geflüchtete und schon länger oder immer in Deutschland lebende Autorinnen und Autoren zusammenzubringen, wachsen die Formen des Austauschs. Sie haben sich getroffen, an Texten gearbeitet und ein Magazin herausgebracht. www.weiterschreiben.jetzt

Bei den im April gestarteten „(W)Ortwechseln“ schreiben sich sieben Paare Briefe, Mails, Postkarten, Kurznachrichten. Die einander vorher nicht oder kaum bekannten Schreibenden kommen aus Syrien, Irak, Iran, Kroatien, Georgien, Russland und Deutschland. Sie erzählen einander von ihren Leben, von ihren Herkunftsländern. Wir präsentieren hier den ersten Brief der syrischen Schriftstellerin Rasha Habbal an die kroatische Kollegin Ivana Sajko, deren Antwort folgt.

Rasha Habbal, 1982 in Hama geboren, veröffentlicht vor allem Lyrik, darunter 2014 den arabischen Band „Wenig von dir ... Viel vom Salz“. Habbal erhielt 2018 als erste Autorin das Stipendium Torschreiber am Pariser Platz/Berlin. Derzeit lebt sie in Trier.

Sie fand jeden Tag immer neue Gründe zu leben.

Mit dem Hochmut einer nie zu befriedigenden Hauptstädterin brachte mir diese gebürtige Damaszenerin bei, dass das Unmögliche nur ein Trugbild ist. Dass jede Zeit für einen neuen Anfang passend ist. Mich erstaunte, wie sie jeden Tag immer neue Gründe zu leben fand, Pläne schmiedete und Träume webte, für die man noch zehn zusätzliche Leben gebraucht hätte. Wir verkörpern ihre alten Pläne, die nicht ganz aufgegangen sind. Sie wurde nie müde, wieder ganz von vorne anzufangen. Deswegen ist ihr ganzes Leben ein ewiges Möglichsein.

Natürlich haben sie auch viele Seiten, die ich nicht mag. In diesem Moment gibt es aber für diese keinen Platz zwischen ihren Gesichtern.

Ich habe die klaren Züge meines Vaters und das auffällige Gesicht meiner Mutter. Ich sehe mich selbst auf diesem Bild, als ob ich ein zusammengebasteltes Abbild ihrer beider wäre. Ich entstamme ihnen beiden, bin das Ergebnis einer Chemie des Begehrens, der Liebe, des Willens, des Vertrauens, der revolutionären Lieder und des Glaubens an Gerechtigkeit im Leben, der solange noch stark bleibt, bis der Sturm der Tatsachen hereinbricht.

Während ich schreibe, werde ich zunehmend besorgt. Auf diese Weise komme ich nur in Teufels Küche. Ehrlich gesagt habe ich keine Kraft für Diskussionen und endlosen Streit mit meiner Mutter, für ihre Tränen. Ich schreibe, ohne nachzudenken. Musik schwebt um meine Stille herum und ich höre nichts außer ihr.

Ich habe einen Guinness-Rekord verdient für die kürzeste Zeit, in der man sich Ärger einhandelt. Keine Ahnung, woher ich den Mut nahm, mit dem ich die Angst vor der Veröffentlichung dieses Bildes verjagte. Meine Eltern haben mir nie klar verboten, ihre gemeinsamen Bilder zu zeigen. Es war vielmehr dieses Gefühl, das mich schon seit 24 Jahren begleitet. Das Gefühl, dass ich sie nicht an einem Ort zusammenbringen kann, nicht mal auf einem Bild.

Ihre jeweiligen Leben haben sich nach der Scheidung so entwickelt, wie es zu ihnen passt. Beide kehrten zu ihren ursprünglichen Bildern zurück, ohne mich jemals nach meiner Meinung zu fragen. Und obwohl ich mein ganzes Leben lang die Konsequenzen davon tragen musste, möchte ich als Rasha, ihre Tochter, sagen: Ich mag ihre ursprünglichen Bilder. In ihrem gemeinsamen Leben fehlte etwas. Nachdem sie sich getrennt hatten, habe ich mich an den so entstandenen Mangel gewöhnt, und so wurde das Bild vollkommen.

Rasha Habbal.

Seit ich 14 bin, in dem Jahr, in dem sich mein Leben unwiderruflich verändert hat und sich von nun an zwischen zwei Polen erstreckt, stehen ihre Namen nebeneinander auf meinem Ausweis. Dieser Ausweis ist der letzte Ort, wo wir uns ohne Streit und Lärm getroffen haben. Jedes Mal, wenn ich beweisen möchte, wer ich bin, muss ich sie beide nebeneinander zeigen.

Warum soll ich mir Sorgen machen, wenn ich ein gemeinsames Bild von ihnen zeigen möchte? Ist es nicht mein gutes Recht? Darf ich das von meinem Gedächtnis nicht erwarten?

Liebe Grüße,

Rasha, Trier, 15.06.2020

Aus dem Arabischen von Filip Kazmierczak

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