1. Startseite
  2. Kultur

Bis dass der Flop euch scheidet

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Pärchen-Testerin: ARD-Moderatorin Kim Fisher.
Die Pärchen-Testerin: ARD-Moderatorin Kim Fisher. © HR

Im Ausland boomen Heiratsshows. Jetzt lässt die ARD „Das Hochzeitsschiff“ vom Stapel. Die Sieger können sich gleich an Bord vom Kapitän trauen lassen.

Von Peer Schader

Erinnern Sie sich noch an Bobby Flitter? Den Mann im Glitzeranzug, der in Michael Schanzes Samstagabendshow „Flitterabend“ die Trostpreise auf die Bühne brachte? Ab Ende der Achtziger gehörte die Sendung, in der frisch verheiratete Pärchen um einen Urlaubsreise spielten, zu den erfolgreichsten Shows der ARD. Als der aufstrebende Privatsender RTL plus 1992 Linda de Mol mit „Traumhochzeit“ ins Programm holte, waren zeitweise bis zu zehnMillionen Zuschauer dabei.

Beide Sendungen sind längst Fernsehgeschichte. Mit ihnen ist auch das Genre der Hochzeitsshow verschwunden. Der Versuch der Neuauflage der „Traumhochzeit“ im ZDF vor drei Jahren blieb erfolglos. Doch jetzt ist die ARD wieder an der Reihe: In „Das Hochzeitsschiff“ lässt Moderatorin Kim Fisher vier Paare antreten, die auf ihre „Ehetauglichkeit“ geprüft werden sollen – indem sie auf einer Mittelmeerkreuzfahrt Spiele spielen. Dazu können sich die Sieger gleich an Bord vom Kapitän trauen lassen. „Wir gucken noch einmal auf den letzten Metern, ob das Heiraten wirklich eine gute Idee ist“, erklärt Fisher das Konzept der vom HR produzierten Show. Und wenn nicht? Dann können die Betroffenen ja flugs über Bord springen.

Gemeinsam Rudern, Kochen, Durch-die-Stadt-Lotsen und Hochzeitswalzer lernen – Zuschauer aus Großbritannien und den USA können über solche Belastungsproben bloß lachen. In beiden Ländern ist das Hochzeitsthema im Fernsehen gerade äußerst beliebt – allerdings in echten Extremvarianten. In der Show „Bridalplasty“ des amerikanischen Senders E! gibt es zwar ähnlich simple Spielchen, bei denen sich zwölf zukünftige Bräute beweisen müssen: Hochzeitsreden schreiben, Blumenbouquets binden und Kamasutrastellungen mit Dummypuppen einüben. Die Gewinnerin kämpft allerdings nicht um eine Traumreise, sondern um eine selbst ausgesuchte Schönheitsoperation, die sofort vollzogen wird – jede Woche aufs Neue. Je öfter eine Braut gewinnt, desto öfter kann sie sich operieren lassen. Der Verlobte wird mit verbundenen Augen zum Lügendetektortest gebeten, der in der Blamage endet. Die Empörung über „Bridalplasty“ war groß, in US-Medien wurde die Show als „Reality-Apokalypse“ bezeichnet. Die Quoten waren miserabel, am Wochenende lief die letzte Folge.

Beim britischen Channel 4 können sich Paare mit sehr speziellen Wünschen innerhalb weniger Stunden ihre Traumhochzeit organisieren lassen – ohne dass vorher jemand an ihnen herumschnippelt. Das ist auch gar nicht nötig: Die Trauungen im „Wedding House“ sind auch so schon kurios genug. Eine Braut hat seit ihrer Kindheit davon geträumt, als Alice im Wunderland zu heiraten und die Verwandtschaft gezwungen, sich als Figuren aus dem Lewis-Carroll-Roman zu verkleiden. Auf den ersten Blick ist auch „My Big Fat Gypsy Wedding“ kurios, ebenfalls bei Channel 4 im Programm. Die Dokunovela erklärt ausführlich die Hochzeits-Traditionen der Sinti und Roma: Mädchen heiraten früh, sparen teilweise schon seit ihrer Kindheit für das Fest und übertrumpfen sich mit Brautkleidern, die so pompös und wuchtig sind, dass sie damit nicht mehr allein die Treppe hinunterkommen – geschweige denn durch den Mittelgang in der Kirche.

Obwohl es in Großbritannien bereits zahlreiche Beschwerden über die Machart der Sendung hagelte, ist „My Big Fat Gypsy Wedding“ keine inszenierte Show, sondern versucht, zwischen Information und Dokusoap mit den Vorurteilen über die gesellschaftliche Minderheit aufzuräumen – mit dem etwas unglücklichen Ergebnis, selbst einige davon zu fördern. Alles dreht sich um Geschichte und Herkunft, Abschottung und Benachteiligung, aber eben auch darum, wer die meisten Pailetten aufs Kleid genäht bekommt. „Es sieht aus wie ein Berg“, staunt ein kleiner Junge, als er die Braut Stoff sieht. Bobby Flitter würde wohl weinen, wenn er bei solchen Hochzeitsshows zusehen müsste. Wie aus verlässlichen Quellen beim ehemaligen „Flitterabend“-Sender SWR zu erfahren ist, geht es ihm gut. Wahrscheinlich kann er kein ausländisches Fernsehen empfangen.

Das Hochzeitsschiff, 20.15 Uhr, ARD

Auch interessant

Kommentare