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„Das Teilen ist unsere Ressource“

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Von: Lisa Berins

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Bei der Documenta 15 geht es auch ganz viel um Gemeinsamkeit.
Bei der Documenta 15 geht es auch ganz viel um Gemeinsamkeit. © Swen Pförtner/dpa

Die Künstler Sean Leonard und Blue Curry vom Alice-Yard-Kollektiv über gegenseitige Hilfe und die Hoffnung nach weltweiter Kollaboration.

Alice Yard ist eines der ersten Kunstkollektive in der Karibik. Auf der Documenta hat sich das Kollektiv im WH22 (Werner-Hilpert-Straße 22) eingerichtet: Neben Ausstellungsflächen gibt es dort auch funktionale, mit mobilen Wänden voneinander getrennte Zimmer und eine Gemeinschaftsküche. In den kommenden 100 Tagen soll dort eine Wohngemeinschaft eingeladener Künstler:innen entstehen, in der Leben und Kunst ineinander übergehen. Ein Gespräch mit Alice-Yard-Gründer Sean Leonard und dem Künstler Blue Curry.

Was ist die Idee hinter dieser Künstler-WG?

Sean Leonard: Es geht um Kunst als Einheit aus Leben, Arbeiten und Ausstellen. Wir haben durch die flexiblen Trennwände einen Ort geschaffen, an dem die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler ihre Privatsphäre selbst bestimmen können. Um sie herum, auch im Korridor, können sie alles als Ausstellungsfläche nutzen.

Sie übernachten selbst im WH22. Wie schläft es sich in einem Ort, an dem es kürzlich einen Einbruch und Vandalismus gab? Im Stockwerk über Ihnen stellt das Kollektiv „The Question of Funding“ aus.

Leonard: Ich schlafe gut. In jeder Community gibt es Konflikte, das ist doch immer so. Wir sind hier, um zu teilen und uns auf unsere Projekte zu konzentrieren. Wir unterstützen Künstlerinnen und Künstler aus Trinidad und Tobago und wollen einen kreativen Freiraum schaffen, in dem es um Austausch und Kollaboration geht – auch mit anderen Kollektiven. Das Anliegen von Alice Yard ist es ja, durch die Bereitstellung von Räumen den Künstlerinnen und Künstlern zu helfen.

Sean Leonard
Sean Leonard © Lisa Berins

Wie sieht dieser Raum bei Ihnen zu Hause, in der Karibik, aus?

Leonard: Es gibt ein kleines Zentrum, drum herum leben die Stipendiat:innen, es gibt Studios und Workspaces und natürlich einen großen Garten. Die Architektur kann sich aber immer ändern, sie passt sich den Bedürfnissen der Künstler:innen an.

Blue Curry: Alice Yard ist in der Karibik der einzige Ort, an dem es Leute gibt, die verstehen, was zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler tun.

Wird Alice Yard von der Regierung in Trinidad und Tobago unterstützt?

Leonard: Nein, weder finanziell noch sonst in irgendeiner Form. Wir verfügen über kein Kapital, unser Wert ist das Netzwerk. Manchmal erhalten wir Spenden. Aber das kommt zugegebenermaßen eher selten vor.

Zu den Personen

Sean Leonard ist Architekt und einer von vier Gründern des Alice-Yard-Kollektivs, das 2006 als Netzwerk und Kunstraum in Port of Spain, der Hauptstadt von Trinidad und Tobago, entstanden ist. Der ursprüngliche Ort war der Garten hinter dem Haus von Alice Gittens, Leonards Urgroßmutter. 2020 zog das Kollektiv in ein größeres Gebäude im Viertel Belmont um. Ausstellungsorte des Kollektivs auf der Documenta sind neben dem WH22 auch in der Grimmwelt, das Trafohaus und weitere Orte im Außenraum.

Blue Curry stammt von den Bahamas und lebt in London. Er ist bis zum 2. Juli der erste von neun Künstler:innen, die während der Documenta ein Aufenthaltsstipendium von Alice Yard erhalten und im WH22 wohnen und arbeiten. Derzeit ist Currys Installation „Leisure Aesthetics“ zu sehen, in der er mit Andeutungen auf die Themen Exotismus und Tourismus spielt. beri

Wie wird man Stipendiat:in von Alice Yard?

Leonard: Es fängt eigentlich immer mit einem Gespräch an, es ist sehr informell. Und dann schauen wir, gibt es etwas, das man verbinden kann mit dem Kollektiv? Wenn nicht, dann sagen wir: Wollen wir uns später noch mal unterhalten?

Curry : Im Grunde ist das Kollektiv ja offen für alle: Leute, die schreiben, die Filme machen, die wie ich Kunst machen. Auf der Documenta hat Alice Yard noch einen weiteren Raum, der ganz spontan vergeben werden kann.

Was ist das Ziel Ihrer Arbeit auf der Documenta?

Blue Curry
Blue Curry © Lisa Berins

Leonard: Es wäre toll, das Prinzip des Teilens weltweit zu etablieren. Das Teilen ist ja unsere eigentliche Ressource. Wir haben, wie gesagt, kein Geld, das wir vergeben können, keine Instrumente, die wir zum Beispiel Musikerinnen oder Musikern anbieten können. Aber wir haben ein Netzwerk und können sagen, wir kennen jemanden in einem Tonstudio, dort fragen wir für dich nach. Wir hoffen, dass auf der Documenta weitere Kollaborationen mit Kollektiven auf der ganzen Welt entstehen. Das ist kein Ziel im Sinne von einem Ende der Arbeit, sondern alles ein Prozess.

Curry: Als Alice Yard, mit denen ich ja schon länger arbeite, zur Documenta eingeladen wurde, war da die Frage: Was kann eine solch kleine Organisation zu so einer großen Ausstellung beitragen? Aber Chris (Christopher Cozier, A. d. R.), einer der Mitgründer des Kollektivs, sagte dann: Wir müssen nichts beweisen oder repräsentieren. Es geht um Konversation, ums Experimentieren und Ausprobieren.

Interview: Lisa Berins

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