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Bedeutet das Corona-Ende den Beginn neuer Technik-Probleme?

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Von: Kathrin Passig

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Lästig oder nützlich? E-Scooter in Berlin.
Nur ein lästiges Technikding? E-Scooter in Berlin. © Imago Images

Wann ist die Corona-Pandemie zu Ende? Die These: Wenn ein „Aktuelles Lästiges Technikding“ auftaucht. So was wie der E-Scooter.

Beim Schreiben der Kolumne vergangener Woche war ich auf der Suche nach einem Vergleich und befragte die Redaktion des Techniktagebuch-Blogs: „Was ist denn das aktuelle lästige Technikding? Der E-Scooter oder das Dampfrauchgerät von 2022? So ein Standard-Schimpfanlass in Zeitungsglossen?“ Niemandem fiel etwas ein. Vielleicht durchleben wir während der Corona-Pandemie gerade eine historische Phase ohne Aktuelles Lästiges Technikding (ALT).

Von Frühjahr bis Sommer 2020 waren alle, die gern über nervende Trends schreiben, damit ausgelastet, das Tragen von Infektionsschutzmasken für übertrieben und uneuropäisch zu erklären. Und nach dem Ende dieser Phase gab es nicht so viele Gelegenheiten wie früher, in Cafés, am Arbeitsplatz oder auf der Straße die Mitmenschen beim Gebrauch von neuen albernen Erfindungen zu beobachten.

Videomeeting-Überdruss war zwar ein auf der Hand liegendes Thema. Aber so ein kritischer Beitrag ist nur dann vollständig, wenn man darin andere Menschen zu Besinnung und Umkehr aufrufen kann: Lasst endlich den Quatsch mit den Videomeetings und trefft euch wieder mal persönlich, so wie wir früher! Das war in den vergangenen zwei Jahren keine Option, weil viele diese Wahl – aus beruflichen oder aus gesundheitlichen Gründen – gar nicht hatten.

Technik: Haben wir uns während der Corona-Pandemie etwa an E-Scooter gewöhnt?

Die Verkehrsforscher Or Caspi und Michael J. Smart aus den USA veröffentlichten im Januar das Ergebnis einer Untersuchung an 840 Beiträgen über E-Scooter, die zwischen September 2017 und August 2020 in US-Medien erschienen waren. In einzelnen Städten – Washington und Baltimore – wurde im Schnitt positiver berichtet, in anderen – San Francisco und Tampa – von Anfang an negativ. „Interessanterweise“, schreiben die Autoren, „ist die Zahl negativer E-Scooter-Artikel USA-weit und in den meisten Städten im Jahr 2020 stark zurückgegangen. Das könnte mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie zusammenhängen.“

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. © Norman Posselt

Es ist nur eine Vermutung, mehr behaupten die Autoren gar nicht. Das automatische Auswertungsverfahren, das zum Einsatz kam, ist zwar bequem für die Analyse großer Textmengen, aber nicht ganz zuverlässig. Es zählt nur das Vorkommen bestimmter positiver und negativer Wörter. Im vorletzten Satz würde es also die Wörter „bequem“ und „zuverlässig“ erkennen und meine Aussage für ein Lob des Verfahrens halten. Außerdem kann es für den Rückgang der negativen Berichterstattung im Jahr 2020 auch andere Gründe als die Pandemie gegeben haben, zum Beispiel eine allmähliche Gewöhnung an E-Scooter im Stadtbild.

Das Ende von Corona und dessen Auswirkung auf lästige Technik

Falls die Vermutung eines Corona-Zusammenhangs stimmt, wären grimmige Texte über das Aktuelle Lästige Technikding aber ein gutes Zeichen. Ihr Erscheinen würde dann bedeuten, dass gerade zumindest nicht alle Menschen mit existenzielleren Problemen ausgelastet sind. Wenn es sich so verhält, werden wir das Ende der Pandemie am Auftauchen eines neuen ALT erkennen. Es muss in der Öffentlichkeit sichtbar sein, eher klein als groß, und sein Gebrauch muss optional sein. Ideal ist, wenn es sich bei der Verwendung der jeweiligen Technik um eine individuelle Entscheidung handelt. Nur so kann man die mitmachenden Trendkasper persönlich in ihrer Lebensführung kritisieren.

Falls das ALT im Stadtbild nicht durch individuelles Handeln auftaucht, sondern als Folge von Unternehmensentscheidungen, sollten diese Unternehmen ihren Sitz im Ausland haben, idealerweise China, aber auch die USA gehen immer noch. Kleine autonome Lieferfahrzeuge („verstopfen unsere Gehwege“) wären also eine Option. Vorausgesetzt, sie werden nicht von der Post oder einem anderen etablierten deutschen Unternehmen betrieben („klimaschonender Fortschritt durch deutsche Ingenieurskunst“).

In der ferneren Zukunft erahne ich einen Heizdecken- und Heizjacken-Backlash („verweichlichte Hipster, wir haben damals noch gefroren wie richtige Männer“), aber bis dahin muss die jetzt noch trostlose Branche erst mal an ihrer Trendfähigkeit arbeiten. Und an den Heizfähigkeiten ihrer Produkte, denn wenn eine Pandemie mit winterlicher Außengastronomie und Unterricht bei geöffnetem Fenster den Marktdurchbruch nicht herbeigeführt hat, dauert es wohl noch zehn Jahre bis zur funktionierenden Körperbeheizung. Aber wahrscheinlich wird das neue ALT sowieso etwas ganz anderes sein, so neu und lästig, dass wir es uns jetzt noch gar nicht vorstellen können. (Kathrin Passig)

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