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Trauer um den ermordeten Bürgermeister der Stadt, Pawel Adamowicz.

Polen

Danzig das Leben nehmen

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Eine Stadt der Freiheit und Vielfalt im Visier der Rechtskonservativen.

Mit dem Attentat auf den Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz ist Danzig wieder einmal in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Viele Fragen bleiben offen, doch eines ist sicher: Danzig ist in Polen und Europa ein besonderer Ort der Erinnerung.

Danziger Identitäten

Es ist ein Segen, dass Basil Kerski, der Direktor des Europäischen Solidarnosc-Zentrums in Danzig, vor einigen Jahren die Anthologie „Danziger Identitäten“ herausgegeben hat: Darin findet sich nämlich neben den Essays von Stefan Chwin, Pawel Huelle, Donald Tusk oder Peter Oliver Loew auch ein autobiografischer Text von Pawel Adamowicz, dem wohl charismatischsten Bürgermeister, den Danzig je hatte.

Ihm hat ein Attentäter am 14. Januar 2019 das Leben genommen. Adamowicz, ein ehemaliger Politiker der Bürgerplattform, der in seiner Studentenzeit ein Oppositioneller war, wurde zwar in Danzig geboren, sein Vater kam aber aus Wilna. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er die Multikulturalität Danzigs für entscheidend hielt, sie machte eigentlich seine liberalen Ansichten aus. Adamowicz sah sich selbst als einen Zugereisten an, der bereits als Messdiener in der Brigittenkirche auf die Geschichten der „verschwundenen“ Deutschen stieß. Den Mythos eines multikulturellen Danzigs konnten ihm selbst die nüchternen Analysen des Historikers Loew nicht nehmen, der sich zwei Mythen vorknöpft: das Deutschtum oder die Polonität Danzigs. Loew schreibt, dass selbst das Danzig des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts lediglich in seinen Eliten deutschnational gewesen sei, während die Erzählung von einer Polonität der Stadt eine Konstruktion ex post und die Vorstellung einer polonitätsgeschichtlichen Kontinuität eine Fiktion seien. Und Multikulturalität? Kaufleute aus aller Herren Ländern hätten Danzig in der Frühen Neuzeit zu einem liberalen, freiheitsliebenden Ort à la Venedig gemacht, so die multikulturelle Erzählung, und nach 1990 und speziell nach dem EU-Beitritt sei die Multikulturalität nicht nur wiederentdeckt, sondern auch ideologisch wiederbelebt worden.

Genius loci 

Loews Thesen sind nicht falsch, dennoch hat Danzig in Polen einen speziellen Genius loci zu bieten. In dieser Stadt ist im 20. Jahrhundert einfach viel zu viel Weltbedeutendes passiert: Nach 1920 wurde sie Freie Stadt des Völkerbundes; dann kam das Jahr 1939 mit der Westerplatte und den ersten Schüssen des Zweiten Weltkriegs; 1970 die Arbeiterunruhen, die blutig niedergeschlagen wurden; 1980 der Solidarnosc-Streik; 1983 der Friedensnobelpreis für Lech Walesa; und von 2008 bis 2017 fand die ideologische Schlacht der PiS-Partei im Rahmen ihrer nationalbetonten Geschichtspolitik um das Museum des Zweiten Weltkriegs statt, dessen Urheber Donald Tusks damalige Regierung ist. 

Mittlerweile ist Danzig im 21. Jahrhundert angekommen – im Guten wie im Bösen. Zu Letztem gehört der Anschlag auf den Bürgermeister während der karitativen Veranstaltung des „Großen Orchesters der Weihnachtshilfe“. Beim Täter handelt es sich um einen geistig Verwirrten. Seine Tat wird jedoch mit dem hasserfüllten politischen Klima in Verbindung gebracht, das in Polen seit Jahren herrscht.

Widersprüchliche Narrationen?

Das Paradoxe ist, dass das Museum des Zweiten Weltkriegs, 2007 zufällig initiiert durch einen Text des Historikers Pawel Machcewicz in der „Gazeta Wyborcza“, eigentlich eine Antwort auf das in Berlin geplante Museums- und Bildungszentrum zu den „Vertriebenen“ war. Auf polnischer Seite befürchtete man, dass es hierbei „zu einer Revision des Bildes vom Zweiten Weltkrieg“ kommen könnte und statt „deutscher Schuld deutsches Leiden“ hervorgehoben werden würde, wie Machcewicz in seinem Buch „Der umkämpfte Krieg. Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Entstehung und Streit“ schreibt. Er folgte dabei einer Narration, die der PiS-Partei gefallen müsste. 

Doch Machcewicz und sein Team entwickelten eine andere Idee für das polnische Museum und die Erinnerung, die von Stefan Chwins Begriff „zivile Stimme“ aus seinem Essay „Schutzzonen“ von 1995 geprägt war. Der Schriftsteller kehrte hier die Seite der Opfer hervor – in der polnischen Kultur und Literatur ein Tabuthema, kultivierte man hier doch Geschichte vornehmlich als Heldengeschichten. Der Erinnerung an die zivilen Opfer sollte im Danziger Museum danach endlich großer Raum gewidmet werden, und dies nicht allein im Kontext des polnischen Leidens, sondern auch europäisch und global, der Gegenwart wie der Zukunft zugewandt. 

Die rechtskonservative Presse, die hinter der PiS-Regierung steht, übte an diesem Konzept über viele Jahre heftige Kritik. Auch der Standort des Museums war der PiS ein Dorn im Auge, ist doch Danzig die Heimatstadt des liberal-konservativen Donald Tusk, dem ehemaligen polnischen Ministerpräsidenten und heutigem Präsidenten des Europäischen Rates. Tusk wird in der politischen, Verschwörungstheorien zuneigenden Narration der Rechtskonservativen gerne als Angela Merkels Lakai und Landesverräter gebrandmarkt. 

Während all der Monate vor der Bürgermeisterwahl 2018 in Danzig wurden nicht nur im öffentlichen, regierungstreuen Fernsehen erbitterte Angriffe gegen den Kandidaten und amtierenden Bürgermeister Adamowicz durchgeführt, die ihn als einen „Hochstapler und Feind Polens“ diffamierten. Der weitum angesehene Dominikaner Ludwik Wisniewski las seinen Landsleuten bei der Trauerfeier für Adamowicz in der Danziger Marienkirche gehörig die Leviten: „Dem Gift des Hasses auf den Straßen, in den Medien, im Internet, in den Schulen, im Parlament und auch in der Kirche gegenüber werden wir nicht länger gleichgültig sein. Ein Mensch, der die Sprache des Hasses benutzt, ein Mensch, der seine Karriere auf einer Lüge aufbaut, kann in unserem Land keine hohen Funktionen mehr ausüben, und wir werden dies fortan verfolgen.“ 

Geht es nach den Rechtskonservativen, ist Danzig wieder so etwas wie eine deutsche Bastion zum Schaden Polens. Dem widerspricht, dass es auch in Danzig PiS-Anhänger gibt. Und erinnert man sich daran, wie sehr die Kommunisten nach 1945 darum bemüht waren, Danzig als eine durch und durch polnische Stadt – seit mindestens 1410, also seit der gewonnenen Schlacht bei Tannenberg gegen den Deutschen Orden – darzustellen, schüttelt man den Kopf: „Wie, Danzig ist heute doch nicht polnisch?“ 

Die historisch ideologisierten und national konstruierten Narrationen sind nicht nur voller Widersprüche – sie passen sich den ökonomischen und politischen Umständen geschmeidig an, um dann vollends zuzuschlagen und eine Eine-Wahrheit-Regierung zu etablieren, letztlich ein Regime – Hauptsache, der nationale Stolz wird nicht mehr verletzt. Man könnte nämlich in diesem Zusammenhang fragen, welche Unterschiede es denn zwischen den damaligen Kommunisten und den heutigen Rechtskonservativen gebe, die Danzig für ihre nationalbetonte Geschichtspolitik instrumentalisieren.

Zwei Morde mit einer Korrespondenz?

Der Danziger Stefan Chwin, Autor des Romans „Tod in Danzig“, sieht einige wesentliche Parallelen zwischen dem Attentat auf den Bürgermeister Danzigs und dem auf den ersten polnischen Präsidenten Gabriel Narutowicz, der 1922 von dem Maler Eligiusz Niewiadomski, einem Nationalradikalen, erschossen wurde. Nicht nur darin, so Chwin, dass auch gegen Adamowicz und die Bürgerplattform ein Feldzug der Verekelung dem Mord vorangegangen sei und vielleicht zu einem bestimmten Grade auf ihn einen Einfluss gehabt habe – ähnlich dem Feldzug der Verekelung gegen Narutowicz als „einen Feind der Nation“, rücksichtslos durchgeführt von den Rechtskonservativen. Denn vielmehr gehe es darum, wie Chwin meint, wie viele Polen auf die Morde reagiert hätten. Zum Begräbnis von Narutowicz auf Warschaus Powazki-Friedhof seien mehr als zehntausend rechtsnationale Katholiken erschienen, um zu manifestieren, dass sie das Attentat gutheißen würden. Andere wiederum hätten ihre Virtuti-Militari-Orden von der Brust gerissen, in das Grab des Mörders von Narutowicz geschmissen und „Ruhm dem Helden!“ geschrien. Und heute? Hunderte, Tausende von polnischen Katholiken hätten auf diversen rechten Internetportalen ihre Freude über den Tod von Pawel Adamowicz ausgedrückt. Eine Welle der Begeisterung für das Verbrechen habe sich im Internet ergossen.

Das sei ein wesentlicher Bestandteil der allgemeinen Situation in Polen, so Chwin. Denn es tauche die Frage auf, wer nun diese Internetsurfer zu solcher Begeisterung erzogen habe? Etwa die Politiker der Bürgerplattform? Oder eher die Rechtskonservativen, die seit Jahren hartnäckig alles, was man mit der liberalen Demokratie assoziiere, einem verekelten? Die davon träumten, dass in Polen von der liberalen Demokratie kein Stein auf dem anderen bleibe, und die all diejenigen, die auf der Seite der liberalen Demokratie stünden, als „Verräter der Nation“, „verräterische Fressen“, „Lakaien der Deutschen und Putins“ bezeichneten? Die polnischen Rechtskonservativen täten heute alles, um das, was der Mörder von Adamowicz wenige Augenblicke nach seinem Mord gesagt habe, vor den Polen zu verbergen. Sie sprächen über alles, bloß nicht über eines: dass der Mörder ausdrücklich gesagt habe, er habe deshalb getötet, weil Adamowicz ein Mann der Bürgerplattform gewesen sei. Er habe das deutlich von der Bühne ganz Polen und der Welt gesagt. „Wolltest du das verschweigen?“, schrieb Chwin in einer E-Mail. Nein.

Der Autor, 1968 in Polen geboren, lebt seit 1985 als Schriftsteller in Deutschland. Im September erschien sein in Frankfurt spielender Roman „Der unsterbliche Mr. Lindley“, im März kommt ebenfalls bei weissbooks sein Roman „Drang nach Osten“ heraus.

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