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Menschen, aus einem Kokon gekrochen: Szene aus „Omphalos“.

Tanzfestival Rhein-Main

Damien Jalet: Müde Adler am Nabel der Welt

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Damien Jalets gewaltiges, aber nicht gelungenes „Omphalos“ eröffnet im Staatstheater Darmstadt das Tanzfestival Rhein-Main.

Nichts Geringeres als den Nabel der Welt bringt das vierte Tanzfestival Rhein-Main zum Start ins Große Haus des Darmstädter Staatstheaters: Das gewaltige, sich auf einen griechischen Mythos beziehende „Omphalos“ des belgischen Choreografen Damien Jalet. Das Festival, das bis zum 17. November dauert, ist eine Kooperation des Darmstädter und des Wiesbadener Staatstheaters – deren Intendanten auch für ein Hessisches Staatsballett die Kräfte bündeln – mit dem Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm. Dort kuratiert Anna Wagner den Tanz, das Festival programmiert sie zusammen mit Bruno Heynderickx vom Staatsballett.

„Moving beyond“ ist das diesjährige Motto: Über etwas hinausgehen. Das darf bei Damien Jalets einstündigem Stück übertragen wie auch wörtlich genommen werden: Eine riesige, leicht schräg gestellte Schüssel dreht sich auf der Bühne (Víctor Zapatero), ihr Rand markiert eine Grenzüberschreitung, wohl auch eine Vertreibung in die Unwirtlichkeit des Lebens. Denn erschöpft, manche wie tot, hängen die Tänzerinnen und Tänzer zuletzt in den Streben, die die Schüssel von außen halten.

Ein besonderes, gefährliches Bühnenbild nutzte Jalet schon für „Thr(o)ugh“, eine bestechende, 2016 fürs Staatsballett entstandene Choreografie, in der eine sich drehende Röhre um- und übertanzt wird. In „Omphalos“ muss sich das Ensemble des in Mexiko-Stadt beheimateten Ceprodac (Centro de Producción de Danza Contemporánea) gegen das Abrutschen stemmen. Entsprechend beschränkt ist das Bewegungsvokabular: die Beine sind um des guten Haltes willen leicht gespreizt, verankert, die Oberkörper biegen sich, die Arme kreisen und wirbeln.

In der griechischen Mythologie soll Zeus zwei Adler entsandt haben, sie trafen sich am Omphalos, der Mitte, der Weltachse. Der belgische Choreograf schickt nun im Zentrum der Schüssel gleich vier Adler ins Rennen – oder vielmehr in eine zeremonielle Langsamkeit. Ihre glitzernden, poppigen Show-Fransenkostüme in Silber, Gold, Rot, Blau (Jean Paul Lespagnard) vervollständigen sie nach einer Weile mit eindrucksvollen Krummschnabel-Helmen, innerhalb derer eine beleuchtete Kugel aber auch an Astronauten-Anzüge denken lässt. Überhaupt aber irritieren ihre so gar nicht adlerhaften Auftritte, bei denen sie später auch mal kopfunter von den Streben baumeln wie Fledermäuse oder sich in Zeitlupe hangeln wie Faultiere.

Die Glittervögel heben, schieben schließlich dunkelbraun-erdig verpuppte Wesen aus dem Nabel, diese hängen noch an langen Schnüren. Nach einer Häutung tragen die Wesen zuerst eine zeremonielle Oberkörper-Zeichnung, dann Alltagskleidung, sind nun ganz Mensch und angekommen im Heute.

„Omphalos“ ist ein Tanzstück mit kraftvollen Bildideen, wirkt immer wieder aber auch seltsam zögerlich, fast schlapp. Es ist die Musik (Ryuichi Sakamoto, Marihiko Hara), im Programm als „Sounddesign“ aufgeführt, die dann mit unangenehmer Lautstärke, Quietschen wie von Rückkoppelungseffekten, eine künstliche Bedeutsamkeit behaupten muss.

Tanzfestival Rhein-Main: Veranstaltungen bis 17. November in Darmstadt, Wiesbaden, Frankfurt, und Offenbach. www.tanzfestivalrheinmain.de

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