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Der "Body Gottes" - Cristiano Ronaldo im Trikot der portugiesischen Nationalmannschaft.

Georg von Wallwitz

"Cristiano Ronaldo ist der Body Gottes"

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Ist Ronaldo sein Geld wert? Warum klagen Nationalisten Bestandsschutz gegenüber motivierten Ausländern ein? Was ist am Hochadel heute sympathisch? Ein Gespräch mit dem Autor und Vermögensverwalter Georg von Wallwitz.

Herr von Wallwitz, können Sie mir den Fall Maradona erklären?
Die Hand Gottes?

400 Millionen Euro.
Sie meinen Ronaldo! Ronaldo! Der ist nicht die Hand Gottes. Der ist der Body Gottes.

Oh, pardon. Erklären Sie mir 400 Millionen für Ronaldo.
100 Millionen hat Real Madrid Juventus Turin für Cristiano Ronaldo abgeknöpft. Keine Ahnung, ob das ein gutes Geschäft für Juventus sein wird. Aber wenn ich mich recht erinnere, bekam Manchester United von Real Madrid, als er zu dem spanischen Verein wechselte, 90 Millionen Euro. Schon im ersten Jahr soll allein durch den Verkauf von Ronaldo-T-Shirts das Geld wieder reingekommen sein.

Weil sie in Bangladesch hergestellt werden.
Die Gewinnspanne ist ungeheuerlich. Ein Adidas Real-Madrid-Trikot, auf dem hinten draufsteht „Ronaldo 7“, kostet knapp 150 Euro. 100 Prozent Polyester! Die Herstellungskosten liegen bei vier Euro, dreieinhalb? Ein Ronaldo hat 50 Millionen Followers. Wenn sich nur ein Prozent davon das Juventus-Trikot zulegt, dann haben sie über siebzig Millionen allein durch den Trikot-Verkauf wieder drin.

Also ist der Streik der Arbeiter in den Fiat-Werken, die wie Juventus Turin der Agnelli-Familie gehören, Quatsch?
Wahrscheinlich ja. Der Mann wird sein Geld einspielen. Für Agnelli wird sich das rechnen. In Deutschland mag man im Fußball keine Investoren. Der Verein soll der Boss sein. Diese Einstellung ist lobenswert, aber dann, das muss einem klar sein, spielt man im Spitzenfußball nicht mit.

Wie sonst in der Wirtschaft auch: Je globaler der Markt, desto mehr kostet es, sich in ihm zu behaupten?
Je globaler es wird, desto häufiger entstehen Märkte, in denen „The-winner-takes-it-all“-Situationen entstehen. Wie viele Fußball-Clubs verträgt eine globale Zuschauerschaft? Da reden wir im Wesentlichen über China. Dort sitzen 1,3 Milliarden Menschen und schauen Fußball. Wir produzieren ihn noch, aber als Absatzmarkt sind wir immer weniger von Interesse. Und die globale Zuschauerschaft kann sich nur für ein oder zwei Hände voll von Mannschaften interessieren und diese reich machen. Ähnlich läuft es in vielen anderen Märkten. Nehmen Sie Facebook. MySpace und StudiVZ – und was es da sonst noch alles gab und gibt – spielen in Wahrheit keine Rolle mehr. Hier streicht der Sieger einfach alles ein. The winner takes it all. Wenn Turin durch Ronaldo zu einer globalen Marke wird, rechnet er sich. Wenn nicht, hat die Arbeiterschaft völlig recht.

Demonstrativer „Geltungskonsum“, bei Thorstein Veblen ein Charakteristikum der Neureichen, scheint heute die ganze Gesellschaft ergriffen zu haben.
Wenn Sie hier aus dem Fenster hinaus auf die Münchner Maximilianstraße blicken, könnte man den Eindruck haben. Aber man kann doch auch erst einmal feststellen, dass heute ein Hartz-IV-Empfänger medizinisch besser versorgt ist als Kaiser Wilhelm vor 100 Jahren. Keynes schon fragte sich, lange bevor der Stand erreicht war, in dem wir heute leben: Warum geht überhaupt noch einer zur Arbeit, wenn die Grundbedürfnisse alle befriedigt sind? Die Antwort ist: Der Mensch schielt hinüber zum anderen. Er vergleicht sich immer. 

100 Millionen ist Ronaldo wert!
Genau. Aber auch Ronaldo war sauer darüber, dass Lionel Messi mehr verdiente als er. Er fühlte sich zurückgesetzt, ein Opfer. Das scheint sehr tief im Menschen drinzustecken. Ganz gleichgültig, wie gut es ihm geht, wie weit oben er steht. Eine Gesellschaft muss sich nicht nur darum kümmern, dass keiner verhungert. Sie muss, ist das geschafft, darauf achten, dass jeder die Möglichkeit hat, teilzuhaben an ihr. Wohlstand allein wird nie genug sein. Messi wird sich womöglich über einen Basketballer in den USA ärgern, der mehr verdient als er.

Was halten Sie von einem bedingungslosen Grundeinkommen?
Nicht viel. Ich kann mich da Frau Nahles anschließen. Das bedingungslose Grundeinkommen ist das Ende der Solidargemeinschaft. Die Unterstützung, die man empfängt, kommt nicht mehr von den anderen, sondern steht einem einfach zu. Außerdem stellt sich doch die Frage, was mit denen ist, die mit dem Grundeinkommen nicht auskommen und nicht arbeiten können oder nicht wollen? Was machen wir mit denen? Lassen wir die sterben? Es stellt sich dann wieder – nur jetzt auf viel höherem Niveau, zu deutlich angestiegenen Kosten – die Frage nach der Solidargemeinschaft.

Die Demokratie ist ein Mittel, um zu verhindern, dass die Reichen automatisch auch die Regierung stellen ...
Vielleicht gilt oder galt das für ein paar Länder in Europa. In den USA haben wir die Situation, dass zwei Handvoll von Milliardären darüber entscheiden, wer Präsident wird. Dort ist das System sehr korrupt.

Seit?
Vielleicht seit immer? Jedenfalls schon sehr lange. Ganz gewiss nicht erst seit Donald Trump. Nicht alle Milliardäre sind rechts. Michael Bloomberg, die Silicon-Valley-Leute, George Soros – die geben durchaus auch Geld für fortschrittliche Zwecke aus. Aber natürlich ist es eine Katastrophe für die Demokratie, wenn am Ende ein paar Figuren unter sich ausmachen, wer unter ihnen Präsident wird. In Europa wehrt die Demokratie sich noch, aber in den USA liegen Geld und Macht verdammt eng beieinander. 

Ich mag an Ihrem „Mr. Smith und das Paradies“, dass einem sehr deutlich wird, wie wenig die Fähigkeit, über den Wohlstand und seine Ursachen nachzudenken, mit der Fähigkeit zu tun hat, selbst reich zu werden. Das Für-sich-selbst-sorgen-Können ist eine Spezialbegabung.
Karl Marx war konstitutiv unfähig zur Ich-AG. David Ricardo dagegen verstand sich sehr gut aufs Geldverdienen, und Voltaire erst! Mein Held Bakunin dagegen wäre ohne Alexander Herzen aufgeschmissen gewesen. Es geht, glaube ich, um die Entwicklung eines Wirklichkeitssinnes. Voltaire übrigens gewann den erst, als er gemerkt hatte, dass er sich auf seine adligen Freunde nicht verlassen konnte. Marx hatte wohl einfach zu früh von Engels sein Rundum-sorglos-Paket bekommen. Keynes ging mehrmals bankrott. Vielleicht gehört das auch dazu, in den Abgrund geschaut zu haben.

Ein Sprössling des ehemaligen europäischen Hochadels grinste mich einmal an und sagte: „Du, wir haben schon einmal hundert Jahre nicht regiert.“
Ein Mitglied des Hauses Lobkowitz erklärte mir: „Alle dreihundert Jahre verlieren wir alles.“ Wenn man nur lang genug im Geschäft ist, dann macht einen das nicht mehr nervös. Man weiß, man wird auch wieder auf die Füße kommen, oder doch die Kinder, die Enkel. Das gibt ihnen eine gewisse, sehr angenehme Lässigkeit. Nicht allen und nicht jedem. Aber zu ihrer Prägung gehört doch: Du musst nichts werden. Du bist schon etwas. Einfach durch deine Geburt in diese Familie. Das ist heute, da ja nichts Bedrohliches mehr vom Hochadel ausgeht, etwas sehr Sympathisches. Das gibt es in anderen Gesellschaftsschichten nicht, in denen man eine Stellung erringen oder aber doch mit Zähnen und Klauen verteidigen muss.

„Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ – ist das der Versuch, sich mittels des Nationalismus diesen „Adelshochmut“ anzueignen?
Sicher, man beansprucht damit einen Status, der einen über die anderen erhebt. Und zwar durch Geburt. Man ist stolz nicht auf etwas, das man getan hat, sondern auf etwas, das man ist. Karl Kraus schrieb: „Es reicht nicht, dass es einem gut geht. Dazu muss auch gehören, dass es den anderen schlecht geht.“ So ähnlich.

Mir fällt da ein Satz aus Ihrem Smith-Buch ein: „Ist das Privileg erst einmal unter Dach und Fach, sehen die Insider zu, dass möglichst wenige etwas davon haben.“ Betrachtet man so das Milieu von AfD und Pegida, dann erkennt man, dass sie gerade nicht einklagen, dass es ihnen besser gehen soll. Sie wollen einfach nicht, dass es anderen so gut gehen soll wie ihnen.
Sie wollen nicht, dass die anderen mit auf die Leiter kommen. Dadurch wächst das Risiko, dass sie überholt werden können. Sie brauchen Leute hinter sich, unter sich, auf die sie hinabblicken können. Sonst haben sie das Gefühl, sie seien die Letzten. Das wollen sie nicht haben. Sie wissen, dass die bestens motivierten jungen Ausländer sie überholen werden. Sie klagen auf Bestandsschutz und fordern Subventionierung. Wie die deutsche Landwirtschaft.

Interview: Arno Widmann

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