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Die „Jyllands-Posten“-Karikatur zum Coronavirus von Niels Bo Bojesen.

Coronavirus

Karikatur in „Jyllands-Posten“: Pekings Druck auf die Pressefreiheit

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China verfolgt bei seinem Einspruch gegen eine dänische Karikatur zum Coronavirus eine Strategie.

  • Eine Karikatur zum Coronavirus in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ sorgt für Aufregung
  • Schwedische Medienunternehmen beklagen zunehmende Angriffe auf kritische China-Berichterstattung
  • Ohne Großmachtgehabe könnte China durchaus mit Sympathien in Dänemark rechnen

Eine vielleicht geschmacklose und mit Sicherheit zweitrangige Karikatur zum Coronavirus hat Dänemarks Regierenden und den Schweinefleisch-Exporteuren Angstschweiß auf die Stirn getrieben, aber auch Widerspruchsgeist gegen die immer massiveren Attacken auf die Pressefreiheit aus Peking geweckt. Auf die Forderung des chinesischen Botschafters in Kopenhagen, die Zeitung „Jyllands-Posten“ habe sich öffentlich für eine Zeichnung mit fünf Coronaviren statt der Sterne in Chinas Nationalflagge zu entschuldigen, reagierten Medien und Politik einhellig.

„Jyllands-Posten“, 2006 unfreiwillig berühmt geworden durch den weltweiten Streit um zwölf Mohammed-Karikaturen, verweigert kategorisch jeden Bußgang, und Ministerpräsidentin Mette Frederiksen konstatierte knapp: „Wir haben Meinungsfreiheit in Dänemark, auch für Zeichner.“

Medienunternehmen beklagen zunehmende Angriffe auf kritische China-Berichterstattung

Unmittelbar darauf haben im benachbarten Stockholm führende Medienunternehmen die schwedische Regierung gemeinsam aufgefordert, sie besser gegen zunehmende Angriffe auf kritische China-Berichterstattung zu schützen. Die Botschaft „unterminiere“ mit ständigen Drohungen, falschen Behauptungen, persönlichem Druck auf Chefredaktionen sowie Schikanen bei der Visavergabe die Pressefreiheit: „Es ist nicht hinnehmbar, dass die größte Diktatur der Welt freien und unabhängigen Journalismus in einer Demokratie wie Schweden zu verhindern versucht.“

Als jüngstes Beispiel führten die Medienchefs die Drohung von Chinas Botschafter gegen Kulturministerin Amanda Lind an: Sie werde bei Teilnahme an der Verleihung des Kurt-Tucholsky-Preises an den schwedisch-chinesischen Buchverleger Gui Minhai – seit drei Jahren in China inhaftiert – zur persona non grata erklärt. Die Grünen-Politikerin trotzte der Drohung und überreichte den Preis im November an die Tochter.

Dänemarks Regierung hat nicht unbedingt die Fahne der Meinungsfreiheit gegenüber China hochgehalten

In den Knochen steckt den Skandinaviern, was Norwegen im Gefolge des Osloer Friedensnobelpreises 2010 an den Menschenrechtler Liu Xiabao widerfuhr. Die Machthaber in Peking hatten auch hier vorab offen Strafen angedroht und Taten mit jahrelang schmerzhaften Exportbeschränkungen und Besuchsverboten für norwegische Politiker folgen lassen. Ministerpräsidentin Erna Solberg kroch diskret zu Kreuze und mochte sich bis zum Tod Liu Xiabaos 2017 noch nicht mal der Forderung aller EU-Regierungen nach Freilassung des Nobelpreisträgers anschließen, als er an Leberkrebs erkrankt war. China verweigerte die Behandlung in einem ausländischen Krankenhaus.

Auch die dänische Regierung hat mit Blick auf Schweinefleisch und Windkraft auf dem größten Exportmarkt der Welt nicht unbedingt die Fahne der Meinungsfreiheit gegenüber Peking hoch gehalten. Im Gegenteil. Die Polizei entriss Demonstranten beim Besuch des damaligen chinesischen Präsidenten Hu Jintao 2012 tibetanische Flaggen, damit der hohe Gast beim Vorbeifahren nur ja nicht verärgert werden könnte. Aus China gab es zur Belohnung zwei Panda-Bären für den Kopenhagener Zoo.

Ohne Großmachtgehabe könnte China mit Sympathien in der dänischen Bevölkerung rechnen

Bei der Zeichnung mit dem Coronavirus in „Jyllands-Posten“ könnte Peking ohne Großmachtgehabe durchaus auf Sympathien und Mitgefühl in der dänischen Öffentlichkeit rechnen. Hohn und Spott gegen ein Land, heimgesucht von einem tödlichen Virus, habe man bestimmt nicht im Sinne gehabt, versicherte Chefredakteur Jacob Nybroe. Er hat sein Blatt eigentlich weggeführt von der Linie der Mohammed-Karikaturen, mit denen auch Muslime daran gewöhnt werden sollten „verspottet, verhöhnt und lächerlich gemacht zu werden“.

Jetzt ist aus einer einfach missratenen Karikatur auf Seite 14 durch die empfindliche Großmacht ein Konflikt um die Pressefreiheit geworden.

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