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Coole Freitagskinder am 7. Juni in Frankfurt.

Kontroverse Debatte

Fridays for Future: Widerstand gegen Gretas moralische Argumente

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Einige Menschen wollen nicht mit so etwas Altmodischem wie Moral behelligt werden. Besonders die „Liberal-Konservativen“ reagieren angewidert. 

Kein (Frei)Tag vergeht, ohne dass man durchdiskutiert, was man von der „FfF“-Bewegung halten soll. Unter den Gegnern, die inzwischen von Hysterie oder/und religiöser Überhöhung sprechen, hat sich dabei ein scheinbar unschlagbares Argument durchgesetzt: Die Klimaschützer disqualifiziere, dass sie im Namen der Moral antreten. Man nickt sich zu: Klar, der moralische Zeigefinger geht gar nicht. Aber wieso eigentlich nicht? Ist es nicht angebracht, moralisch zu argumentieren, wenn es ums Grundsätzliche geht? Alles spricht dafür.

Poschardt gehört zu den Verständnislosen 

In der allgemeinen Diskussion fällt auf, dass es vor allem eine Spezies gibt, die sich das Moralisieren aufs Heftigste verbittet: das sind Angehörige einer Bewegung, die sich „Liberal-Konservative“ nennen. Einer von ihnen ist Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“. Bei „Hart aber fair“ zum Thema „Klimaschutz“ war er unlängst zu hören. Er wehrt sich vehement gegen Handlungsprinzipien, die sich aus dem Klimadesaster ableiten lassen und will sich partout nicht den Spaß in seinem Sportwagen verbieten lassen. Sein Porsche habe eine Seele, teilte er sichtlich gerührt dem Fernsehpublikum mit, eine Seele, die er ab und zu auf seinen Spritztouren auch baumeln lassen möchte. Sich ein schlechtes CO²-Gewissen einreden zu lassen? Kommt nicht in Frage. Sein Alter Ego Christian Lindner, ebenfalls passionierter Porsche-Fahrer, sprang ihm im Talk bei „Anne Will“ zur Seite und warf den Freitagsdemonstranten „überzogene Moral“ vor.

Altherrenwitze und schräge Vergleiche 

„Liberal-Konservative“ gibt es auch bei Youtube. Hier geht im eigenen Kanal Roland Tichy von der „Wirtschaftswoche“ an den Start. Alle paar Wochen meldet er sich mit dem TV-Spaßmacher und HR-Ratefuchs Achim Winter aus dem Herrenzimmer, manchmal gibt es da auch Bier und Weißwürste, aber immer viel Senf zum politischen Geschehen. Natürlich auch zu den Freitagsprotesten der Jugendlichen in den Schulen. Die werden gleich mal mit den Kinderkreuzzügen verglichen, und, ja, Kinder seien ja auch schon vom Nationalsozialismus instrumentalisiert worden, meint Tichy.

Abenteuerliche Verkürzungen von Tichy  

Zu differenzieren ist nicht so seins – denn zum einen lassen sich die Jugendlichen ja nicht von Demagogen für dunkle Ziele einspannen, sondern sind selber aufgestanden. Und zum andern ging es beim Kinderkult der Nazis um Manipulation durch ein totalitäres System, bei den Kreuzzügen um Weltmachtpolitik der Kirche, aber bei Klimaschutz-Aktivisten? Das Ziel ist ja nun bei Gott kein inhumanes. Tichy bleibt dabei, es gehe nicht um Klimaschutz, sondern darum, Menschen zu etwas zu zwingen, was sie nicht wollen, ihnen Verhaltensvorschriften zu machen. Es geht letztlich immer darum, ihnen „vorschreiben zu wollen, welchen Kaffee sie trinken dürfen.“

Tichy wittert überall „Gängelung“

Illiberalismus? Denkverbote? Neue Unfreiheit? „Liberal-Konservative“ sind Menschen, die sich über eine neue „Bevormundung“ entrüsten, gegen „Gängelung“ (Tichy). Poschardt geht in einem Kommentar in der „Welt“ noch weiter und spricht von einem neuen grünen „post-modernen Illiberalismus“, der bei uns um sich greife. Von Entmündigung ist da die Rede, von „Einschränkung der bürgerlichen Freiheit“ gar. Überhaupt hört man immer öfter, es gebe in Deutschland „Denkverbote“, ja, wie der Ex-Handballnationalspieler Kretzschmar zuletzt meinte: „keine echte Meinungsfreiheit“ mehr. Entsprechend wird allerorten das Ende von „Denkverboten“ inklusive Aussprecherlaubnis des angeblich Verbotenen gefordert.

Der Wunsch nach verantwortungsfreier Ungebremstheit

Konkret geht es darum, endlich frei von der Leber weg sagen zu dürfen, dass man Klimaschützer für alberne Kaulquappen-Nummerierer hält, Bürgerkriegsflüchtlinge in erster Linie für latente Schwerverbrecher, Juden sowieso, dass Homosexuelle krank sind und die EU genauso. Ein eigenartiger Wunsch verbirgt sich hinter der Auflehnung gegen die angeblichen „Redeverbote“. Es ist der Wunsch nach verantwortungsfreier Ungebremstheit: nicht nur in der Rede, sondern in der Mobilität, im Verbrauch und Konsum.

Es gibt keine „Denkverbote“ in diesem Land. Was es, Gott sei Dank, aber (noch) gibt, sind bei vielen Zeitgenossen Hemmungen, Unsinn zu reden. Eine Art verinnerlichter Schadstofffilter reguliert das und garantiert dadurch einen für unsere Zivilgesellschaft überlebenswichtigen Grundstandard an politischer Sitte. Ginge diese Gabe verloren, drohte uns nicht weniger als der Verfall der politischen Öffentlichkeit.

Moral wird zum Hexenkessel für Panikmache

„Moral war bei Kant ein Instrument der Aufklärung. Heute wird sie zum Hexenkessel für Panikmache“, schreibt Poschardt in seinem Kommentar. Ist es Panikmache, wenn ein mündiger Bürger einen Zeitungsbericht ernst nimmt, dass laut jüngsten UN-Berichts eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind? Entmündigen kann man jemanden nur, wenn er mündig ist. Wenn munter weiter Kohlenstoffdioxid verblasen wird, bis die Welt am Ende ist, dann ist der Mensch diesbezüglich offenkundig nicht mündig. Also kann er auch nicht entmündigt werden, wenn man die Notbremse zieht und einfach zu ihm sagt, man müsse aktiv werden, bevor es zu spät ist.

Worüber man sich lustig macht – und worüber nicht 

„Liberal-Konservative“ haben einen eigenartigen Humor. Sie machen sich gerne über Sozialpolitiker lustig, über Ökologen sowieso und zuletzt darüber, dass Greta Thunberg für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde. Sie witzeln über „Panikmache“ beim Klima, verbieten sich aber in aller Strenge jeden Spaß über die Panik etwa gegenüber angeblicher „Überfremdung“ oder anderen Ängsten, die da im Volk gehegt werden. Hier hört man Söder, Tichy und Gauland in tiefem Ernst gemeinsam tönen: „Wir müssen die Sorgen unser Mitbürger ernst nehmen!“ Warum nehmen sie eigentlich die Sorgen der Klimaaktivisten nicht ernst? Mehr noch. Man beschwert sich sogar darüber, dass man sie nicht einmal auslachen dürfe. „Wehe dem, der sich lustig macht!“ feixte der seinen persönlichen Ressentiments nachgebende Spiegel-online-Kolumnist Jan Fleischhauer in seiner Kolumne. Und tat es doch.

Ist das eigentlich unser Problem? Denkverbote, Spottverbote? Dass wir uns nicht mehr lustig machen dürfen über wen wir wollen? Warum sollte man sich eigentlich überhaupt über Klimaaktivisten lustig machen? Wenn die Weltwetter-Organisation WMO jüngst davon berichtet, dass der Meeresspiegel durch die Erderwärmung seit der Satellitenmessung noch nie so sehr wie im letzten Jahr angestiegen ist, warum drängt es da „Liberal-Konservative“, sich über Leute lustig machen zu müssen, die dagegen aktiv werden? Und wenn sich Klimaaktivisten wehren gegen die, die sie da verspotten, was ist da das eigentliche Problem? Die „gefährdete Meinungsfreiheit“ oder die offenbar überall verhängten „Denkverbote“ – oder doch nicht viel eher, dass uns bald der Globus verreckt?

Das Dilemma mit der Political Correctness 

Der verbreitete anti-moralische Reflex in der Politik hat eine schon lange Geschichte. Am Anfang wurde er von den Linken selbst aktiviert – als eine Art Selbstkritik. Von engagierten Köpfen in den eigenen Reihen, denen es vor lauter Gesinnungskitsch und „Betroffenheitskult“ (Cora Stephan) zu bunt wurde. Anfang der neunziger Jahre war das. Aber irgendwann wurde es zum Gemeinplatz, überhaupt jede Moral des richtigen politischen Handelns zu verurteilen. Und schon bald war unterschiedslos alles schlecht, was politisch korrekt sein wollte. Seinen Anfang nahm das Unheil der Ächtung der moralischen Kategorie etwa in Büchern wie jener „Anleitung zum Unschuldigsein“, die der heutige Rowohlt-Verleger Florian Illies („Generation Golf“) 2001 veröffentlichte – einem damals von vielen superkomisch empfundenen Buch, das eine eigenartige Botschaft verbreitete: auf moralisches Verhalten zu pfeifen – wie es sich bei der Mülltrennung zeigt oder im Verzicht, Tropenholz zu kaufen –, sei maximal cool.

Was in den Debatten völlig unterging: Political Correctness, also die Moralisierung vor allem der politischen Sprache, war ja zumindest am Anfang maximal legitim: Sie appellierte damit an jeden einzelnen, sich genauer zu überlegen, was man da von sich gab, oft ohne dass es einem wirklich bewusst war. Es ging schlicht darum zu vermeiden, dass Minderheiten gekränkt und benachteiligt wurden – auch wenn sich manches längst im Sprachschatz verfestigt hatte. „PC“ war im Anfang etwas durch und durch Humanes und Wertvolles. Aber schon früh konzentrierten sich viele darauf, „PC“ als überzogen zu diffamieren oder gar als illegitimes Instrument, die eigene „Redefreiheit“ einzuschränken. Schon Anfang der Neunziger war der Begriff eindeutig negativ konnotiert. Er wurde zum Schimpfwort für überkorrekte moralinsaure Korinthenkacker und „Tugendtyrannen“. Und heute?

Selbst wenn man zugesteht, dass man es mit „PC“ an der einen oder anderen Stelle übertrieben hat, eine Frage bleibt dennoch: Warum macht es eigentlich so viel mehr Spaß, über die Auswüchse von „PC“ zu reden – als über deren Berechtigung, ihren guten Sinn und Zweck? Warum lässt man sich von der äußerlichen Abneigung leiten, anstatt gemeinsam Verantwortung zu übernehmen?

Moralisches Politisieren schafft Bewusstsein

Heute scheinen gerade die „Liberal-Konservativen“ vor lauter Gutmenschen-Bashing vergessen zu haben, dass öffentliche Moral auch etwas durch und durch Gutes hat. Wenn etwa jemand, veranlasst durch eine öffentliche Debatte, seinen Fleischkonsum zügelt oder Vielflieger auf einmal unter „Flugscham“ leiden, dann ist das keine Strangulation des freien Willens durch perfide Moralapostel – sondern doch etwas Hocherfreuliches. Moralisches Politisieren schafft ein Bewusstsein.

Politische Moral – und nicht etwa ihr Missbrauch – ist etwas Wertvolles: Sie verinnerlicht gewissermaßen Handlungsprinzipien und lässt Vernunft instinktiv werden. Moral in der politischen Auseinandersetzung ist nicht tabu, sondern, auf die richtigen Handlungsziele ausgerichtet, ganz und gar wichtig und notwendig. Dabei ist klar: Wer sich moralisch gibt, macht nicht automatisch alles richtig. Moralische Appelle „verbieten“ nichts, sondern können zum Überdenken des eigenen Verhaltens anregen. Unsere Überempfindlichkeit gegenüber der alten „Political Correctness“ hat dazu geführt, dass wir Moralappelle als Fortsetzung des politischen Arguments an sich verteufeln, anstatt zu differenzieren und sie dort zu begrüßen, wo sie das Vernünftige befördern. Die Moral hat ihr Recht. Und wer trotzdem meint, er müsse jetzt, wo es fünf vor zwölf ist, das Klima schädigen, soll dabei wenigstens ein schlechtes Gewissen haben.

Von Martin Hecht

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