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Streitlustig, mit großem Kopf, aber auch klug? Die Powerpuff Girls.

"Supergirls" in Film und TV

Zu cool für dich

Seit einiger Zeit tummeln sich in Kinderserien ausgesprochene Supergirls. Aber gerade weil Supergirls so super sind, taugen sie nicht als Vorbilder für Mädchen.

Von TILMANN P. GANGLOFF

Auch wenn sich eine Menge getan hat: Das Missverhältnis ist immer noch offensichtlich. Ob in Büchern, Filmen oder TV-Serien: Die Hauptfiguren von Kindergeschichten sind in der Regel Jungs. Im Fernsehen beträgt das Ungleichgewicht drei zu sieben. Bis vor wenigen Jahren waren Heldinnen absolute Ausnahmen. Seit einiger Zeit tummeln sich in Kinderserien aber sogar ausgesprochene Supergirls. Prompt machte in Kreisen feministisch bewegter Forscherinnen der Begriff "Girl Power" die Runde.

Mittlerweile aber haben Kritikerinnen den Haken daran entdeckt. Gerade weil die Supergirls so super sind, taugen sie nicht als Vorbilder: Da Mädchen vor allem in der Lebensphase vor der Pubertät ein höchst kritisches Verhältnis zum eigenen Körper entwickeln und sich oft dick und hässlich finden, verstärken die schönen, klugen und wohlproportionierten Heldinnen aus Kino und Fernsehen die eigenen Komplexe noch.

Mädchen müssen ohnehin enorme Abwehrkräfte mobilisieren, um sich gegen die Reizüberflutung zur Wehr zu setzen. In Fernsehformaten wie "Germany's Next Top Model" (ProSieben) werden ganz klare Vorgaben definiert, die in "Bravo", nach wie vor Pflichtlektüre junger Mädchen, ihren Widerhall finden.

Wenn die Zielgruppe dann noch liest, dass sich ein Idol wie die junge Sängerin Rihanna die Brüste vergrößern ließ, weckt das womöglich die Bereitschaft, sich chirurgisch auf Idealmaße bringen zu lassen. Psychologen bemängeln daher das verbreitete Schönheitsideal, das auf gesunde Weise kaum zu erreichen sei und fast zwangsläufig zu Essstörungen und Magersucht führe.

Die amerikanische Kommunikationsforscherin Rebecca C. Hains (Salem State College) hat nun empirisch bestätigt, dass ausgerechnet die "Girl Power"-Produktionen diese Haltung noch verstärkten. In ihrer Analyse beliebter Zeichentrickserien wie "Totally Spies", "Powerpuff Girls" oder "Kim Possible" stellt Hains fest, dass Mädchen, deren Aussehen oder Verhalten von den schönen und klugen Rollenbildern der Hauptfiguren abweichen, zur Außenseiterin werden. Dies korrespondiere "mit den Botschaften über körperliche Schönheit, die Mädchen vor dem Teen-Alter aus dem kulturellen Umfeld erhalten".

Das "Girl Power"-Konzept, kritisiert Hains daher, stelle im Endergebnis auch bloß "eine Kapitulation vor der dominanten sozialen Konstruktion von Mädchen und Weiblichkeit dar". Heranwachsende Mädchen strebten immer noch nach "einem schlanken Körper mit langenBeinen und wohlgeformten Brüsten sowie körperbetonter Kleidung".

Dieses Bild, fürchtet die Forscherin, habe sich bei den jungen Zuschauerinnen längst derart verselbstständigt, dass sie womöglich nicht mal mehr bereit wären, sich Sendungen anzuschauen, deren Hauptfiguren diesem Erscheinungsbild nicht entsprechen - ein Teufelskreis.

"Männer sind primitiv, aber glücklich"

Und was ist mit den Jungs? Die haben natürlich auch ihre Helden, und wenn man sieht, wer auf Bolzplätzen das Trikot von Stars wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo trägt, dann ist auch dort die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit offensichtlich.

Für Jungs ist das aber laut Maya Götz, Leiterin des Münchener Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen, "ein vergleichsweise beherrschbares Thema. Es geht vor allem darum, dazu zu gehören. Übermäßig viele Muskeln werden als unnatürlich abgetan." Körperlich kleine Burschen entwickelten zudem Strategien, mit denen sich ein physischer Nachteil kompensieren lasse: "Witz, sportliche Leistungen oder Markenklamotten".

Natürlich stehen Jungs auch auf Superhelden, doch ihre Lieblingsfiguren sind die "lustigen Loser", sagen die Pädagogen Reinhard Winter und Günter Neubauer, die gemeinsam das Sozialwissenschaftliche Institut Tübingen leiten. Populärste Repräsentanten dieser Gruppe sind SpongeBob und Bart Simpson. Neben ihrer gelben Hautfarbe haben beide noch etwas gemeinsam: Herausforderungen pflegen sie zu meistern, indem sie ihnen aus dem Weg gehen.

Winter und Neubauer nutzen das Bild der Hürde, um dies zu veranschaulichen: Während der traditionelle Held das Hindernis spielend nimmt, schlüpft der Antiheld unten durch. Das macht Figuren wie Bart Simpson zur perfekten Identifikationsfigur für Jungs, denn die sehen sich in ihrem Alltag permanent mit Herausforderungen konfrontiert, die eine Nummer zu groß für sie sind. Gerade die Schule bietet ihnen - im Gegensatz zu den Mädchen - oft nur wenige Erfolgserlebnisse.

Je älter die Buben sind, desto ausgeprägter ist ihre Vorliebe für die Vertreter der "Unten durch"- Philosophie. Und noch eins ist wichtig: Die Antihelden sollen ihre Probleme zwar lösen, aber auf keinen Fall problematisieren. In dieser Hinsicht scheinen sich die Vertreter der männlichen Spezies quer durch alle Altersschichten gleich zu sein. Wie stellt doch der Berliner Alltags-Philosoph Mario Barth in seinem gleichnamigen Comedy-Programm fest: "Männer sind primitiv, aber glücklich". So einfach kann das manchmal sein.

Weitere Informationen über die Heldinnen und Helden der Kinder in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Televizion.

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