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Shereen Sabet: „Hawaiian Colorway Collection“, 2006.

„Contemporary Muslim Fashions“

Modeschau im Frankfurter MAK macht muslimische Lebens- und Modearten erfahrbar

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Nach all der vorangegangenen Hysterie: Ein umsichtiges Symposium über muslimische Mode in Frankfurt.

Fotos aus Broschüren zweier Bundesministerien, die sich mit Integrationsfragen auseinandersetzen. Vollends assimiliert im Land der Dichter und Denker, schiebt die Frau auf dem einen Bild selig lächelnd einen dicken Ordner ins gut sortierte Regal. Recht unbeholfen schreibt die Frau auf dem anderen Bild in großen Krakelbuchstaben an eine Tafel. Die schlaue Migrantin trägt ein Tweed-Jäckchen im Chanel-Stil. Und die andere? Genau.

In den vergangenen Wochen wurde das weitreichende Spektrum von „Contemporary Muslim Fashions“ in einigen Medien auf eine hysterische Kopftuch-Debatte beschränkt. Am frühen Samstagabend dann zeigten auch die Broschürenfotos, die Maria do Mar Castro Varela mit auf das Symposium zur umstrittenen Schau im Frankfurter Museum Angewandte Kunst brachte, in welcher Schieflage sich diese Diskussion befindet. „Das Subjekt, das es zu integrieren gilt, wird hier als Frau mit Kopftuch markiert“, sagt sie. Glücklicherweise schaffe es die Kopftuchträgerin gerade so das Wort „Integration“ an die Tafel zu bringen. „Der erste Schritt ist also getan, was der zweite ist, können wir uns jetzt überlegen.“

Verbindungen zwischen muslimischer Mode und Queerszene

Do Mar Castro Varela ist Professorin an der Alice Salomon Hochschule in Berlin, unter anderem mit dem Schwerpunkt Postkoloniale Theorie. Sie ist eine der 23 Vortragenden, die am Wochenende beim „Contemporary Muslim Fashions Forum“ die Vielschichtigkeit muslimischer Lebens- und Modearten erfahrbar machten.

Künstlerin Tasnim Baghdadi etwa erzählte von „Taqwacore“, einer „Subkultur, die die Punk-Ästhetik muslimisch übersetzt.“ Und die Professorin für Mode und Ästhetik an der Technischen Universität Darmstadt, Alexandra Karentzos, zeigte Verbindungen zwischen muslimischer Mode und der Queerszene auf, wie sie etwa die Ausstellung „The Third Muslim – muslimische Narrative der Resistenz und Elastizität“ oder Kollektionen des Labels GMBH abbildeten, die Kleidercodes junger muslimischer Männer mit Stilelementen der Berliner Clubkultur kombinieren. „Indem sie zusätzlich arabische Models und Models verschiedener Hautfarben implizieren, zeigen GMBH diese Vielfalt“, so Karentzos.

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Sichtbar wurden Muslime in der Mode zuletzt gerade auch als Konsumenten. Eine ambivalente Entwicklung, so Reina Lewis, Professorin für Kulturwissenschaften am London College of Fashion. Diese kulturelle Verschiebung habe eine Wirkung auf Muslime genauso wie auf westliche Unternehmen. „Für all diese Gruppen kann die Kommerzialisierung zuvor herabgewürdigter religiöser und religiös kultureller Dispositionen Option und Risiko zugleich sein“, sagt Lewis. So sei etwa der „Pro Hijab“ von Nike gefeiert und kritisiert worden.

Sport-Hijab: Nike lässt sich für eine Innovation feiern, die keine ist

„Jetzt kommt Nike und verleiht uns die Möglichkeit, uns selbstbewusst und gut gekleidet auf dem Spielfeld zu bewegen. Oder wie war das?“, fragt etwa Nemi El-Hassan, die den satirischen Youtube-Kanal „Datteltäter“ mitbegründete, in einem Webvideo. Die Sportmarke lasse sich für eine Innovation feiern, die gar keine sei. „Sportkopftücher wurden schon jahrelang von muslimischen Designerinnen unter fairen Bedingungen hergestellt und vertrieben. Diese kleinen Hersteller fegt Nike mit seinem ‚Pro Hijab‘ vom Markt“, so El-Hassan, die ebenfalls einen Vortrag auf dem Symposium hielt.

Auch diese vielschichtigen Stellungen muslimischer Frauen innerhalb der Mode – als wohlhabende saudische Frau umworben, als pakistanische Näherin ausgebeutet, unzählige Schattierungen dazwischen – wurden auf dem dreitägigen Symposium sichtbar. Ein von der Soziologin Nabila Bushra und Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka klug ausgearbeitetes Programm, das eines verdeutlicht: Die Komplexität vestimentärer Realitäten lässt sich nicht auf die Gegenpole „Chanel-Jäckchen und Kopftuch“ beschränken. Es gibt also noch viel zu denken, zu reden und zu schreiben.

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