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Blick auf das Fundament der Antoniter-Bibliothek in Köln, die älteste nachweisbare Bibliothek Deutschlands.

Archäologie

Colonia hat einen weiteren Clou

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In der Baugrube eines Kölner Neubauquartiers werden Relikte der ältesten Bibliothek Deutschlands geborgen.

Horaz und Vergil lagen sicher im Regal, überhaupt die zeitgenössischen Autoren der Antike, zudem das Wissen der Forschung in gerollter Form. Dirk Schmitz, Abteilungsleiter bei der Kölner Bodendenkmalpflege, kann es sich lebhaft vorstellen, wie diese Literatur in der römischen Bibliothek zu Köln aufbewahrt wurde. Immerhin hat er das Gemäuer untersucht, das bei Ausgrabungen im Antoniterquartier entdeckt worden ist. Im Begleitbuch zur Ausstellung „BodenSchätze“ im Römisch-Germanischen Museum (RGM) schreibt Schmitz: „In einer Zeit, als Köln in wirtschaftlicher Blüte stand, ließ die Stadt an ihrem zentralen Platz einen Kristallisationsort der antiken Bildung errichten.“

Mit vielem hatten die Archäologen an dieser Stelle gerechnet, aber gewiss nicht mit einer Bibliothek, die jetzt als älteste auf deutschem Boden angesehen wird. Sie wurde zwischen 150 und 200 nach Christus an der südwestlichen Ecke des Forums errichtet. Marcus Trier, Direktor des Römisch-Germanischen Museums und Leiter der Kölner Bodendenkmalpflege, sagt: „Nach unserem Wissen ist dies hier die erste römische Bibliothek, die sich nachweisen lässt.“ Ziemlich gewiss habe es in Trier eine Bibliothek gegeben, vielleicht auch in Augsburg, Mainz oder Xanten. Aber physisch greifbar ist eine solche römische Bildungs-Einrichtung vorerst nur in der Hauptstadt der Provinz Niedergermanien, in der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, in Köln. 

Ergraben wurde ein 20 Meter langer und neun Meter breiter Raum, der noch eine Apsis hatte. Zwei kleine, „gepflegt polierte“ Stücke vom Fußboden sind erhalten, vor allem aber die Grundmauern. Diese waren aus einem Kalksand-und-Trachyt-Gemisch errichtet worden, dem römischen „opus caementicium“. Dessen „Druckfestigkeitsklasse“, im Labor untersucht, entspricht dem von hochwertigem Beton unserer Tage. Christoph Meyer, Polier auf der Baustelle, meint, dass diese „C 25/30“-Qualität jedem modernen Einfamilienhaus genügen würde. Meyer spricht voller Respekt über die Arbeit der antiken Kollegen: „Wir konnten noch die Abdrücke der Schalung sehen, die sie verwendet haben. Die Römer haben im Prinzip nicht so viel anders gebaut als wir heute.“

Überraschend war der Fund für die Bodendenkmalpflege, obwohl sie über die Topografie des römischen Köln sehr gut im Bilde ist. „Wir sind da in einen Befund hineingefallen“, sagt Marcus Trier, „den wir zunächst einmal nicht haben bestimmen können.“ Klar war, dass es sich um ein öffentliches Gebäude handeln musste. Die erste Spekulation zielte auf ein Kollegium, eine Art Versammlungshalle. Dann aber trat der Clou des Gebäudes zutage: Nischen in den Innenwänden, die zu klein waren für Statuen. Vergleiche mit anderen antiken Gebäuden – in Ephesos, Pergamon, Alexandria oder Rom – legen nahe, dass in diesen etwa 80 Zentimeter breiten Nischen Kisten oder Schränke für Rollen aus Pergament oder Papyrus gelagert wurden.

Die Rollen waren mit Etiketten versehen, sagt Archäologe Schmitz, um kenntlich zu machen, welche Lektüre da aufbewahrt wurde. Um an die höheren Regale zu gelangen, wurden womöglich Leitern eingesetzt; vielleicht gab es auch einen hölzernen Umlauf. „Das zwei Meter breite Fundament – solche Mauern findet man nur selten im römischen Köln – lässt auf einen stattlichen Bau schließen“, sagt Schmitz. Er geht von einer Höhe zwischen sieben und neun Metern aus, so dass die Raumwirkung sehr eindrucksvoll gewesen sein müsse.

Schließlich die Apsis auf der Längsseite – sie war der rechte Ort, um eine Statue aufzustellen. Die Kölner Forscher vermuten, dass dort eine Darstellung der Minerva Platz gefunden habe. Diese galt als Göttin der Weisheit und Hüterin der Erkenntnis. Weil die Bibliothek im Bereich des Forums stand, ist Schmitz überzeugt davon, dass die Stadt der Bauherr war – keinesfalls ein Privatmann und wohl auch nicht der Statthalter der Provinz Niedergermanien (Germania inferior), der in Köln residierte.

Für die Evangelische Gemeinde in Köln warf dieser überragende Fund die Frage auf, wie man darauf reagieren sollte. Immerhin war der Neubau des „Citykirchenzentrums“ im Antoniterquartier aufwendig geplant worden. Man habe ja gewusst, sagt Markus Herzberg, Citykirchenpfarrer an der Antoniterkirche, dass der Boden reif sei für so manche Fundsache. Auch habe man von Anfang an im Austausch mit der Bodendenkmalpflege und dem RGM gestanden. Zudem seien Probebohrungen unternommen worden. Doch das Bauwerk, auf das man dann vor einem Jahr zur allgemeinen Verblüffung gestoßen ist, hat die Planung erheblich beeinflusst.

Fast eine Million Euro hat die Evangelische Gemeinde investiert, um die Grundmauern der Bibliothek so gut es geht zu schützen. Ein Beispiel: Mit einer Seilsäge wurde dort, wo ein erdbebensicherer Zerrbalken zwingend angelegt werden musste, die römische Mauer durchgetrennt. Wo also gemeinhin ein Bagger kurzen Prozess macht, wurde hier gleichsam mit der Nagelfeile gearbeitet.

Ein Teil der Bibliothek soll künftig in der Tiefgarage des Gemeindezentrums zu sehen sein. Dafür opfert dieses zwei der rund 20 Stellplätze. Um weitere Überreste des Bodendenkmals im Erdreich zu sichern, wurde das Fundament des Neubaus höher gelegt. Die römischen Relikte werden, mit einer Mineralwolle ummantelt, solcherart für künftige Forscher-Generationen bewahrt.

Pfarrer Herzberg weiß, wie gut der Fund zur Gemeinde passt. Zum einen sei das Christentum eine Buch-Religion, zum anderen sei die Evangelische Kirche heute wie die römische Bibliothek damals um Bildung bemüht. Da füge es sich vortrefflich, wenn das Gemeindezentrum auf den Grundfesten des römischen Wissens aufbaue: „Uns geht es auch darum, die Menschen sprachfähig zu machen und Wissen zu vermitteln.“ Eine weitere Fundsache, dies am Rande, hat es dem Pfarrer überdies angetan: Das mittelalterliche Weihwasserbecken vom Bettelorden der Sackbrüder (Fratres saccati), das ebenfalls – neben vielem anderen – bei den Grabungen gefunden worden ist. Auch wenn das Weihwasser in der evangelischen Kirche keine Rolle spiele, so hoffe er doch, dieses Becken als Zeugnis einer langen christlichen Tradition demnächst in der Antoniterkirche präsentieren zu können.

Die Bereitschaft des Römisch-Germanischen Museums, diesen Fund als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen, sei positiv. Was nicht erstaunt bei einem Bauherrn, der so viele Wünsche der Archäologen berücksichtigt hat. 

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