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Rund 20 000 Menschen diskutierten am 29. Oktober 1989 in einem ersten „Sonntagsgespräch“ vor dem Ost-Berliner „Roten Rathaus“.

1989

Wir Clowns der Freiheit

Der Zeitzeuge und Dichter Durs Grünbein erzählt, wie er die Oktobertage 1989 erlebte.

Es ist nicht das Schlechteste an den Jubiläen, dass sie immer wieder einmal zum Kassensturz führen, zu einer Generalrevision. Gut drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall stellt sich auf einmal die Frage: Wer war es denn, der die Mauer zum Einsturz brachte? Darüber ist, nicht nur unter Historikern, eine Debatte ausgebrochen. Welcher Einzelne, welche Gruppe könnten mit Recht von sich sagen, sie hätten den ersten Stein geworfen, hätten alles ins Rollen gebracht?

War es das Häuflein der Tollkühnen, die am 7. Oktober, pünktlich zum 40. Jahrestag der DDR, in Berlin auf die Straße gingen? Kurz nach Mittag traf man sich am Alexanderplatz vor der Weltzeituhr, damals, als noch alles gefährlich war und die Häscher der Staatssicherheit unter den wenigen wild Entschlossenen ihre Opfer leicht herausgreifen konnten. Ich sehe sie noch, schlecht getarnt in ihren blassen Windjacken, mit den Handgelenktaschen, die mir seither verhasst sind, wie sie sich plötzlich zu dreien und vieren auf einen der Unseren stürzten, ihn beiseite zerrten und abführten.

Oder waren es die wütenden Bürger, die sich schon in den ersten Oktobertagen am Dresdner Hauptbahnhof eine Schlacht mit der Polizei lieferten, aus Protest gegen die Willkür der Regierenden? Man erinnere sich: Die Staatsführung beging damals den schweren Fehler, die Transporte der Ausreisewilligen aus der Prager Botschaft über eigenes Territorium zu lenken („Aktion Zug“), auf die Souveränität des Landes pochend. Das erst brachte die Wut der Daheimgebliebenen zum Kochen und führte zu blutigen Zusammenstößen. 20 000 Menschen belagerten den Bahnhof, Pflastersteine flogen, Autos brannten, bürgerkriegsähnliche Zustände. Wer diesen blinden Zorn einmal sah, kann ihn schwer vergessen, er fragt sich auch, wie viel es braucht, dass er plötzlich aufs neue ausbricht.

Waren es also die Botschaftsbesetzer von Prag und Budapest, mit denen alles begann, Familien mit Kind und Kegel, die mit dem Mut der Verzweifelten auch das andere Deutschland, die Bundesrepublik, in etwas hineinzogen, das größer war als die Vorstellungskraft aller?

Oder waren es erst die Teilnehmer der späteren Leipziger Montagsdemonstrationen, frage ich eifersüchtig – jene Hunderttausend, die seit dem 9. Oktober Woche für Woche sich nach dem Schneeballeffekt formierten, eine friedliche Kirchentagsmenge, darunter aber auch die Frustrierten, die Randalierer, mit und ohne Glatze, Deutschlandfahnen schwenkend, ein Schoß, aus dem auch das zukünftige Pegida-Publikum kroch? Jedenfalls immer mehr Menschen, bis jene kritische Masse erreicht war, die das System zum Kippen brachte?

Wann begann jene Eigendynamik, die schließlich, als größten Überraschungseffekt der Geschichte, die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November erzwang? Erzwang, sage ich, und wir wissen doch alle, auch dies hätte so nicht kommen müssen. Der berühmte Notizzettel von Günter Schabowski, Politbüromitglied, gilt als ein historisches Versehen, ein Zufall, der zum Umschlagpunkt wurde, eine Kleinigkeit, die Großes bewirkte. (Das Original liegt heute im „Haus der Geschichte“ in Bonn. Jemand könnte mir den Gefallen tun und mir das kostbare Schmierblatt bei Gelegenheit einmal zeigen.)

Oder war es das Wirken der Bürgerrechtler in all den Jahren zuvor, die beharrliche Untergrundarbeit vieler Dissidenten im ganzen Ostblock? War die Initialzündung der Streik der Danziger Werftarbeiter und die Gründung der ersten unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc? Oder noch weiter zurück, der Auftritt Papst Johannes Paul II. in seinem Heimatland, bei dem Hunderttausende Gläubige zum ersten Mal die stille Macht einer nicht mehr staatlich organisierten Menge spürten?

Es ist müßig, aus all diesen Ursachen die eine, aus all den Anlässen den einen herauszupicken und zu favorisieren. In den Zeiten des Kalten Krieges gehörten auch die Strategien der beteiligten Mächte zum Spielverlauf. Präsident Reagans Schachzug, die Sowjetunion durch ein Wettrüsten in die Knie zu zwingen. Präsident Gorbatschows wundersame Politik der schrittweisen Abdankung bis hin zur Entscheidung, die DDR, das sowjetische Protektorat, sich selber zu überlassen.

Diesmal war alles anders, diesmal blieben die Panzer in den Kasernen, diesmal wurde der Aufstand nicht gewaltsam niedergeschlagen wie am 17. Juni 1953 in Ostberlin. Diesmal schwemmte die Welle der gewaltlosen Demonstrationen die bis dahin allmächtigen Volksvertreter hinweg, brach den Beton auf und flutete sämtliche Institutionen der Diktatur, inklusive der Staatssicherheitszentren. Die Frage, wer das ganze ins Rollen brachte, kommt zu spät, sie wird das historische Wunder dieser Oktobertage von 1989 niemals einholen.

Oder sollte ich sagen: Halt, halt, wir waren das! Sollte ich auf uns zeigen, die Rebellen der ersten Stunde vom Alexanderplatz, denn ich war damals dabei? Soll ich auf die alles entscheidenden Tage danach verweisen und damit auf uns, die Haufen Unerschrockener, aber auch Unbedarfter, mittlerweile einige Tausend, die sich in Berlin und anderswo auf ein Duell mit massiven Polizei- und Militärkräften einließen? Wir waren keine Helden, wir hatten aber auch nichts mehr mit den Stubenhockern gemein, den passiven Mitläufern auf ihren Balkonen und hinter den Gardinen, denen wir von der Straße her zuriefen: „Leute, lasst das Glotzen sein / Kommt herunter, reiht euch ein!“, den Evergreen aller Protestmarschierer. Die aufgeräumte Stimmung, der launige Ton in unseren Reihen hatten sofort ihr Beruhigendes, im Kontrast zu den düsteren Panzerfahrzeugen, wie aus dem Nichts im Stadtzentrum aufgetaucht, den Sirenen der Polizeifahrzeuge, die durch die Straßen jagten.

Nein, wir waren keine Krieger der Demokratie, wir waren Clowns, die verzweifelt nach Freiheit rangen wie man nach Luft ringt, weil man dabei ist zu ersticken. Die Erstickungsgefahr war nicht nur ein Gefühl, ich hatte sie auch physisch kennengelernt in so vielen ausweglosen Situationen meines noch jungen Lebens, in Schule und Armeedienst und als Student, bei Appellen und in Versammlungen, in hunderten ergebnislosen Debatten und zeitverschwendenen Aktivitäten, in denen mein Leben zerbröselt wurde. Nun war es genug, nun sprangen wir aus dem Schatten und kamen zusammen: Wollten doch mal sehen, wie viele es von uns gab. Und das war der Streik, wir bestreikten die festgefahrene Wirklichkeit. Aber für uns war es eher ein Happening mit staatlichen Komparsen, die allerdings echte Waffen trugen, Pistolen und selbst Maschinengewehre. Für uns war es ein dadaistisches Spektakel, die größte nur denkbare Performance, denn wir waren Performance-Artisten. Ich spreche für mich und meine Freunde aus der Künstlerszene vom Prenzlauer Berg (nicht alle, nicht die wendigen Stasi-Spitzel), ich kann nur von uns reden, die wir uns gut genug kannten, von Else und Ulf und den anderen, die schließlich verhaftet wurden.

Damals gerieten auch wir in die Maschine. Aus einer Laune heraus, es war mein Geburtstag, waren wir in die Nacht ausgeschwärmt, mitten hinein ins Getümmel, inzwischen so übermütig, dass wir die armen Kerle in ihren Uniformen verhöhnten. Bis uns an einer Straßenecke ein Polizeikommando festhielt, ihr Vorgesetzter gab den Befehl, und wir wurden auf einen Laster geworfen, durch die halbe Stadt gekarrt, immer mehr von uns. Wurden böse verprügelt, stundenlangen Schikanen auf Polizeirevieren ausgesetzt, anderntags mit einem Strafgeld entlassen – die Gefängnisse waren schon überfüllt. „Konterrevolutionäre Schweine!“, schrieen uns die Vertreter der Volkspolizei bei ihren Prügelorgien ins Gesicht. Es fehlte nicht viel, und sie hätten von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Aber dann wurde der Druck der Straße übermächtig, in vielen Städten gab es jetzt Demonstrationen, Fernsehbilder verstärkten den Effekt. Die Weltöffentlichkeit war geweckt, und alles nahm seinen finalen Lauf.

Aber halten wir fest: den Anstoß hatte nur eine Minderheit gegeben. Die große Masse der Angepassten blieb lieber zu Hause und verfolgte die Revolution am Bildschirm, ganz zu schweigen von den Systemtreuen. Sie hätten auch eine chinesische Lösung, von der ihr letzter Staatsratsvorsitzender schwärmte, hingenommen. Für uns aber war der Punkt erreicht, wo wir mit diesem Regime am Ende waren. Vierzig Jahre Unfreiheit, das war genug. Allzu lange hatten wir uns jede Maßnahme in dem nach Stalinschen Bauplänen eingerichteten Musterstaat gefallen lassen. Uns ging es nicht mehr um Reformen, Mitgestaltung, endlose Dispute über den besseren Sozialismus. Uns ging es um Machtwechsel, radikalen Neuanfang – „Konterrevolutionäre!“

Das bestimmt bis heute unsere Perspektive, das, und nicht das Gejammer und Geschimpfe derer, die um ihren Obrigkeitsstaat gebracht wurden und ihn nun, wo alles anders kam, gern wieder hätten, bitte in moderater Form. Ich will diese Feierstunde nicht verderben. Aber ich will auch andeuten, worin die Ursachen der allgemeinen Unzufriedenheit liegen.

Wer waren denn die Akteure von 1989, jener Revolution ohne Revolutionäre? Es waren Bürgerrechtler, Dissidenten, Freiheitssucher, Künstler und Träumer aller Art, Demonstranten aus Frust oder politischer Bewusstheit, Kämpfer für die Menschenwürde, sie alle haben ihren Anteil daran. Selbst noch die „Wendehälse“, auch das Heer der Mitläufer der letzten Stunde, als keine Gefahr mehr bestand, bis das ganze sich totlief. Ich sehe noch, wie die letzten ihre Transparente einrollten und nach Hause gingen, durchfroren wie nach einer verregneten Silvesternacht. Und dann kam auch schon das Begrüßungsgeld und alles weitere, die Wahlen, die Einheit, die Treuhandanstalt und die Postenverteilung im Verhältnis 1:100 Ost-West oder so ähnlich.

Am Ende hat nur ein kleiner Teil der Ostdeutschen bekommen, was sie sich vorgestellt hatten. Unter den Enttäuschten sorgt die Abwicklung der DDR bis heute für Empörung. Fragt man sie, wovon sie geträumt haben (und geträumt haben viele), bekommt man tausend Geschichten zu hören: Viele gingen gut aus, aber es hört sich anders an. Die Frage ist immer, wo jeder Einzelne in den entscheidenden Oktobertagen stand. Gehörte er zu den Andersdenkenden, von denen Rosa Luxemburg (etwas unbestimmt) sprach, die Kommunistin, mit der kein Staat zu machen war. Die ermordete polnische Jüdin fällt mir immer dann ein, wenn ich an die Berliner Mauer denke. „Stalins Denkmal für Rosa Luxemburg“, wie Heiner Müller schrieb, eine Zeile, die sicher die Zeiten überdauern wird.

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