Biografie

Für Vaterland und Wehrmacht

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Thomas Karlauf geht den Motiven des Hitler-Attentäters Stauffenberg in einem Porträt intensiv nach.

Stauffenberg ist der bekannteste deutsche Widerstandskämpfer gegen Hitler. Er war der Attentäter, der am 20. Juli 1944 den Diktator mit einer Bombe zu töten versuchte, was jedoch misslang. In der Nazi-Zeit und auch noch später wurde er von der großen Mehrheit seiner Offizierskameraden als „Eidbrecher“ und „Verräter“ diffamiert. Ebenso reagierten Millionen von Hitler-Anhängern.

Nach dem Krieg setzte sich erst ganz allmählich in Teilen der deutschen Gesellschaft die Erkenntnis von der Legitimität des Widerstandes durch, gemäß dem Diktum Fritz Bauers: „Unrecht kennt keinen Verrat!“ In jüngerer Zeit schließlich wurde Stauffenberg in Publikationen und Kinofilmen geradezu heroisiert. Er gilt als Mann von Wagemut und Entschlossenheit, gleichzeitig als Vertreter eines anderen, besseren Deutschlands. Seht her: Es gab nicht nur Schlechtes!

In der interessierten Öffentlichkeit kennt man die Abläufe des missglückten Attentats. Aber die Motive und Beweggründe des Attentäters Oberst im Generalstab Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurden kaum je tiefer ausgeleuchtet. Es ist das Anliegen des Autors Thomas Karlauf, von Beruf Lektor, Literaturagent und Verfasser historisch-politischer Sachbücher, uns den Menschen Stauffenberg näher zu bringen und den Motiven nachzuforschen, die hinter seinem Entschluss standen, Hitler zu töten. Karlauf bleibt auf Distanz zu seinem Protagonisten ebenso wie zu denen, die aus seiner Tat negatives oder positives Kapital für ihre geschichtspolitischen Ambitionen zu schlagen versuchen. Er will wissen: Wer war dieser adlige Offizier? Wie wurde er sozialisiert? Welches Weltbild eignete er sich an? Was trieb ihn in den Widerstand gegen Hitler (nicht gegen den Nationalsozialismus)? Die Darstellung atmet nicht mehr die zittrige Luft geschichtspolitisch-weltanschaulicher Kontroversen, sondern zeichnet sich stattdessen durch historisierende Gelassenheit aus.

Wie kaum ein anderer Autor kennt sich Karlauf mit dem wahrscheinlich einflussreichsten Vordenker Claus von Stauffenbergs und seiner Brüder Berthold und Alexander aus, mit Stefan George. Er schrieb ein Buch mit dem Titel „Stefan George. Die Entdeckung des Charisma“ (München 2007). Er ist vertraut mit dessen geheimnisvoller Phantasiewelt, die bei den meisten heutigen Lesern nur noch ratloses Kopfschütteln hervorzurufen vermag. Die Stauffenberg-Brüder jedoch und mit ihnen etliche andere kluge Zeitgenossen verehrten George als ihren großen Meister.

Karlauf geht so weit, den Ende 1933 verstorbenen Dichter George als den „geistigen Urheber des Attentats“ vom 20. Juli 1944 zu bezeichnen. Gemeint ist damit anscheinend, dass er seinen Jüngern ein elitäres Bewusstsein, den Mut zur Übernahme von Verantwortung und die Überzeugung von der Notwendigkeit einer historischen Tat einimpfte.

Drei Faktoren prägten Stauffenberg in besonderer Weise: Die adlige Familie, der Einfluss Georges und der preußisch-deutsche Generalstab. Karlauf, der sich selbst als ungedienter Zivilist outet, aber von intensiven Beratungen durch einen Militärhistoriker profitierte, blättert den beruflichen Lebensweg Stauffenbergs in der Weise auf, dass er ihn in den breiten Kontext der deutschen Militärgeschichte stellt. Das geschieht mit einem erstaunlichen Kenntnisreichtum. Man begreift, dass dieser Offizier ebenso wie seine Kameraden zu den Feinden der Weimarer Republik gehörte; dass er Hitler und den Nationalsozialismus enthusiastisch feierte; dass er die massive Aufrüstung der 1930er Jahre begrüßte und von ihr profitierte: dass er an dem zur Staatspolitik erhobenen Antisemitismus keinerlei Anstoß nahm; dass er im Krieg gegen Polen unsägliche rassistische Äußerungen über die Polen von sich gab; dass er in jedem neuen Krieg, den Hitler anzettelte, eine Möglichkeit soldatischer Bewährung sah, selbst immer wieder an die Front drängte, weil sich angeblich nur dort das eigentliche Leben des Soldaten abspielte; und dass er an den verbrecherischen Befehlen der Regierung, des OKW und des OKH keinen Anstoß nahm, sie damit billigte, ja dass er sich nicht einmal über die schon im Sommer 1941 einsetzenden, systematischen Judenmorde empörte, über die er stets gut unterrichtet war.

Wenn wir Karlauf folgen, so wurde Stauffenberg durchgängig nicht von moralischen Überzeugungen irgendwelcher Art getrieben, sondern von rein militärischen und machtpolitischen Erwägungen. Seine Dienststellung als Verantwortlicher für den personellen und materiellen Nachschub des deutschen Ostheeres gab dem hochintelligenten und in selbstständigem Denken geübten Generalstäbler tiefe Einblicke in den Kriegsverlauf.

Stauffenberg erkannte zunehmend klarer, dass Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen konnte, ja dass die ganz konkrete Gefahr drohte, dass der militärisch unfähige Hitler sein geliebtes Vaterland an die Wand fahren und mit ihm zugleich auch die Wehrmacht in den Untergang reißen könnte. Damit drohte seine ganz persönliche Welt – die er in seinem Land und der Wehrmacht verkörpert sah – einzustürzen. Gegen diese Gefahr und ihren Verursacher, Hitler, den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, mobilisierte Stauffenberg seine widerständigen Energien.

Es ist viel darüber gerätselt worden, weshalb Stauffenberg und eine ganze Reihe anderer widerständiger Militärs letztlich nicht in der Lage waren, ihre angeblich feste Absicht, Hitler zu ermorden, umzusetzen. Karlauf geht dieser Frage intensiv nach, um schließlich festzustellen, Stauffenberg sei auch deshalb gescheitert, weil seine widerständigen Kameraden ihn nur halbherzig unterstützten und vor der letzten Konsequenz zurückschreckten.

Thomas Karlauf: Stauffenberg. Porträt eines Attentäters. Blessing, München 2019. 367 Seiten, 24 Euro.

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