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Charlotte Adigéry und Bolis Pupul: Ceci n’est pas un cliché

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Von: Stefan Michalzik

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Charlotte Adigery.
Charlotte Adigery. © AFP

Diskurs auf dem Dancefloor: ,,Topical Dancer“, das Debütalbum von Charlotte Adigéry & Bolis Pupul

Sollte am Ende dieses Jahrzehnts jemand eine Liste der wichtigsten Alben der Dekade in Sachen diskursorientierter Popmusik aufstellen – dieses wäre ein Favorit für einen der vordersten Ränge. Klartext gleich in den ersten Songzeilen, in Gestalt herausfordernder Fragen: „Are you polite or political?/ Are you correct or cynical?“. Und so geht es weiter, mit unnachgiebiger Schärfe und häufig auch mit einem erheblichen sardonischen Witz. Das alles im Umfeld einer dancefloornahen musikalischen Flockigkeit, die sich nicht im mindesten mit Pop-Avantgardismus beißt. „Topical Dancer“, das Debüt des belgischen Duos Charlotte Adigéry und Bolis Pupul ist eines der Alben der Stunde.

Adigéry, geboren in Frankreich und aufgewachsen im belgischen Gent, hat einen martinikanisch-guadeloupischen Hintergrund, auf dem Coverfoto präsentiert sie sich in ballettöser Pose mit Schwangerschaftsbauch. Pupul ist chinesischstämmig. Erfahrungen von Rassismus sind ein leitendes Motiv, um postkolonialistische Belange drehen sich die Songs und um Frauenfeindlichkeit. „Topical Dancer“ wurde von den Brüdern David und Stephen Dewale von Soulwax mitproduziert, es ist auf deren Label erschienen, sie werden in den Autorenzeilen mitaufgeführt.

Die Songs nehmen mitunter, beispielsweise in „Esperanto“, den Charakter von praktischer Nachhilfe in politischer Korrektheit an: „Don’t say: But where are you really from?/ Say: I don’t see colour“. In den Texten werden verschiedentlich die Zitate zum Tanzen gebracht. Auf „Hey Mister DJ“, eine ikonisch markante Wendung aus dem Titelsong von Madonnas Album „Music“ (2000), eine Feier des Hedonismus, folgt ein trockenes „Ain’t got no money“.

Das Album:

Charlotte Adigéry & Bolis Pupul: Topical Dancer. Because Music/Alive.

„Ceci n’est pas un cliché“ heißt im Übrigen der Song, in dem sich das abspielt, abgeleitet von René Magritte. In diesem Song werden pophistorische Titel wie „Cold As Ice“ (Foreigner) und „My Heart Is Beating Like a Drum“ (Emilíana Torrini, nicht ganz wörtlich) zitiert. Ein anderer Song heißt „Making Sense Stop“ – eine Anspielung auf den Titel des berühmten Talking-Heads-Albums.

Von einer außerordentlichen Raffinesse und Eleganz ist die Musik, zwischen minimalistischen Beats, einem subtilen Umgang mit House und der selbstverständlichen Leichtigkeit großartiger Popsongs. Mehrfach ist es der Gebrauch der Intuition, auf den Charlotte Adigéry auf dem überwiegend englisch-, teils auch französischsprachigen Album als leitende Kraft anempfohlen wird. Sie möge einfach tun, womit sie sich gut fühle, ergeht der Rat einer älteren Frau an eine junge in „Ich Mwen“ (die Worte sind Haiti-Kreolisch): „love yourself like you love everyone“. Die Antwort auf die Frage, was es bedeute, Mutter zu sein: „Mhm, da habe ich nie ernsthaft darüber nachgedacht/Ich habe es einfach getan“.

Vor drei Jahren haben Adigéry und Pupul eine 34-minütige „Yin Yang Self-Meditation“, ein tatsächlich meditationsmusikalisches instrumentales Doppel von 35 Minuten Dauer herausgebracht. Mit sphärischen Gesängen und Geklöppel, im zweiten Teil nicht ungeschickt mit veritablem Minimal Techno verschränkt. Auf dem Album jedoch verschonen sie uns vor derlei.

Gegen die Intuition indes als Empfehlung, gerade in Tateinheit mit politischem Denken, ist selbstredend ganz und gar nichts einzuwenden.

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