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Carmen, Adriana Bastidas-Gambos, hier mit Matthias Hoffmann als Zuniga.

„Carmen“ in Köln

Carmen im Kampf ihres Lebens

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Regisseurin Lydia Steier bietet in Köln eine glänzend durchdachte und umgesetzte Interpretation von Bizets Oper „Carmen“.

Jetzt aber auf nach Köln, wo Lydia Steier eine starke und beinharte Interpretation von Georges Bizets „Carmen“ vorlegt. Lydia Steiers Carmen ist keineswegs bereit, als größter anzunehmender Männertraum aufzutreten. Dass sie den anwesenden Männern als Projektionsfläche für ihre erotischen Vorstellungen dient, wird noch deutlicher, indem sie selbst ständig darum bemüht zu sein scheint, sich der Situation und ganz besonders der körperlichen Nähe zu entziehen. Wenn „Carmen“ eine Oper über das Begehren ist – zweifellos ist sie das –, so begehrt diese Carmen eine Ruhe und einen Frieden, den sie nicht bekommen kann.

Adriana Bastidas-Gamboa zeigt eine verstörte Frau, die psychopathisch agieren kann – die Schnittverletzungen, die sie sich beibringt, erinnern an den argen Batman-Antipoden Joker –, für die ihre Attraktivität ein Mittel zum Zweck ist (freizukommen) und die von einem bösen Traum heimgesucht wird. Dezent lässt Steier ihn zur Ouvertüre einflechten und in den Zwischenspielen weiter ausbauen. Sie selbst, Carmen, ist darin der Stier, der von einem Torero bedroht, gepeinigt und schließlich getötet wird. Ein Coup, denn der Stier, der niemals gewinnen kann, bietet das Maximum eines zornigen und trotzdem auf völlig verlorenem Posten befindlichen Opfers. Die Spanierin Carmen weiß das zu gut.

Dass sie nicht erst beim Kartenlegen, sondern schon zur ersten tragischen musikalischen Wendung in der Ouvertüre ihr Schicksal erkennt – indem sie träumt, aber auch, indem sie die Musik von Bizet hört! –, ändert natürlich alles. Sie wehrt sich nicht zuletzt, indem sie anfangs einen robusten Arbeitsanzug über das Unterkleidchen zieht (Kostüme: Gianluca Falaschi). Herrlich, wie Escamillo, Oliver Zwarg als Durchschnittsbeau, Carmens Anspannung bei seinem Anblick missinterpretieren wird.

Da die Musik also mehr weiß als die Figuren, ist Steiers Idee aber kein penetranter Eingriff in das Geschehen. Vielmehr scheint sie bloßzulegen, was immer schon da war: Carmen, in Köln eine echte Gewalttäterin, ist das Opfer, das sich wehrt, und sie ist das Gegenteil der begehrenden Begehrten. Dass sie dem verlegenen Don José – dem einzigen Mann, der sie nicht anglotzt – eine Rose schenkt, ist von großer Zartheit, eine Geste von Außenseiterin zu Außenseiter. Fabelhaft, wie auch das nicht in einen Widerspruch zur Musik gerät. Das diesmal links von der Bühne platzierte Orchester wird von Claude Schnitzler als Gast aus Frankreich dirigiert, der einen nüchternen, aber intensiven Ton anschlagen lässt. Dass das manchmal zu matt klingt und die Verbindung zum Bühnengeschehen abhanden zu kommen scheint, liegt vermutlich am Staatenhaus 1 – dem Dauerausweichquartier der in einem ewigen Sanierungsprozess befindlichen Kölner Oper. Eine noch so aparte Messehalle wird über die Jahre trotzdem nicht zum Opernhaus.

Bastidas-Gamboa unterstützt Schnitzlers verschlankendes Vorgehen, indem sie ihrem schönen Timbre nicht die übliche Sinnlichkeit, sondern noch eine Spur mehr Dunkelheit mitgibt. Wenn sie spricht – es gibt eindrucksvolle, sehr kurze Dialoge, ebenfalls auf Französisch – ist sie unglaublich aggressiv. Ihre Lieder sind trotzdem bezaubernd, auf der Bühne fällt keinem etwas auf.

Denn wie Bizets Musik ist auch das Geschehen von erheblicher Erzählfreude und Lebendigkeit. Spielort sind nun einige von Momme Hinrichs (Bühne & Video) detailreich eingerichtete Fleischereiverkaufsstände, ein derbes Geschäft, aber die Menschen drängen zu den Ständen, sobald geöffnet wird. Glänzend hat Steier den Chor präpariert, ein Panoptikum an Typen und Konstellationen, und die großen Szenen stehen der Intensität der kleinen in keiner Hinsicht nach. Denn außer Carmen ist man unbedingt auf Erotik aus, auf bezahlten Sex oder die müßigen Wonnen eines Starauftritts: Escamillo bringt die Frauen kaum weniger in Wallung als die Männer. In einem irrwitzigen Vermantschen von Gottesdienst, Sex, Gewaltroutine, mafiösem Geschäft und Karneval kommen die Leute richtig in Stimmung. Steier übertreibt manchmal, aber selten.

Während Escamillo als unverbindlicher Entertainer auftritt – von Zwarg nicht übergroß, aber passgenau gesungen –, ist José ein armer Teufel, den die Ereignisse komplett zerstören. Martin Muehle singt allerdings wie ein Gott, jedenfalls so, dass man sich kaum einen José schmelziger, lyrischer, stabiler und schlichter vorstellen kann. Steiers letzte Volte, Carmens Suizid, mit dem sie sich ihrer Opferrolle endgültig entzieht (ein Paradox, aber kein abwegiges), gibt auch ihm den Rest.

Verloren geht in alledem die Figur der Micaela, etwas hochdramatisch, aber eindrucksvoll gesungen von Ivana Rusko. Steier macht sie zum Hascherl und findet eine Brille dafür passend. Die einzige Karikatur weit und breit.

Oper Kölnim Staatenhaus 1: 17., 20., 23., 28. November. www.oper.koeln

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