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Camerons zweiter „Avatar“ im Kino: Der Geist in den Wassern

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Von: Daniel Kothenschulte

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Sam Worthington als Jake Sully in einer Szene des Films „Avatar 2: The Way Of Water“.
Sam Worthington als Jake Sully in einer Szene des Films „Avatar 2: The Way Of Water“. © dpa

Rauschhaft animiert und dennoch blutleer: James Camerons neuer „Avatar“ ist ein Augenschmaus und wenig mehr.

Der Weg des Wassers“ hat James Cameron seine „Avatar“-Fortsetzung genannt, von einer nach Corona ausgetrockneten Kinobranche sehnsüchtig erwartet wie der große Regen nach der Dürre. Was sich dahinter verbirgt, lässt sich durchaus „spoilern“, schließlich gehört es zum Grundschulwissen: Nichts geht verloren im Wasserkreislauf, die Sonne hält ihn in Gang.

Es ist das mehrfach wiederholte Mantra dieses Kriegsfilms um postkoloniale Ausbeutung im Gewand eines Fantasy-Spektakels. Als einer der jungen blauhäutigen Helden sein Leben gelassen hat, beschwört es die Trauergemeinde, während sie den Leichnam auf einer Unterwasserwiese zur letzten Ruhe bettet: Keine Energie gehe je verloren, und eine der zahlreichen Mutterfiguren in der Geschichte versichert dazu dem toten Recken, er kehre zurück in den Bauch, der ihn geboren habe: It’s the circle of life, schon der König der Löwen konnte ein Lied davon singen.

Wann immer in diesen Tagen im Kino die Wehrhaftigkeit eines unterjochten Volkes gefeiert wird, kann man nicht umhin, an einen anderen perfiden Angriffskrieg zu denken, von dem Cameron natürlich noch nichts wissen konnte, als er die Geschichte schrieb. Möglich, dass es Heldenpathos derzeit etwas leichter hat auf dem Weg zum Publikum, wenn Kriegspropaganda zum alltäglichen Schnittmaterial der Fernsehnachrichten geworden ist. Oder ist es doch gerade umgekehrt? Verliert vielleicht im Gegenteil die Fantasy ihre Unschuld, wenn sich die Wirklichkeit auch im Kino nicht mehr aussperren lässt? Wenn Staaten täglich Menschenleben für ihre Ziele opfern, will man dann auch noch in der Fiktion warme Worte über das Sterben junger Männer hören?

Wer sich auf die schwelgerischen Cameron-Visionen in optimierter 3D-Technik gefreut hat, kommt aber dabei keineswegs zu kurz: Dieser große Hydrophile unter den Filmkünstlern macht das Kino mehr noch als 2009 im ersten Film zum Aquarium. Eigentlich müsste es „Aquatar“ heißen, so viel wird hier getaucht und geschwommen und auf dem Rücken amphibischer Kreaturen über sonnenverwöhnte Wasserlandschaften geflogen. Paradiese, die so wirkungsvoll heraufbeschworen werden, sind natürlich stets vom Untergang bedroht. Etwa die Hälfte der 193 Minuten gehören den Kampf- und Schlachtszenen.

Selten hat man eine schmalere Geschichte opulenter orchestriert, und James Cameron kennt sich da aus: Es war ja gerade die Kunst von „Titanic“, wie da eine einzige Stimmung in einem einzigen langsamen Crescendo ihrem unausweichlichen tragischen Finale zusteuerte – und die Bilder es einfach mit der Größe der Gefühle aufnehmen wollten. Leicht hätte man süffisantere Dialoge und charismatischere Nebenfiguren ins Drehbuch schreiben können, aber es wäre kein besserer Film daraus geworden. Diesmal ist es eher umgekehrt: Etwas weniger New-Age-Pathos auf den digitalen Lippen würde durchaus helfen; die Bilder erzählen bei Cameron immer noch genug.

„Titanic“-Fans werden sich freuen, einen Nachschlag gereicht zu bekommen. Der letzte Akt spielt auf einem sinkenden Schiff, doch es ist kein prächtiger Ozeanriese, um den es schade wäre, sondern das Werkzeug brutaler Räuber. „Sky People“ wie die Wassermenschen auf Pandora die menschlichen Eindringlinge nennen, sind bis an die Zähne bewaffnet eingefallen, um ehrwürdige, walgroße Wasserwesen abzuschlachten. Eine Substanz, die sich aus ihren toten Körpern abzapfen lässt, verheißt ewiges Leben.

Sigourney Weaver als Kiri in einer Szene des Films „Avatar 2: The Way Of Water“.
Sigourney Weaver als Kiri in einer Szene des Films „Avatar 2: The Way Of Water“. © dpa

Mehr als zehn Jahre nach den Ereignissen des zuletzt sehr erfolgreich im Kino wiederaufgeführten ersten „Avatar“ – des erfolgreichsten Films aller Zeiten – sind Jake Sully (Sam Worthington) und Neytiri (Zoe Saldana) stolze Eltern. Zu ihren drei leiblichen Kindern Neteyam (Jamie Flatters), Lo’ak (Britain Dalton) und Tuktirey (Trinity Bliss) gesellen sich der Menschenjunge Miles „Spider“ Socorro (Jack Champion) und die adoptierte Na’vi-Teenagerin Kiri (tatsächlich gesprochen und per Performance-Capturing für die Computeranimation gespielt von James Camerons Lieblingsdarstellerin Sigourney Weaver).

Wer den Film im Original anschaut, feiert auch ein Wiederhören mit „Titanic“-Star Kate Winslet. Als schwangere Angehörige eines anderen Na’vi-Stammes, dem Metkayinavolk, bietet sie mit ihrem von Cliff Curtis gesprochenen Mann der Familie Zuflucht. Da ahnt das friedliebende Volk noch nicht, welchen Ärger man sich mit den Gästen einfängt. Der sadistische General Ardmore (Edie Falco) soll nicht nur für die Resources Development Administration Pandora ausbeuten, sondern auch gezielt Jake Sully töten. Spider nimmt er dagegen gefangen, oder wie es der Eroberer in seinen paternalistischen Ambitionen wohl nennen würde, unter seine Fittiche.

Leider sind autoritäre Familienverhältnisse auch auf der Seite der „Guten“ die Norm. Jake lässt sich von seinem Sohn mit „Sir“ anreden, und hat auch sonst viel zu kritisieren. Man wartet geduldig, bis die altmodischen Geschlechterrollen einmal ins Wanken geraten, doch es bleibt wie es ist: Männer sind stark und stumm, Frauen weinen oder schreien. Nur einmal, spät in der Geschichte, bekommt auch Jake mal feuchte Augen – da fällt ihm auf, wie groß sein Sohn geworden ist.

Unter dem Deckmantel der Kolonialismuskritik verwendet Cameron die Muster der alten Kavallerie-Western. Auch in diesem Genre war Hollywood Ende der 50er Jahre so weit, sich auch mal auf die Seite der „edlen Wilden“ zu stellen. Aber verlieren diese Klischees nun ihre Muffigkeit, nur weil man die indigenen Völker Amerikas durch Phantasiewesen auf einem fremden Planeten ersetzt? Stolz verweist James Cameron in Interviews auf die Fortschritte, die seine Software in der Darstellung der Mimik gemacht hat. Hölzern bleiben seine Figuren aber schon deshalb, weil man ihnen kaum individuelle Züge ins Drehbuch geschrieben hat.

Gut möglich, dass dieser Film trotzdem die Erfolgserwartungen erfüllt, tricktechnisch setzt er zweifellos Maßstäbe. Selbst die digitale 3D-Technik hat Cameron so gut im Griff, dass man die Brille völlig vergisst. Ein Klassiker aber wird daraus nicht; dass es seinem „Way of the Water“ an Leben fehlt, ist kein technisches Problem.

Avatar: The Way of the Water. USA 2022. Regie: James Cameron. 193 Minuten.

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