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In einer Küche in Deutschland, 1976

Call me Sabine

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Frauen wird nichts geschenkt, das zeigt ein Blick auf den zähen Weg zur Gleichstellung in den vergangenen hundert Jahren.

Hundert Jahre Frauenwahlrecht. Mehr als 80 Prozent der wahlberechtigten Frauen gaben bei der Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 ihre Stimme ab. Von 300 Kandidatinnen zogen 37 in die Nationalversammlung ein. Im Artikel 109 der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 hieß es: „Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“

Als am 30. November 1948 im Parlamentarischen Rat über die ins zu schaffende Grundgesetz zu schreibenden Grundrechte debattiert wurde, legte die Sozialdemokratin Friederike Nadig den von ihrer Kollegin Elisabeth Selbert formulierten Antrag vor, den Katalog der Grundrechte um einen Satz zu ergänzen: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Die Weimarer Einschränkung „staatsbürgerlich“ war verschwunden. Elisabeth Selbert hatte die Weimarer Erfahrungen beherzigt. „Staatsbürgerlich“ war nicht genug. Gleichberechtigung musste in allen Lebensbereichen gelten. Der liberale Abgeordnete Dehler erkannte sofort die Konsequenzen: „Dann ist das Bürgerliche Gesetzbuch verfassungswidrig.“ 

Dennoch heißt es im Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Man vergleiche diesen Text mit dem Artikel 7 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 7. Oktober 1949: „Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben.“ Die DDR-Verfassung sieht die Sache wie Thomas Dehler, zieht daraus allerdings den einzig sinnvollen Schluss. Das Grundgesetz der BRD dagegen gibt Willenserklärungen ab, vertröstet auf die Zukunft.

Der Frauenanteil in der Weimarer Nationalversammlung lag mit 9,6 Prozent damals höher als in jedem anderen Land; erst 1987 übertraf der Frauenanteil im Bundestag (17,8 Prozent) den in der Weimarer Nationalversammlung deutlich. Den höchsten Frauenanteil hatte der letzte Bundestag (2013-2017) mit 37,3 Prozent. Im aktuellen Bundestag sind es nur noch 31 Prozent.

Dehlers Erinnerung an das Bürgerliche Gesetzbuch war völlig richtig. Da gab es etwa den 1900 eingeführten Gehorsamsparagraphen: „Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung. Die Frau ist nicht verpflichtet, der Entscheidung des Mannes Folge zu leisten, wenn sich die Entscheidung als Missbrauch seines Rechts darstellt.“ Dieser Paragraph wurde erst 1957 ersatzlos gestrichen. Nach langen Kämpfen, in denen auch die christlichen Kirchen sich vehement für die Beibehaltung des Paragraphen eingesetzt hatten, der in ihren Augen „natürlichen Eheordnung“.

1958 trat in der BRD das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft. Frauen durften jetzt zum Beispiel ohne Genehmigung des Mannes den Führerschein machen; Männer durften nicht mehr über das von den Frauen in die Ehe mitgebrachte Vermögen verfügen. Erst 1962 durften sie ein eigenes Konto ohne Genehmigung des Ehegatten eröffnen.

Hier sei mir eine persönliche Zwischenbemerkung gestattet: Erst vor ein paar Jahren erfuhr ich, was ein Widmann war. In Süddeutschland ist es ein sehr häufiger Name. Der Grund ist: In einigen süddeutschen Staaten war Witwen nicht nur nicht gestattet, über ihr Erbe zu verfügen, sondern sie bekamen einen Vormund. Das war der Wittmann. Ich weiß nicht, wann aus dieser Institution ein Personenname wurde. Ich weiß auch nicht, wann diese Institution wo abgeschafft wurde.

Der 1958 neu formulierte Paragraph 1356 des bürgerlichen Gesetzbuches schrieb die alte, dem Gleichberechtigungsgrundsatz des Grundgesetzes widersprechende Rollenverteilung noch einmal ausdrücklich fest: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

1977 wurde der Paragraph noch einmal umformuliert. Nun hieß er: „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen. Die Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein. Bei der Wahl und Ausübung einer Erwerbstätigkeit haben sie auf die Belange des anderen Ehegatten und der Familie die gebotene Rücksicht zu nehmen.“

Erst im Mai 1997 wurde eine völlig absurde Gesetzeslage geändert. 1973 hatten im Zuge einer Strafrechtsreform „Vergewaltigung“ und „sexuelle Nötigung“ Eingang ins Bürgerliche Gesetzbuch gefunden. Dabei war wie seit 1872 immer noch ausdrücklich von „außerehelichem Beischlaf“ die Rede. Vergewaltigung in der Ehe wurde erst im Mai 1997 nach erbitterten Auseinandersetzungen ein Straftatbestand. Von 643 abgegebenen Stimmen sprachen sich 138 Abgeordnete des deutschen Bundestages dagegen aus. Ausnahmslos Mitglieder von CDU, CSU und FDP. Unter ihnen Friedrich Merz, Volker Kauder und Horst Seehofer.

Erst seit dem November 2016 gilt „Nein heißt Nein“. Nun liegt der Tatbestand der sexuellen Nötigung auch vor, ohne dass Gewalt angewandt oder auch nur mit ihr gedroht wurde. Wenn eine Frau Nein sagt, heißt es nein. Ein Mann ein Wort, hieß es früher. Jetzt gilt das auch für die Frau. Übrigens stimmten 2016 alle Bundestagsabgeordneten für dieses Gesetz. Es stellt einen entscheidenden Schritt dar zu einer wirklichen Gleichberechtigung der Geschlechter. Dass der Bundestag ihn ging, hatte freilich nichts mit dem jahrelangen Kampf vieler Frauen für eine derartige Neureglung zu tun. Er war vielmehr eine Reaktion auf die sexuellen Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015/2016. Erst die Vorstellung, sich mit diesem Gesetz gegen „die Fremden“ wehren zu können, machte das eigentlich Selbstverständliche möglich. 

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit gilt bis heute nicht. Obwohl es nicht an Gesetzen fehlt, die genau das regeln sollten. 1980 etwa wurde die BRD-Gesetzgebung an die der Europäischen Gemeinschaft angepasst. So kam der Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Leistung“ ins BGB. Ebenso auffällig aber wie die unterschiedliche Bezahlung – Frauen erhalten etwa 20 Prozent weniger – gleicher Arbeit ist, dass es keine gleiche Arbeit gibt.

Der Frauenanteil in den Führungsgremien der deutschen Wirtschaft liegt 2018 bei 8,6 Prozent. 2015 waren weniger Frauen in den DAX-Vorständen als Männer, die Thomas oder Andreas hießen. „Call me Tom“ rief vor zwanzig Jahren der damalige Vorstandschef der Bertelsmann AG – er hatte gerade den US-Verlag Random House gekauft – seinen erschrockenen Angestellten zu.

Wir sollten aufhören, Tom zu rufen. Bettina und Sabine wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung. Noch schöner wäre, auch die Dileks und Ranas würden die Führung übernehmen. Ohne Anstrengung der ganzen Gesellschaft wird das nicht gehen. Es gibt eine deutliche Korrelation zwischen der Beteiligung von Frauen in den politischen Institutionen und der sozialen Verfasstheit einer Gesellschaft. Das liegt sicher auch am sozialen Engagement der Frauen, aber es hat ebenso damit zu tun, dass, wo für eine gerechtere Welt gekämpft wird, es auch um Frauenrechte geht.

1991 erschien Susan Faludis Klassiker „Backlash: Die Männer schlagen zurück“. Sie zeigte, dass in den 80er Jahren ein massiver Kampf gegen den Feminismus und seine Errungenschaften geführt wurde. Die 80er Jahre waren die Zeit, in der das Finanzkapital entfesselt, in England die Gewerkschaften zerschlagen wurden. Der Kampf gegen die Frauenrechte war ein wichtiges Moment in einem viel umfassenderen Versuch, die Bürgerrechte zurückzudrängen.

Mit nichts anderem haben wir es heute weiterhin zu tun. Dass ein Mann wie der erwähnte Friedrich Merz sich als Hoffnungsträger einer gebeutelten CDU aufzustellen vermochte, zeigt, wie sehr große Teile unserer Gesellschaft zurückblicken. Den Frauen wird nichts geschenkt. Vor einhundert Jahren war, um zu erreichen, dass Frauen wählen und gewählt werden können, eine Revolution notwendig. Gerade das Selbstverständliche, lernen wir, gehört zu dem Einfachen, „das schwer zu machen ist“.

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