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Faksimile der Globensegmentkarte von Martin Waldseemüller.
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Faksimile der Globensegmentkarte von Martin Waldseemüller.

Waldseemüller-Karte

Vom Bumerang

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Eines der sowieso wenigen Exemplare der Weltkarte Martin Waldseemüllers ist kein Original. Aber was heißt das - war sie doch schon vor 500 Jahren eine Fiktion.

Das ist nun sehr bedauerlich, denn ein böser Bumerang-Effekt lässt sich nicht von der Hand weisen. Jetzt, wo sich ein Einblattdruck der wahrhaftig weltberühmten Waldseemüllerkarte als Fälschung entpuppt hat. Nicht die Darstellung selbst, nicht die Weltkarte, auf der 1507 erstmals der Name „America“ auftauchte. Eine Karte, die unter Europas Eliten berühmt war, die auch in Frankfurt Furore machte – und diesen neuen Kontinent, Amerika, ein wenig so veranschaulichte wie einen Bumerang. So stellte Martin Waldseemüller die erst wenige Jahre zuvor eher zufällig aufgestöberte Weltferne dar, von Wasser umgeben. Das war ein Ozean.

Jetzt, nachdem das Weltwunder an dieser Stelle schon ein-, zweimal gewürdigt wurde, hat sich herausgestellt, dass es sich bei dem Exemplar in der Bayerischen Staatsbibliothek nicht etwa um ein Original handelt, sondern um eine wohl vor 1960 entstandene Kopie des Exemplars in der Universität von Minnesota/USA. So teilte es die Staatsbibliothek gestern mit – und das ist eine allemal erstaunliche Entwicklung.

Denn es war im Sommer 2012, da gab die Universitätsbibliothek in München bekannt, ein Exemplar der Waldseemüllerkarte „entdeckt“ zu haben. Aufgefunden in einem Bucheinband des 19. Jahrhunderts, dort hatte sich die Renaissancekarte verborgen, eines von bis dahin erwiesenermaßen äußert raren Originalen, die der um 1470 irgendwo im Breisgau geborene Kartograf 1507 auf den Markt gebracht hatte, wie gesagt auch in Frankfurt, auf der Messe. Wo also „America“ lag, war bereits ein Begriff in Frankfurts Altstadt, seinerzeit.

2012, bis zur Wiederentdeckung in München, waren nur noch vier Exemplare der Karte bekannt, wobei es sicherlich auch so ist, dass die Großtat Waldseemüllers in den letzten Jahren manche Renaissanceausstellung oder kulturhistorische Schau zur frühen Neuzeit bereicherte. Ja, sicher, es waren wohl Kopien, Faksimiles, aber großformatige Ansichten einer 500 Jahre alten Weltsicht waren es schon. Denn erst fünfzehn Jahre vor Waldseemüllers Karte, 1492, war der Kontinent Amerika aufgespürt worden. Es war, wie die Menschheit einsehen musste, ein Missverständnis gewesen, hatte doch Kolumbus seine Entdeckung einem ganz anderen Weltwinkel zugeschrieben (Stichwort: Indien).

Auch später sollten die Missverständnisse nicht abreißen. Wenn nämlich „America“ auf der Karte des Kosmografen stand, dann lag das daran, dass Waldseemüller die Entdeckung der neuen Welt einem Seefahrer namens Amerigo Vespucci (1451-1512) zuschrieb, fälschlicherweise. Vespucci, der Entdecker, nicht Christopher Kolumbus: Dafür, dass die Gelehrtenwelt Europas einem Fake aufsaß, unternahm Vespucci allerlei Anstrengungen.

Überhaupt ist die Weltkarriere der Waldseemüllerkarte eine Geschichte ergiebiger Missverständnisse. Das scheint sich mit der gestrigen Meldung nur zu bestätigen. Die Staatsbibliothek in München hatte 1990 ein Exemplar der Weltkarte für zwei Millionen D-Mark erworben. Der Verdacht einer Fälschung kam auf, als ein weiteres Exemplar beim Auktionshaus Christie’s in London bekannt wurde. Vor der Versteigerung verglich das Auktionshaus die Karte mit dem Dokument in München. Dort folgte dann eine materialwissenschaftliche Untersuchung. Am Ende musste man einsehen: Beide Karten sind Kopien des Exemplars in den USA.

Abenteuerlich! Aber es passt ganz gut ins Bild. Was für den Kartografen mit der falschen Fährte „Amerigo“ begann, wurde dennoch zu einem Riesenschritt für die Menschheit, hat sie doch bei dem Namen „America“ nie wirklich gefremdelt. Im Gegenteil, die Neue Welt zog die Alte in ihren Bann, und die Auswanderer, die sich schließlich einschifften, um an die Gründung der Vereinigten Staaten zu gehen, nahmen die Waldseemüllerkarte immer sehr ernst. So ernst, dass sie eines Tages gar in den Rang einer „Taufurkunde“ aufstieg. 2007 war das, nach genau 500 Jahren ihrer Existenz.

2007 war es auch, da trat die Bundeskanzlerin ein Exemplar der Waldseemüllerkarte, obwohl eingestuft als national wertvolles Kunstgut, an die Vereinigten Staaten von Amerika ab. Sie sanktionierte damit den Deal eines Eigentümers aus oberschwäbischem Adel, der die Ikone, Proteste waren vergeblich, für zehn Millionen Dollar an die Library of Congress in Washington verkauft hatte.

Zur großen Wanderung der Waldseemüllerkarte durch Raum und Zeit gehört, dass es ihr Schöpfer war, der die damals bekannte Welt in zwölf Segmente unterteilte, zwölf schmale, lamellenartige Teilstücke, die sich zu einer kleinen Erdkugel fügten, wenn man sie denn zusammenfaltete. Man könnte sagen, dass Waldseemüllers Welt aus einer Vorrichtung aus Spitzovalen besteht. Ebenso wenig ist der Eindruck aus der Luft gegriffen, dass die Erdkugel vor 500 Jahren wie ein Bastelbogen wirkte, nachdem Martin Behaim 1494 seinen „Erdapfel“ in Nürnberg, den ersten Globus der Welt mithin präsentiert hatte.

Man sollte nicht vergessen, mit seiner Karte riss Waldseemüller den Horizont der Alten Welt auf. Mit ihr wurde der Kompass der Weltentdeckung neu justiert, auch der der Welteroberung. Auch wenn die Welt-entdecker mit der gewiss epochalen Karte noch auf manche falsche Fährte geschickt wurden, nicht nur wegen der Lage Madagaskars. Auch wegen des „Bumerangs“ im Weltmeer.

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