Der Bücherkater hatte sich so rar gemacht, dass die Nachbarn schon besorgt nach ihm fragten.
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Der Bücherkater hatte sich so rar gemacht, dass die Nachbarn schon besorgt nach ihm fragten.

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Bücherherbst

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Lange war der Bücherkater weg. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Den Sommer über hatte sich der Bücherkater kaum blicken lassen. So rar hatte er sich gemacht, dass die Nachbarn schon besorgt nach ihm fragten. Es war eine Zeit, in der allerhand Gefahren auf Vorgartentiger lauerten. Damit, dass man ihnen die gewohnte Umgebung kurz und klein schlug, war es ja längst nicht getan.

Vielleicht die Hitze. Die äußeren Umstände legten es Lebenskünstlern vorübergehend nahe, den ganzen Tag im Schatten zu bleiben und erst nachts auf Expeditionen zu gehen. Doch jetzt, an der Schwelle zum zweiten Herbst ohne Bücherhaus, zum zweiten Herbst ohne Bücherbaum, jetzt kam der Bücherkater wieder ans Tageslicht.

Ob er sich erinnerte? Wie er als winziger Wohnsitzloser beim Büchermann eingezogen war, katzenmutterseelenallein, in eine Kiste mit Gelesenem aus zweiter, dritter Hand – wie er mit Böll und Hesse unterm Vordach wohnte? Nicht komfortabel, aber halbwegs sicher. Wie der Büchermann auf einmal tot war. Mit ihm, nach ihm verschwanden all die Bücherkisten draußen vor dem Haus, und dann verschwand auch das Bücherhaus, und dann verschwand auch der mächtige Bücherbaum mitsamt seiner frühlings stets aufgedonnerten Gefährtin, der Kirsche.

Das war nun alles ein Jahr her. Neue Steine hatten die Bauarbeiter aufgehäuft und ein doppeltes Haus dorthin brutalisiert, wo zuvor ein viel kleineres stand. Immer neue Schotterschichten hatten sie im grotesk geschrumpften Garten übereinandergeschüttet und festgestampft – so viele neue Geröllschichten, dass das Büchergrundstück nun einen guten Meter über das Niveau der anderen Gärten hinausragte. Nur einen neuen Baum hatten sie nicht gepflanzt. Eichhörnchen, Vögel und Fledermäuse waren enttäuscht abgewandert.

Man brauchte eine Jalousie jetzt beim Frühstück in der Küche, wegen der Morgensonne ohne den gutmütigen Bücherbaumschatten. Man holte sich nasse Füße jetzt, wenn man abends als Bauinspektor Bücherkater über den Schotter trottete. Und man schätzte es beileibe nicht, dass sich äußere Umstände wandelten. Wäre es nach dem Bücherkater gegangen und nach seinen Bewunderern, hätte alles so bleiben können, wie es gewesen war, auch wenn die Passanten stets die Nasen gerümpft hatten wegen der Literatur in modernden Bananenkisten. Was wussten sie schon vom Leben in Büchern.

Aus dem Schotter aber drang allmählich kühnes Herbstgrün – als ob der Bücherbaum auf seine Rückkehr sann. Die Winkelspinnen verschafften sich Zutritt zu den leerstehenden Räumlichkeiten. Das letzte Wort war noch nicht gesprochen. Alles wartete gespannt auf die Nachfolger des Büchermannes.

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